Glücklich die Zeiten, als man über Hitze und Kälte noch ganz unbefangen schimpfen konnte. Der Politologe Christian Graf von Krockow wies 1975 darauf hin, dass politische Debatten stets um Veränderbares kreisen. Aus diesem Grund biete das Wetter „einen so beliebten, konkurrenzlos unverfänglichen, verbindend unverbindlichen Gesprächsgegenstand“ – weil es eben nicht reformierbar und damit nicht politisierbar sei: „Deshalb gibt es noch keine Wetterpolitik und kein Wetterrecht, keine Wetterbürokratie und keinen Wetterminister, keinen Konflikt oder gar Krieg um das Wetter.“
Das hat sich gründlich geändert, seit die Folgen des Klimawandels für jedermann spürbar sind, mit Temperaturen von 40 Grad in deutschen Großstädten. In Gesprächen über das Wetter schwingen immer politische Botschaften mit. Wer einen heißen Sommertag „schön“ nennt, gilt den einen als Klimaleugner, wer die Hitze als „unerträglich“ bezeichnet, den anderen als Alarmist.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Das gilt aber nicht nur für unerträglich schönen Sonnenschein. In den vergangenen Tagen schaltete die deutsche Debatte erstaunlich abrupt von Hitze-Angst zu Kälte-Furcht um. Stritt die Politik noch vor wenigen Tagen darum, wer denn für Klimaanlagen in Schulen oder Altenheimen zuständig sei, sorgen sich Behördenchefs und Verbraucherschützer jetzt ums Frieren im Winter.
Um den Klimawandel geht es dabei nicht, noch nicht – auch wenn Forscher dieser Tage wieder vor der Abkühlung des Nordatlantik warnten, die den Mitteleuropäern in naher Zukunft so etwas wie eine neue Eiszeit bescheren könnte. Nein, der niedrige Füllstand der deutschen Gasspeicher ist das Thema, verbunden mit der Furcht, dass deutsche Haushalte durch die Versäumnisse von Versorgern und Politik im Kalten sitzen können.
Urängste vor der Kälte
Das Interessante daran ist, dass eisige Kälte den Menschen mehr Angst zu machen scheint als brütende Hitze, jedenfalls in unseren Breiten. Nicht umsonst arbeitete der aufrüttelndste Klimafilm aller Zeiten, „The Day After Tomorrow“ von 2004, mit dem Szenario einer neuen Eiszeit durch das Abflauen der nordatlantischen Meeresströmung.
In Deutschland kommen tief sitzende historische Erfahrungen hinzu. Die geschätzt 14.000 Hitzetoten in diesem Jahr sind gewiss eine hohe Zahl. Aber im extrem kalten Winter 1946/47 starben mehrere hunderttausend Menschen an der Kälte, der durch sie verschärften Hungersnot und den aus beidem resultierenden Krankheiten. „Erfroren sind schon viele, aber erstunken ist noch keiner“, pflegte man hierzulande früher zu sagen, wenn sich jemand über hohe Temperaturen beschwerte.
Hinzu kommt das Gefühl, ob durch Fakten unterlegt oder nicht, dass man sich vor Hitze besser schützen könne als vor Kälte. Wer sich wenig bewegt, viel trinkt und draußen eine Kopfbedeckung trägt, verbessert seine Überlebenschancen bei hohen Temperaturen beträchtlich. Bei minus 20 Grad auf der Parkbank hingegen kann eine noch so dicke Daunenjacke den Erfrierungstod nur hinauszögern, nicht verhindern. Dass die ersten Menschen in Afrika lebten und nicht am Polarkreis, deutet ebenfalls auf die besondere Lebensfeindlichkeit kalter Umgebungen hin.
Das hat Folgen für die politische Debatte. Die Meldung, dass die Republik mit halb leeren Gasspeichern in einen geopolitisch schwierigen Winter geht, ängstigt die Leute nun mal. Da kann die Wirtschaftsministerin noch so viele Sachargumente aufzählen, warum das kein Anlass zum Umsteuern ist. Ähnlich naiv handelte ihr Vorgänger, der im Streit um sein Heizungsgesetz die Urängste nicht bedachte, die der Gedanke an ein kaltes Heim auslösen kann. Diese Furcht sollte die Politik immer bedenken, ob es nun um Hitze oder um Kälte geht.
