Welche Risiken sollten deutsche Unternehmen eingehen, wenn sie international expandieren? Diese Frage ist nicht erst heute hochaktuell. Sie hat auch in der Geschichte immer wieder eine zentrale Rolle gespielt, beispielsweise nach den beiden Weltkriegen. Viele Unternehmen hatten mit dem Kriegsende 1918 ihren gesamten Auslandsbesitz verloren, am Ende des Zweiten Weltkriegs häufig ein zweites Mal. Trotzdem kehrten selbst die am stärksten betroffenen Unternehmen auf die Märkte im Ausland zurück, und häufig genug hieß das, neuen Grundbesitz und neue Patente zu erwerben und sich damit erneut genau jenen Risiken auszusetzen, die zum Totalverlust geführt hatten.
Warum haben die Unternehmen es dennoch gewagt? Die unternehmenshistorische Forschung hat diese Frage in konkreten Fällen auf der Grundlage von Vorstandsprotokollen und anderen Dokumenten beantwortet.
Der Bayer-Konzern beispielsweise war vor dem Ersten Weltkrieg zu einem der größten Chemiekonzerne der Welt aufgestiegen und profitierte dabei auch von dem stark wachsenden US-Markt. 60 bis 80 Prozent der Umsätze generierte das Auslandsgeschäft, insbesondere mit Farbstoffen, aber auch mit pharmazeutischen Produkten, darunter Aspirin.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Als die USA 1917 in den Ersten Weltkrieg eintraten, wurden die amerikanischen Bayer-Patente unter die Aufsicht eines Treuhänders für das Feindvermögen gestellt und schließlich zusammen mit den Fabriken an einen amerikanischen Wettbewerber verkauft. Trotz dieses Verlustes entschloss sich Bayer, schon kurz nach dem Krieg auch in die USA zurückzukehren.
Auch die Patente von Robert Bosch für den Magnetzünder waren in den USA 1917 enteignet und in ein amerikanisches Unternehmen eingebracht worden, das sich frecherweise „American Bosch Magneto Corporation“ nannte. Trotzdem kehrte das deutsche Unternehmen auf den amerikanischen Markt mit neuen Patenten und erweiterter Produktpalette zurück und übernahm später den Konkurrenten.
Natürlich lässt sich die Zeit des Ersten Weltkriegs nicht eins zu eins mit den heutigen geopolitischen Konfliktlagen vergleichen. Das Ausmaß der globalen Verknüpfung von Produktionsprozessen ist heute wesentlich größer als vor hundert Jahren. Aber aus solchen Fallstudien lässt sich doch die Lehre ziehen, dass Unternehmen selbst angesichts gravierender geopolitischer Konflikte als wichtig angesehene Auslandsmärkte bewirtschaften. Es gibt viele Beispiele dafür, wie Unternehmen damit langfristig erfolgreich waren.
Unternehmensnachfolge als Thema der Geschichtsforschung
Doch dann kommt die nächste Gefahr ins Spiel, nämlich die Unternehmensnachfolge, insbesondere in Familienunternehmen. Auch hier ist Robert Bosch interessant, der sich noch zu Lebzeiten intensiv mit Plänen zur Weitergabe seines Erbes befasst hatte. Nach dem Testament von 1938 sollten seine Firmenanteile in eine Stiftung eingebracht werden, die als Testamentsvollstreckerin Geschäftsanteile an seine beiden Töchter aus erster Ehe und die noch minderjährigen Kinder aus zweiter Ehe übertragen sollte. Für den Fall, dass sich eines seiner Kinder für die Unternehmensführung eignete, sollte dieses weitere Anteile der anderen Eigentümer erhalten. Dabei dachte Bosch vor allem an seinen 1928 geborenen Sohn Robert. Bosch suchte für die Weitergabe seines Unternehmens nach einer Lösung, die seinen Kindern ein angemessenes Erbe erlaubte, aber zugleich das langfristige Überleben des Unternehmens sicherte.
Gerade in Familienunternehmen gibt es eine große Sensibilität für die Risiken, die sich aus einer unklaren Nachfolgeregelung ergeben können. Viele Familien haben hierfür über Generationen gepflegte Verfahrensgrundsätze entwickelt, die aber keine Garantie für eine problemlose Unternehmensweitergabe sind, schon weil sich die Rahmenbedingungen ständig ändern.
Im mittelständischen Automobilzulieferunternehmen Borgers aus Bocholt waren nach dem Zweiten Weltkrieg drei Familienzweige an der operativen Geschäftsführung beteiligt. Die Zusammenarbeit lief nicht immer reibungslos. Ein heftiger Machtkampf zwischen den drei Hauptverantwortlichen entstand ausgerechnet im Strukturwandel der späten 60er-Jahre. Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, der das Unternehmen an den Rand des Ruins brachte. Wenn eine Nachfolgeregelung in einer solchen Drucksituation ausgehandelt werden muss, dann werden wichtige Strukturentscheidungen auf Jahre hinaus blockiert. Und es zeigte sich: Für einen Konsens innerhalb der Familie war es hilfreich, dass die zwei folgenden Geschäftsführer aus der Familie Karrieren außerhalb des Bocholter Firmensitzes absolviert hatten. Borgers erlebte noch mehrere erfolgreiche Jahrzehnte.
Aufarbeitung des Nationalsozialismus
Die Unternehmensgeschichte ist schließlich noch auf einer ganz anderen Ebene relevant für die Gegenwart gerade deutscher Unternehmen. Viele Unternehmen haben während der Zeit des Nationalsozialismus durch die Verdrängung und Verfolgung von jüdischen Eigentümern und Beschäftigten, die Beschäftigung von Zwangsarbeitern und die Mitarbeit in den nationalsozialistischen Institutionen Schuld auf sich geladen. Die Aufarbeitung dieser Taten ist häufig schmerzhaft, wird von einer kritischen Öffentlichkeit aber heute erwartet. Wer junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen möchte, muss nicht nur Karrieremöglichkeiten, gute Gehälter und eine ausgeglichene Work-Life-Balance bieten, sondern auch kritisch und offen mit der eigenen Vergangenheit umgehen.
Die Zeitenwende in der unternehmerischen Geschichtspolitik in Deutschland vollzog sich in den 1990er-Jahren: Eine öffentliche Diskussion über die Zwangsarbeit bei Daimler-Benz im Anschluss an die Festschrift zum 100. Firmenjubiläum 1986 und eine Studie über die Zwangsarbeiterbeschäftigung bei Volkswagen, die von Hans Mommsen und Manfred Grieger 1995 veröffentlicht wurde, setzten Maßstäbe für die kritische Aufarbeitung des Themas. Etwas später entwickelte sich aus der „Raubgold“-Thematik eine weitere Aufarbeitungswelle. Deutsche und Schweizer Großbanken und Unternehmen hatten während der NS-Zeit einen lukrativen Handel mit Goldbeständen betrieben, die aus der Enteignung jüdischen Vermögens stammten, in Konzentrationslagern brutal geraubt oder in besetzten Gebieten entwendet worden waren. Erst in den 90er-Jahren entschlossen sich die Banken zu einer aktiven Aufarbeitung dieser Zusammenhänge.
Das hing nicht zuletzt mit der Internationalisierung der Großbanken zusammen. So wurde 1999 bei der Übernahme des amerikanischen Bankers Trust durch die Deutsche Bank auch deren Vergangenheit in der Nazizeit zum Thema. Wie schwierig eine unkritische Erzählung über das Verhalten eines Unternehmens im Dritten Reich sein kann, musste vor einigen Jahren auch die Familie Bahlsen erfahren. Die Lufthansa versuchte lange Zeit, die Fiktion aufrechtzuerhalten, sie könnte sich von der eigenen Vergangenheit isolieren und sich allein auf die Erfolgsgeschichte nach der Neugründung im Jahr 1954 beschränken. Das ist erst beim jüngsten 100-jährigen Firmenjubiläum weithin sichtbar korrigiert worden.
Die Beispiele für einen aktiven und kritischen Umgang mit der eigenen Unternehmensgeschichte sind mittlerweile so zahlreich, dass im Wege einer empirischen Studie einmal untersucht werden könnte, ob sich im Vergleich der aufarbeitenden mit den nichtaufarbeitenden Unternehmen auch Effekte für den wirtschaftlichen Erfolg messen lassen.
Unternehmensgeschichte als Teil der Betriebswirtschaftslehre
Die Lage der unternehmenshistorischen Forschung an den deutschen Universitäten macht solche Studien allerdings eher unwahrscheinlich. Denn es gibt nur einen einzigen Lehrstuhl für Unternehmensgeschichte – an der Universität Stuttgart, finanziert durch Mittel der Porsche-Stiftung. Wie die gesamte unternehmenshistorische Forschung ist auch dieser Lehrstuhl in den Geschichtswissenschaften verankert. Das ist hinsichtlich der notwendigen Qualifikation einleuchtend, weil Unternehmenshistorikerinnen und Unternehmenshistoriker ihr Wissen vornehmlich aus dem Quellenstudium in Unternehmensarchiven beziehen, die es in Deutschland in großer Zahl gibt.
Für die hier angesprochene Verknüpfung von historischem Wissen und gegenwärtiger Managementpraxis ist die einseitige Verordnung im deutschen Wissenschaftssystem aber ungünstig. Im Ausland ist das anders. Dort ist die Unternehmensgeschichte Teil der Management-Ausbildung. Einige Business Schools wenden dabei die von der Harvard Business School eingeführte Case-Study-Method an, bei der die Management-Ausbildung ausschließlich auf der Grundlage von realen Fällen erfolgt. Historikerinnen und Historiker werden dabei systematisch eingebunden.
Diese Zusammenarbeit von Geschichtswissenschaft und Betriebswirtschaftslehre hat im Ausland dazu geführt, dass die wichtigste betriebswirtschaftliche Zeitschrift, das „Academy of Management Journal“, regelmäßig unternehmenshistorische Aufsätze publiziert. In Deutschland dagegen gibt es bisher keine engere Zusammenarbeit zwischen den universitären Disziplinen. Unter den gut 4000 Professuren für Betriebswirtschaftslehre in Deutschland findet sich meines Wissens nicht eine einzige, die sich auf die Unternehmensgeschichte spezialisiert hätte.
Private Initiativen erforschen die Unternehmensgeschichte
Die wissenschaftliche Lücke wird hierzulande durch verschiedene private Initiativen geschlossen, allen voran durch die Frankfurter Gesellschaft für Unternehmensgeschichte (GUG), die kürzlich ihr eigenes 50-jähriges Firmenjubiläum feierte. Hier kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Unternehmerinnen und Unternehmern zusammen und diskutieren die Bedeutung von Themen der Unternehmensgeschichte für die heutige Unternehmensführung, aber auch für die Gesellschaft insgesamt. Ohne die in die Hunderte gehende Zahl von Auftragsprojekten der GUG wäre die deutsche unternehmenshistorische Forschung empirisch sehr viel ärmer. Denn die vielen Fallstudien lassen sich über universitäre Forschungsprojekte nicht ansatzweise abbilden. Die Leistungsfähigkeit dieses Teils der Geschichtsforschung wurde in den letzten 10 bis 15 Jahren ganz erheblich gesteigert. Eine kritische und archivalisch substanziierte, durch Unternehmen beauftragte Studie unterscheidet sich heute kaum noch von einer wissenschaftlichen Ausarbeitung etwa im Rahmen einer Dissertation.
Trotzdem ersetzt die gegenwärtige, durch die Zufälle der Firmenjubiläen bestimmte Praxis der Unternehmensgeschichte keine unternehmenshistorische Forschung. Was heute fehlt, ist die wissenschaftliche Synthese. Denn nur aus dem systematischen Vergleich der Einzelfälle, über Branchen und über die Unwägbarkeiten der historischen Rahmenbedingungen hinweg lassen sich gerade in einer Welt des Umbruchs belastbare Lehren aus der Vergangenheit ziehen. Diesen großartigen Wissensschatz lässt die deutsche Forschungslandschaft, und übrigens auch ein dichtes Netz an privatwirtschaftlichen Stiftungen, leider gerade vollständig ungenutzt.
