
In der Politik sind glaubwürdige Typen gefragt. Dafür ist Elke Kahr der lebende Beweis. Am Sonntag schaffte es die Kommunistin nicht nur, ihr Amt als Bürgermeisterin von Graz zu verteidigen. Nach fünf Jahren konnte sie den Vorsprung ihrer KPÖ im Gemeinderat sogar noch kräftig ausbauen.
36 Prozent der Wähler stimmten in der zweitgrößten Stadt Österreichs trotz Rekordhitze für die Kommunisten, sieben Prozentpunkte mehr als 2021. Die konservative ÖVP, die die Grazer Politik über Jahrzehnte dominiert hatte, landete weit abgeschlagen bei 25 Prozent. Die rechte FPÖ – im Bundestrend mit stabilen 37 Prozent allen anderen weit enteilt – kam sogar nur auf zwölf Prozent. Und die Sozialdemokraten? Die landeten fast unterhalb der Wahrnehmungsgrenze bei 5,63 Prozent.
Hält wenig von linker Identitätspolitik
Doch überrascht hat das in der steirischen Landeshauptstadt eigentlich niemanden. Ihre Bürgermeisterin ist den Grazern schon seit Jahrzehnten bekannt. Vor der lokalen KPÖ hat man im eigentlich bürgerlich geprägten Graz längst die Angst verloren.
Kahr, 1961 geboren, wuchs bei Adoptiveltern am Rande einer Grazer Arbeitersiedlung auf. Sie ging zur Handelsschule und holte ihre Matura am Abendgymnasium nach. Als sie 1979 das erste Mal die Tür des Volkshauses der KPÖ aufgestoßen habe, habe sie gefunden, wonach sie suchte, erzählt Kahr im Gespräch: eine Gemeinschaft, in der jeder gleich sei, ganz egal, woher er komme.
1983 trat sie in die KPÖ ein, die als streng moskautreu galt. Heute beteuert Kahr, viele Parteifreunde hätten die Sowjetherrschaft schon damals kritisch gesehen, doch seien es die alten Genossen gewesen, viele noch durch die Verfolgung der NS-Zeit geprägt, die sich an die alten Wahrheiten geklammert hätten.
Dennoch bezeichnet die Mutter eines erwachsenen Sohnes, die seit fast vierzig Jahren mit einem Parteifreund zusammenlebt, ihre KPÖ als Weltanschauungspartei. Nur gehe es nicht darum, die Menschen auf eine bessere Welt zu vertrösten, sondern die Probleme heute zu lösen. Von moderner linker Identitätspolitik oder ideologischen Grabenkämpfen hält sie wenig. Selbst mit der rechten FPÖ bleibe sie im Gespräch – die seien schließlich von Menschen gewählt worden.
Das Erfolgsrezept der Grazer Kommunisten ist jedenfalls einfach. Schon 1998 hatte die KPÖ aufgrund des kommunalen Proporzsystems das Wohnressort erhalten. Damals erarbeitete sich Ernest Kaltenegger den Ruf, stets für jeden Bürger ansprechbar zu sein und im Zweifel selbst zum Werkzeugkoffer zu greifen, um ein Problem zu lösen. Als Kahr den Posten 2005 übernahm, führte sie diesen Stil auf ihre Art weiter – und schaffte es 2021 überraschend, die KPÖ zur stärksten Kraft zu machen.
Was die Übertragbarkeit der Grazer Erfolge auf andere Städte angeht, ist Kahr allerdings zurückhaltend: Bundesweit rangiert die KPÖ bei drei Prozent, auch wenn sie immer wieder kommunale Achtungserfolge erzielt. Sie könne keine Blaupause anbieten, sagte Kahr, es komme auf die Menschen an. Die beste Idee helfe nichts, „wenn die Leute sie nicht leben“.
