„Nun ist der Moment da, der sich richtig anfühlt.“ Das antwortete Rico Bogen vor ein paar Wochen auf die Frage, warum er in die Triathlon-Langstrecke hineinschnuppern wolle, obwohl er auf der halben Distanz Weltmeister geworden war. Ob ihm das gute Gefühl auf der elend langen Strecke von 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und einem Marathonlauf erhalten bleiben würde, musste sich am Sonntag beim Klassiker im fränkischen Roth zeigen, dem nach Hawaii bestbesetzten Rennen des Jahres.
Im Ziel, nach 7:27:53 Stunden, waren alle Fragen beantwortet. Bogen lief beim Sieg des Franzosen Sam Laidlow als Dritter ins Ziel, nur 89 Sekunden hinter dem Norweger Kristian Blummenfelt. Vor ihm lagen damit nur zwei Ironman-Weltmeister. Laidlow hatte in 7:21:04 Stunden eine neue Weltbestzeit aufgestellt. Blummenfelt hatte den Marathon in fabelhaften 2:29:33 Stunden laufen müssen, um den deutschen Newcomer noch abzufangen. Zwei Stars der Szene vorn – und gleich dahinter Rico Bogen, der morgens um halb sieben noch nicht gewusst hatte, was er leisten und wie dieser Tag für ihn enden würde.
Keine siebeneinhalb Stunden später wusste er es – und auch die Konkurrenz nahm staunend zur Kenntnis: Da ist er, ein neuer Stern am deutschen Triathlonhimmel. Mit 25 Jahren einer, der in die Fußstapfen von Thomas Hellriegel, Normann Stadler, Faris Al-Sultan, Sebastian Kienle, Jan Frodeno und Patrick Lange treten könnte – deutsche Langstreckler von Weltruf und allesamt Hawaii-Champions. Noch ist das eine verwegene Prognose. Doch Bogen zeigte in Roth, dass er alles mitbringt, um auch für Athleten wie Laidlow und Blummenfelt zu einem gefährlichen Konkurrenten zu werden.
Schwimmen als Fundament
Seine besonderen Fähigkeiten hatte er in den ersten beiden Disziplinen gezeigt. Bis zum Alter von 16 Jahren war er Leistungsschwimmer. Das ist die Basis, die es ihm erlaubt, ein Rennen von vorn zu bestreiten. Nach 46:56 Minuten stieg er in Roth als Erster aus dem Main-Donau-Kanal, fast drei Minuten vor Blummenfelt. Was danach auf dem Rad geschah, war noch eindrucksvoller. Gemeinsam mit Laidlow und Jonas Schomburg setzte sich Bogen früh von den Verfolgern ab.
Am Solarer Berg führte der Debütant das Rennen an. In der zweiten Hälfte der Radstrecke konnte Schomburg dem Tempo nicht mehr folgen. Vorn blieben Bogen und Laidlow und vergrößerten den Vorsprung immer weiter. Nach 180 Kilometern erreichte Bogen in 3:54:45 Stunden als Erster die Wechselzone. Radstreckenrekord – exakt drei Minuten schneller als die bisherige Bestmarke des Dänen Magnus Ditlev.
Blummenfelt benötigte 4:04:10 Stunden, also fast neuneinhalb Minuten mehr als der deutsche Neuling. Zusammen mit dem Vorsprung aus dem Schwimmen bedeutete das: Als Bogen auf die Marathonstrecke ging, lag der norwegische Weltmeister 12:22 Minuten hinter ihm. Der dreimalige Hawaii-Champion Patrick Lange begann den Marathon fast 25 Minuten hinter Bogen. Allein auf dem Rad hatte Bogen ihm mehr als 20 Minuten abgenommen. Am Ende blieb für Lange Platz neun.
Von Beginn an offensiv
Bogen war das Rennen, wie angekündigt, offensiv angegangen. Von null auf hundert beim Schwimmen und Radfahren. Blieb das Laufen, seine schwächste Disziplin. Noch nie in seinem Leben war er einen Marathon gelaufen. Dass es irgendwann schwierig werden würde, hatte Bogen erwartet. „Ich wusste, dass es zäh werden würde“, sagte er. Die Krise folgte nach 32 Kilometern an der Steigung nach Büchenbach. „Da war der Körper energetisch einfach leer. Mir wurde schummrig, und ich habe teilweise weiß vor Augen gesehen.“
Bogen meldete sich bei seinem Trainer Philipp Seipp. „Ich habe ihm gesagt: Mir geht es extrem schlecht.“ Seipps Antwort fiel knapp aus: „Lauf weiter!“ Nach 2:42:22 Stunden beendete Bogen den ersten Marathon seines Lebens. Im Schwimmen und auf dem Rad gehört er bereits zur Weltspitze. Und selbst seinen ersten Marathon lief er in 2:42 Stunden. „Wenn wir die letzten zehn Kilometer noch gut hinbekommen, ist da sicher noch mehr möglich.“ Keine gute Nachricht für seine Konkurrenten. Zumal Bogen das große Ziel nicht verschweigt.
Roth sei „der erste Ausflug“ auf die Langdistanz gewesen. In dieser Saison werde er wieder auf die Mitteldistanz zurückkehren. Dort werden ordentliche Siegprämien bezahlt. Für die Langdistanz braucht es mehr Sponsoren. Darum wird sich nun Bogens Management kümmern. Roth war auch in dieser Hinsicht eine erstklassige Werbung in eigener Sache. „Rico hat einen Riesenjob gemacht“, sagt Trainer Seipp. Im nächsten Jahr will er mit Bogen dann erstmals Kurs auf Hawaii nehmen – mit einem klaren Ziel: „Ich will irgendwann Ironman-Weltmeister werden.“
