
Unicredit treibt die Übernahme der Frankfurter Commerzbank voran. Die italienische Großbank legte am Dienstag ihr Mitte März angekündigtes Angebot an die Commerzbank-Aktionäre offiziell vor. Bis 16. Juni können alle Anteilseigner eine Commerzbank-Aktie in 0,485 Unicredit-Aktien tauschen. Falls Unicredit das Angebot verändert, etwa den derzeit unter dem Börsenwert liegenden und damit unattraktiven Umtauschwert erhöht, verlängert sich die Sechs-Wochen-Annahmefrist um weitere zwei Wochen.
Die Finanzaufsicht Bafin, die Unicredit zuletzt „unsachliche Werbung“ sowie „die Verbreitung irreführender Analysen und Prognosen“ untersagt hatte, konnte das Übernahmeangebot seit Mitte März prüfen und hatte dagegen formal keine Einwände. Allerdings lehnen die Bundesregierung, nach Unicredit mit zwölf Prozent zweitgrößter Commerzbank-Aktionär, und der Commerzbank-Vorstand Unicredits Übernahmepläne unverändert als feindlich ab. Die Commerzbank teilte am Dienstag lediglich pflichtschuldig mit, Vorstand und Aufsichtsrat würden „die Angebotsunterlage prüfen“ und später „ihre begründete Stellungnahme“ veröffentlichen.
Seit dem Einstieg in den Aktionärskreis durch den Erwerb eines Staatsanteils von 4,5 Prozent im September 2024 hat Unicredit sein Aktienpaket immer weiter auf derzeit 26,77 Prozent an der Commerzbank aufgestockt und hat darüber hinaus durch Derivate aus Termingeschäften und Optionen Zugriff auf weitere 3,22 Prozent der Commerzbank-Aktien. Zudem gibt es Großanleger wie die gut neun Prozent an Derivaten auf Commerzbank-Aktien haltende US-Investmentbank Jefferies, die anscheinend im Auftrag von Unicredit diese Investments eingegangen sind.
Orcel: Unicredit geht „diszipliniert“ vor
Mit Überschreiten von 30 Prozent müsste Unicredit eigentlich nach dem Gesetz ein Pflichtangebot vorlegen, das sich am Durchschnittskurs der vergangenen drei Monate orientiert. Mit dem nun laufenden Angebot umgeht Unicredit diese Hürde, denn das Umtauschangebot, Commerzbank-Aktien in Anteile an Unicredit tauschen zu können, spricht Unicredit schon vor Erreichen der 30-Prozent-Schwelle aus.
Vorstandschef Orcel sagte vor Analysten am Dienstag, dass Unicredit „diszipliniert“ vorgehe. Unicredit strebt mit dem derzeitigen Übernahmeangebot in einem ersten Schritt nur das Überschreiten der 30-Prozent-Schwelle an, um dann mehr Freiheiten bei weiteren Commerzbank-Aktienzukäufen zu haben. Das bestätigte Orcel: Er glaube nicht, dass er mit dieser Offerte die Kontrolle über die Commerzbank erhalten werde.
Tatsächlich würden die Commerzbank-Aktionäre einen Verlust hinnehmen, wenn sie ihre Anteile zu den von Unicredit vorgelegten Konditionen tauschen. Die Commerzbank-Aktie legte am Dienstagvormittag um 3,5 Prozent auf gut 35 Euro zu. Nach dem aktuellen Tauschverhältnis beläuft sich das Unicredit-Angebot auf etwa 32,8 Euro je Commerzbank-Aktie.
Öffentlicher Streit um Geschäftsmodell
Von der geringen Attraktivität weiß natürlich auch Andrea Orcel. Der gelernte Investmentbanker, der seit April 2021 Unicredit als Vorstandschef (CEO) führt, wirbt um die Commerzbank-Aktionäre mit dem Verweis auf bessere Zukunftsaussichten. In der Angebotsunterlage ist von einem „Wertschöpfungspotenzial“ von bis zu zwei Milliarden Euro die Rede.
Eine Verschlankung der mehr als 10.000 Mitarbeiter beschäftigenden Frankfurter Commerzbank-Zentrale, eine Modernisierung der IT, ein besseres Rating und ein geringerer Finanzierungsbedarf durch einen Abbau risikogewichteter Aktiva (RWA) brächten im Falle eines Zusammenschlusses der beiden Banken vor Steuern bis 2030 einen jährlichen Mehrwert von 1,1 Milliarden Euro, heißt es in der am Dienstag veröffentlichten Unterlage für das Übernahmeangebot an die Commerzbank-Aktionäre.
In den vergangenen Wochen hat sich ein öffentlicher Streit um das künftige Geschäftsmodell entwickelt. Am 16. März hatte Orcel einen Umbauplan für die Commerzbank im Fall einer Übernahme skizziert. Darin kritisierte er unter anderem, das Auslandsnetz der Commerzbank sei „überdimensioniert“ und „ineffizient“.
„Es gab zehn Gespräche“
Commerzbank-Vizechef Michael Kotzbauer hatte in einem Interview mit der F.A.Z. das 40 Niederlassungen umfassende Auslandsstandortnetz der Commerzbank als Kern ihrer Strategie als Bank für den sehr internationalen deutschen Mittelstand verteidigt, der Investitionen in Asien und den USA lokal finanzieren müsse. Unicredit dagegen ist profitabler als die Commerzbank, gilt aber in erster Linie als eine europäische Bankengruppe mit Gesellschaften in 13 Ländern.
Zuvor zeigte sich Orlopp kämpferisch und verwies auf diesen Freitag. Dann wird die Commerzbank nicht nur wie seit Langem geplant ihre Geschäftszahlen zum ersten Quartal 2026 vorlegen, sondern auch ihre Ziele für 2028 hochsetzen. So will sie den Aktionären den weiteren Weg bis 2030 aufzeigen – damit diese nicht an Unicredit verkaufen und die Commerzbank eigenständig bleibt.
Schutzmaßnahmen gegen eine Übernahme
Doch was die Gewinne angeht, ist Unicredit der Commerzbank voraus. Wie die italienische Bank schon am Dienstag mitteilte, hat sie das Geschäftsjahr 2026 mit einem Rekordergebnis begonnen. Im ersten Quartal legte Unicredits Nettogewinn gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum um 16,1 Prozent auf 3,2 Milliarden Euro zu. Die Bank erhöhte ihren Ausblick für das Gesamtjahr leicht. Sie erwartet nun einen Nettogewinn von elf Milliarden Euro „oder mehr“, wie es in einer Mitteilung vom Dienstag heißt. Zuvor war nur von „ungefähr“ elf Milliarden Euro die Rede.
Analysten erwarten von der Commerzbank im Vorfeld ihrer für Freitag angekündigten Geschäftszahlen für das erste Quartal 2026 einen Nettogewinn von knapp 0,9 Milliarden Euro und 3,5 Milliarden Euro im Gesamtjahr. Es gilt als sicher, dass die Commerzbank diese Prognosen übertrifft, um den Aktienkurs weiter hoch zu halten. Dies gilt als wirksamster Schutz, um eine Übernahme durch Unicredit noch zu vermeiden.
Zudem wird der Vorstand höhere Gewinne für die Zukunft in Aussicht stellen. Dafür wird die Belegschaft aller Voraussicht nach einen Stellenabbau über das bisher vereinbarte Niveau von 3900 inländischen Arbeitsplätzen tragen müssen. Den Konzernbetriebsrat hat die seit Oktober 2024 amtierende Vorstandsvorsitzende hinter sich. Unter den Arbeitnehmervertretern wird befürchtet, dass Unicredit mehr Stellen abbauen wird, als ihr Chef Orcel bisher angedeutet hat. Er sprach am 16. April von rund 7000 der derzeit 25.000 inländischen Stellen, die durch einen Zusammenschluss der Commerzbank mit Unicredits Münchener Tochtergesellschaft wegfallen könnten.
Die Bundesregierung setzt weiter auf Eigenständigkeit der Commerzbank, aber weder ein Weißer Ritter, also ein anderer Bieter als Unicredit für die Commerzbank, noch ein Aktienrückkauf gelten als realistische Optionen. Für die Bundesregierung wäre nach ihren Worten eine feindliche, aggressive Übernahme nicht akzeptabel. Die Commerzbank spiele eine wichtige Rolle bei der Finanzierung der deutschen Wirtschaft und des deutschen Mittelstands.
