
Die Fußball-WM schlägt sich auch literarisch nieder. Mit einem Stoßgebet beginnt der Newsletter, den die Connewitzer Verlagsbuchhandlung in Leipzig zum Beginn des Turniers am 11. Juni versandt hat. Verfasst hat die flehentlichen Verse Urs Widmer, der 2014 gestorbene Schweizer Autor, der zu den größten Fußballfans der deutschsprachigen Literatur zählte. „Oh Kahn, geh nicht unter / Oh Ballack bleib rund! / Kuranyi! Sei munter! Oh Klose bleib gsund!“, heißt es bei ihm. Auch die zweite Strophe enthält Anrufungen und Aufforderungen: „Oh Becken werd Bauer! / Oh Klins sei ein Mann! / Seid lustig nicht sauer / und tut was ihr kann!“
Das gibt dem Fieber Ausdruck, das Fans seit eh und je packt, vor dem nächsten Spiel des Lieblingsvereins oder dem Vorrundenauftritt der Nationalmannschaft. Widmers Gedicht bringt die großen Emotionen auf kleinstem Raum unter. Das klappt vielleicht auch deswegen so gut, weil Lyrik schon immer etwas mit Bewegung zu tun hatte. Schließlich geht das Wort Vers auf das Drehen und Wenden des Pfluges bei der Feldarbeit und den lateinischen Ausdruck für die Ackerfurche zurück.
Fußballer sollen allerdings nicht ackern, sondern mit ihren Füßen so flink über den Platz eilen wie Widmer mit seinen Wörtern durch seine acht Zeilen. Mögen die nach Nordamerika entsandten Spieler, zu denen man in der deutschen Fernsehferne hält, auf engstem Raum so erfindungsreich sein wie die Dichter.
Denn weil auch der Fußball ab und zu eine schöne Kunst ist, waren und sind ihm viele Schriftsteller gewogen. Das gilt nicht nur für die Mitglieder der Autoren-Nationalmannschaft, die 2005 von Thomas Brussig gegründet wurde und mit ihrem Sieg über Spanien im Jahr 2024 Europameister wurde. Ihr Ehrenspielführer war bis zu seinem Tod vier Jahre zuvor der Schriftsteller Ror Wolf. „Das Fußballspiel ist nicht die Fortsetzung des Lebens“, schrieb er, „sondern das Leben ist die Fortsetzung des Fußballspiels.“ Weshalb Christoph Kramer, Weltmeister von 2014, sogar auf die Seite der Schriftsteller gewechselt ist. Sein nächster Roman, „Wolkenberührpunkt“, erscheint im Herbst.
Aber das Dichten von Fußball-Schüttelreimen ist nun für alle patriotisch-poetische Pflicht. Jeder Vers ein Treffer. „Oh, zitt’re nicht, Herr Schlotterbeck, / sei wacker, Woltemade, / damit das Runde geht ins Eck / des Gegners. Ach, wie schade. / So heißt es dann in Abidjan / und auch in Yamoussoukro.“
