Zwanzig Fußballgötter sind schon vorgestellt, die Startelf und die Auswechselspieler des 1. FC Union Berlin, dann macht der Stadionsprecher eine kurze Pause. „Und damit kommen wir zu unserer Trainerin. Herzlich willkommen zurück“, ruft er, „unsere Trainerin heißt: Marie-Louise Eta!“ Und von den Rängen an der Alten Försterei ruft es vieltausendfach zurück: „Fußballgöttin!“
Wer davon überrascht ist an diesem Samstagnachmittag, hat nur den aktuellen Wirbel um Marie-Louise Eta mitbekommen. So ist sie hier auch schon vorgestellt worden, als sie vor zwei Jahren als Ko-Trainerin bei den Männern aushalf. Aber natürlich ist es eine besondere, eine historische Premiere: als erste Cheftrainerin in der Männer-Bundesliga, auch in den fünf großen europäischen Ligen, wie in dieser Woche stets hinzugefügt worden ist.
Nach 90 Minuten allerdings ist noch über eine andere Premiere zu reden: nicht den ersten Sieg der „déesse de foot dans un royaume de mecs“, wie ein französischer Reporter auf der Tribüne in seinen Laptop schreibt, der Fußballgöttin in einem Reich der Jungs, sondern den ersten des VfL Wolfsburg unter dem in der Bundesliga altbekannten Trainer Dieter Hecking.
„Am Ende ging es um Fußball, darauf habe ich mich gefreut“
Eine knappe Stunde nach dem Abpfiff steht Marie-Louise Eta im Presseraum der Alten Försterei, wo sie am Donnerstag so viel Vorfreude verströmt hat. Nun ist der Ernst des Bundesliga-Alltags zu spüren. Sie sei „enttäuscht“, sagt sie. „Aber ich kann den Jungs nicht viel vorwerfen.“ Es sei zu sehen gewesen, dass sie „miteinander Fußball spielen wollen und auch können“, vor allem sei die Reaktion nach den Gegentoren durch Patrick Wimmer (11. Minute) und Dzenan Pejcinovic (46.) gut gewesen.
Dann versucht sie noch den vielen vergebenen Chancen auch nach dem Anschlusstor durch Oliver Burke (86.) einen positiven Dreh zu geben: „Wir müssen so weitermachen, dann ist es eine Frage der Zeit, wann wir treffen.“ Mit sechs Punkten Vorsprung auf Platz 16 ist die Lage für Union immer noch recht komfortabel.
Und sie selbst? „Am Ende ging es um Fußball“, sagt sie, „darauf habe ich mich gefreut.“

Das wäre die passende Überschrift in ihrem Sinne – nach einer Woche, in der sich alles um Marie-Louise Eta und ihre Rolle gedreht hat. Auch um die Frage, wie es für sie weitergeht nach den fünf Spielen, für die sie die Nachfolge von Steffen Baumgart angetreten hat. Das bis auf Weiteres letzte Wort des Klubchefs Dirk Zingler lautet, dass die Vierunddreißigjährige in jedem Fall, wie vorgesehen, im nächsten Jahr die Frauen-Mannschaft Unions in der Bundesliga verantworten wird. Bei Sportchef Horst Heldt hatte das zu Beginn der Woche noch ein bisschen offener geklungen, und auch Marie-Louise Eta hat durchblicken lassen, dass sie für alles offen wäre.
Am Samstag kommt der große Moment mit einer kleinen Verspätung, zuerst muss sich noch der grün-weiße Rauch aus dem Gästeblock legen. Aber um 15.31 Uhr rollt nicht nur der Ball, es ist noch etwas anderes in Bewegung gekommen im deutschen Fußball – auch wenn Marie-Louise Eta selbst immer wieder betont hat, dass sie sich am liebsten nur auf das Spiel konzentrieren würde.
Von ihrem fußballerischen Plan hat die neue Chefin während der Woche nicht allzu viel verraten. Kompaktheit, Unions Markenkern, soll weiter an erster Stelle stehen, aber auch Wege nach vorn seien gezeigt und geprobt worden. Mit ihrer ersten Aufstellung setzt sie sich selbstbewusst von der letzten ihres Vorgängers beim desolaten 1:3 in Heidenheim ab, mit vier Änderungen: auf den Außenbahnen Trimmel und Rothe anstelle von Haberer und Köhn, aber immer noch mit Fünferkette, und außerdem mit Kemlein und Ansah für Kral und Schäfer.
Tiki-taka, hat sie gesagt, sei nicht zu erwarten. Aber so verkrampft wird sie sich diesem Beginn auch nicht vorgestellt haben. Bei Wolfsburg, der schlechtesten Rückrundenmannschaft, läuft der Ball flüssiger, und das, obwohl Kapitän Arnold mit Leistenproblemen fehlt. Eta verfolgt es mit verschränkten Armen in der Coachingzone, immer wieder applaudiert sie aufmunternd, das ist ihr in allen Lagen wichtig. Manchmal schiebt sie mit Gesten einzelne Spieler oder ganze Reihen zurecht. In der elften Minute aber finden die Wolfsburger ein riesiges Loch, Wimmer tritt einfach durch die Mitte an, kurz vor dem Strafraum schießt er mit dem rechten Außenrist, und der Ball fliegt in den linken Torwinkel – ein Traumtor.
Danach kommt Union besser ins Spiel, ein Schuss von Ansah bringt zum ersten Mal Gefahr, ein Kopfball von Doekhi geht knapp drüber, aber noch immer segeln zu viele Bälle ins Nichts. Wenn der Ball bei Wolfsburg läuft, laufen die Unioner hinterher. In einer Unterbrechung nach einer guten halben Stunde holt Eta ihr Zentrum an die Seitenlinie, Kemlein und Khedira erhalten Anweisungen, um im laufenden Betrieb noch etwas zu verbessern. Immerhin: Zwei Chancen springen vor der Pause noch heraus.
Doch nach Wiederbeginn – Wechsel hat es nicht gegeben – haben die Wolfsburger wieder viel zu leichtes Spiel, diesmal ist es Pejcinovic, der nach einem Ballverlust von Doekhi ziemlich ungestört von nahe dem linken Strafraumeck Maß nehmen kann. Nach 29 Sekunden steht es 0:2. Jetzt geht aber noch einmal ein echter Ruck durchs Team von Union. Nun ist wirklich der Mut zu sehen, von dem Eta auch gesprochen hat. Nach einer knappen Stunde trifft Ilic per Kopf den Innenpfosten, auch danach bleibt der Druck hoch.
Als Burke auf die Reise geschickt wird und sein Tempo endlich einmal ausspielen kann, fällt das 1:2. Nun ist auch die Intensität des Stadions, auf die Marie-Louise Eta sich gefreut hat, voll da. Und Chancen sind es auch. Einmal klärt Torwart Grabara mit dem linken Fuß im Stile eines Handball-Hexers. Der eine Moment, die eine entscheidende Eingebung von oben: Darauf warten die Berliner Rasengötter und die Göttin am Rand an diesem Tag vergeblich.
