
Vollkommen entfaltet sich der Zauber nur in der Festhalle. Hier tanzen Olympiasiegerin Darja Varfolomeev und ihre Kolleginnen umhüllt von bläulich-magischem Licht in glitzernden Outfits leichtfüßig über den hellen Teppich, während sie behände mit ihren Kleingeräten jonglieren.
Draußen ist vom Glanz und Glamour der Rhythmischen Sportgymnastik, die in dieser Woche ihre Weltmeisterschaften in Frankfurt austrägt, abgesehen von kurzen Warteschlangen am Einlass zu den Stoßzeiten wenig zu merken. Hinter dem pinkfarbenen Tor der Fanzone lädt eine Torwand zum Zielschießen ein. Eine Minitischtennisplatte fordert zum Duell, und in einem von blauen Turnmatten dominierten Hindernisparcours sollen Warriors, also Krieger, bestehen.
Rhythmische Sportgymnastik, sagt WM-Organisationschef Thorsten Weiß vom Deutschen Turner-Bund, spreche trotz der wachsenden Beliebtheit, die in erster Linie die Erfolge der fünffachen Weltmeisterin Varfolomeev nach sich gezogen haben, hierzulande noch immer fast ausschließlich Mädchen an. Der Vorplatz auf dem Messegelände sei jedoch für alle zugänglich und soll Vergnügen für die ganze Familie bieten. Deshalb habe man sich nicht für Offerten speziell für die Gymnastikklientel entschieden. Das wäre vermutlich nur in Japan oder Spanien denkbar: Dort ist die Sportgymnastik schon lange auch Männersache.
Allein ein Getränkehersteller hat den Bezug zu den internationalen Titelkämpfen gesucht, an denen 300 Sportlerinnen aus 73 Nationen ihr Topniveau beweisen und nach Medaillen streben. Wer zehn Sekunden lang einen Reifen um die eigenen Hüften kreisen lassen kann, mit dem bunten Band am Stab schöne Schlangen in die Luft zeichnet und einen Ball von einer Hand über Arme und Brust bis zur anderen rollen lassen kann, bekommt eine Flasche Wasser geschenkt. Auch für das vierte Handgerät der Könnerinnen sollte es eine Aufgabe geben, wie Stand-Mitarbeiterin Sophie erklärt. Doch die Keulen seien noch nicht geliefert worden.
200 Schüler streifen durch die Halle
Der Begriff weckt dunkle Erinnerungen an die hintersten Regale in Turnhallen, aus denen die staubigen, bauchigen Holzfiguren höchstens noch herausgezogen werden, um mit ihnen Slalomstrecken zu bauen. Doch die Keulen der Sportgymnastinnen sind aus leichtem Kunststoff, deutlich dünner geformt und haben einen langen Hals, an dem sie sich auch mit zarten Fingern gut greifen lassen. Davon können sich die Passanten an diversen Verkaufsständen überzeugen, an denen es auch hautfarbene, nur die Zehen und Ballen bedeckende Schläppchen für Mehrfachpirouetten gibt, Trainingstagebücher und funkelnden Haarschmuck.
Viele russische und ukrainische Stimmen schwirren durch die Luft. In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ist die Rhythmische Sportgymnastik, im deutschen Fachjargon RSG abgekürzt, sehr beliebt, und ein Großteil des Nachwuchses, der sie in Deutschland ambitioniert ausübt, hat dort seine Wurzeln.
Für Kinder, die noch keine Berührungspunkte mit dem Sport hatten, der außerordentlich viel Fleiß und Beweglichkeit verlangt, gab es während der Qualifikationstage der WM eine Schulaktion. Statt in den Vormittagsunterricht konnten die Jungen und Mädchen auch an diesem Donnerstag hineinschnuppern in das Geschehen in der „Gudd Stubb“ von Frankfurt. Mehrere Klassen mit insgesamt 200 Schülerinnen und Schülern nutzen mit ihren Lehrern diese Chance, sagt Weiß. Gerne hätte der DTB mehr Anmeldungen entgegengenommen, doch der Zuspruch sei in der ersten Woche nach den Ferien verhalten gewesen. Ein Gymnastikcamp mit 70 Aktiven in der Wintersporthalle am Stadion war dagegen schnell ausgebucht.
Trotz der Popularität, die Varfolomeev spätestens seit ihrem Goldmedaillengewinn 2024 in Paris in größeren Teilen der Öffentlichkeit genießt, bleibt die WM eine Sache für Insider und ihr Spirit auf das Messegelände beschränkt. Über den größeren Einfallstraßen und an mehreren Brücken, dem Holbeinsteg und der Flößerbrücke etwa, weisen Plakate auf die Veranstaltung hin. Eine höhere Präsenz in der City, mit der man die WM auch in die Stadt hätte hineintragen können, sei aus finanziellen Gründen nicht möglich gewesen, sagt Weiß.
Der Rhein-Main-Verkehrsverbund hatte im Vorfeld ein Foto- und Videoshooting mit der deutschen Auswahl organisiert. Doch Nutzern der öffentlichen Verkehrsmittel in der Stadt sind keine Bilder davon aufgefallen. Die Faszination verbleibt im Innenraum.
