
Im Skandal um ein mutmaßlich globales Betrugs- und Geldwäschenetzwerk hat die Generalstaatsanwaltschaft Koblenz nach langen Vorermittlungen nun Anklage gegen neun Angeschuldigte erhoben. Die Vorwürfe stehen im Zusammenhang mit der „Operation Chargeback“ und einem Schaden von mindestens 350 Millionen Euro. Mehreren kriminellen Netzwerken wird vorgeworfen, die Daten von mehr als 4,3 Millionen Kreditkartenkunden aus 193 Ländern abgegriffen und über Anmeldungen auf gefälschten Websites Rückbelastungen (Chargebacks) der Kreditkarten ausgelöst zu haben. Weil viele der Kreditkarten nicht mehr gültig waren, scheiterten die Versuche, weitere 750 Millionen Euro von den ahnungslosen Besitzern zu erbeuten. Wie die F.A.Z. berichtete, spielten bei den Transaktionen die Zahlungsdienstleister Payone, Unzer (ehemals Heidelpay), Nexi Germany (ehemals Concardis) sowie Wirecard eine wichtige Rolle.
Verteidiger weisen Vorwürfe der Anklage zurück
Laut einem Bericht des „Handelsblatts“ vom Montag sollen die Strafverfolger aus Koblenz eine rund 2400 Seiten lange Anklageschrift beim Landgericht Koblenz vorgelegt haben. Die Generalstaatsanwaltschaft bestätigte die Existenz der Anklage. Eine Gerichtssprecherin wollte den Vorgang nicht bestätigen und erklärte, dass dies üblicherweise erst nach Zustellung der Vorwürfe an die Angeschuldigten erfolge. Aus dem Zeitungsbericht geht allerdings hervor, dass mehrere Strafverteidiger den Zugang der Anklage bestätigten und die Vorwürfe gegen ihre Mandanten vehement zurückwiesen.
Zu den Angeschuldigten, von denen einige sich laut F.A.Z.-Informationen in Untersuchungshaft befinden, zählen der Gründer von Heidelpay, ein in der Payment-Branche gut vernetzter Berater, der schon im März 2020 von US-Behörden festgenommen wurde, sowie eine ranghohe Managerin von Wirecard: Brigitte Häuser-Axtner. Sie war über viele Jahre hinweg in leitender Funktion im digitalen Vertrieb des Wirecard-Konzerns von Singapur aus tätig. Sie gilt als enge Vertraute des bis heute flüchtigen früheren Wirecard-Vorstands Jan Marsalek. Ihre Anwälte reagierten nicht auf die Bitte um eine Stellungnahme.
Razzien in verschiedenen Ländern
Im November 2025 hatten Aufsichtsbehörden, Ermittler und Zoll in mehreren Ländern – darunter Deutschland und Singapur – mit großem organisatorischem Aufwand zahlreiche Geschäftsräume und Privatwohnungen durchsucht. Die Razzien führten zur Sicherstellung von Vermögenswerten in zweistelliger Millionenhöhe und zur Festnahme von 18 Personen. Zwischenzeitlich hat sich die Zahl der Verdächtigen in Deutschland auf 44 Personen erhöht.
Häuser-Axtner, für die sich im Wirecard-Skandal auch Staatsanwälte aus München interessieren, geriet in den Fokus der Behörden in Singapur. In dem Stadtstaat ging an Weihnachten 2025 ein Auslieferungsgesuch nach Deutschland ein. Nach der Überstellung wurde sie Ende März einer Ermittlungsrichterin in Koblenz vorgeführt und sitzt in Untersuchungshaft.
Warum das für den Wirecard-Prozess relevant sein kann
Dort soll sich Häuser-Axtner nach Angaben der bayerischen Strafjustiz zu den Vorwürfen geäußert haben. Denn der globale Kreditkartenschwindel hat viele Berührungspunkte mit dem Wirecard-Strafprozess, in dem das Landgericht München seit Dezember 2022 gegen den ehemaligen Konzernchef Markus Braun verhandelt. Brauns Verteidigung fühlt sich durch Details der „Operation Chargeback“ in ihrer These bestätigt, wonach der Chef des einstigen Dax-Konzerns selbst Opfer eines internen Betrugsrings unter der Führung von Jan Marsalek wurde.
Theres Kraußlach, Brauns Anwältin, hat seit diesem Frühjahr mehrere Beweisanträge gestellt. Die Vernehmungen und neuen Erkenntnisse aus Koblenz sind ohnehin ein Grund, warum sich die Beweisaufnahme im Wirecard-Prozess noch über Monate ziehen könnte.
