
Würden Menschen gesucht, die beispielhaft für den guten Kaufmann und Unternehmer stehen, Jürgen Heraeus wäre sicher eine gute Wahl. Der Hanauer steht nicht nur für kaufmännischen Erfolg mit dem Edelmetall- und Technologiekonzern Heraeus, sondern auch dafür, mit Unternehmertum soziales und politisches Engagement zu verbinden. Der 1936 geborene Heraeus hat das gleichnamige hessische Unternehmen stark geprägt, seit er 1977 zum stellvertretenden Vorsitzenden und 1983 zum Vorsitzenden der Geschäftsführung von Heraeus wurde, in vierter Generation des Familienunternehmens.
Als er diese Position im Jahr 2000 abgab und in den Aufsichtsrat wechselte, hatte Heraeus aus dem traditionsreichen Edelmetallhaus einen international tätigen Technologieführer geformt. Dazu gründete er 1985 eine Holding und sorgte für eine klarere Aufteilung des Geschäfts in fünf Sparten, die den Konzern ein Vierteljahrhundert lang bestimmte. Dabei soll er als Chef einer wachsenden Organisation zwar die nötige Konsequenz an den Tag gelegt haben, um die Interessen des Unternehmens durchzusetzen, aber gleichzeitig stets fair aufgetreten und offen für Neues gewesen sein, heißt es. Transparenz, klare Strukturen und langfristiges Denken über die eigene Generation hinaus waren Werte, die das unternehmerische Handeln von Heraeus, der Vater von fünf Töchtern ist, geprägt haben.
Nach dem Abschied vom Vorstandsvorsitz und damit aus dem Alltagsgeschäft der Hanauer übernahm Heraeus im Jahr 2000 den Vorsitz im Aufsichtsrat, dem er bis 2020 vorstand. Danach zog sich der Unternehmer schrittweise aus dem Geschäft des Konzerns und aus der Öffentlichkeit zurück.
Gesellschaftlich engagiert
Nach dem Abitur studierte Heraeus Betriebswirtschaftslehre, arbeitete anschließend als wissenschaftlicher Assistent an der Universität München und wurde dort 1963 promoviert. 1964 trat er in den Heraeus-Konzern ein, wurde 1970 Finanzchef.
Gesellschaftlich war der Unternehmer ebenfalls engagiert. 2008 übernahm Heraeus nach einer schweren Führungskrise wegen unzureichender Transparenz den Vorsitz des Deutschen Komitees für UNICEF. In den folgenden Jahren half er, die Organisation neu aufzustellen und verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.
Auch in seiner Geburtsstadt Hanau trat Heraeus über Jahrzehnte nicht nur als Unternehmer in Erscheinung, sondern auch durch sein Engagement in den Heraeus-Stiftungen. Gemeinsam mit seiner Familie engagierte er sich im Stiftungswesen, war unter anderem Vorstand der Bertha-Heraeus-Stiftung und Vorstandsvorsitzender der Kathinka-Platzhoff-Stiftung, die sich vor allem der Förderung der Jugend- und Erwachsenenbildung widmet. Unter anderem betreibt die Stiftung in der Stadt eine Kindertageseinrichtung und ein Familienzentrum.
Nach 33 Jahren zog sich Heraeus im Jahr 2022 aus dem Vorstand der Stiftung und auch in Hanau aus der Öffentlichkeit zurück: Man müsse akzeptieren, dass man ein gewisses Alter erreiche, sagte er damals dem „Hanauer Anzeiger“.
Kein anderes Unternehmen ist so verwoben mit der Stadt wie Heraeus. Die Geschichte geht bis ins 17. Jahrhundert zurück. 1660 übernahm Isaac Heraeus eine Apotheke in der Neustadt, acht Jahre später gründete er die Einhorn-Apotheke am Marktplatz. Schon sein Sohn handelte mit Edelmetallen, damals wie heute war Hanau ein Zentrum des Goldschmiedehandwerks. 1851 dann übernahm Wilhelm Carl Heraeus die Einhorn-Apotheke. Der Chemiker wusste, dass die Goldschmiede Platin in der Schmuckherstellung wegen des hohen Schmelzpunkts nur schwer bearbeiten konnten. Er entwickelte einen Knallgasbrenner, mit dem Platin in größerer Menge geschmolzen werden konnte, und gründete die „Erste Deutsche Platinschmelze W. C. Heraeus“, die Keimzelle des heutigen Konzerns. Er engagierte sich zudem in der Stadtpolitik, er gehörte dem Magistrat an und war stellvertretender Oberbürgermeister.
Am Mittwoch wird Jürgen Heraeus 90 Jahre alt.
