Das Jahr 2026 hatte ökonomisch mit viel Hoffnung nach bald sieben mageren Krisenjahren begonnen. Neben den Reformplänen der Regierung, darunter die Stabilisierung stark steigender Sozialabgaben, schien wieder nennenswertes Wirtschaftswachstum möglich. Doch jetzt deutet sich schon nach wenigen Monaten die nächste Krisenwelle an. Für die Lohn- und Tarifpolitik, den Interessenausgleich zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern, schwindet damit die Aussicht auf Rückkehr zu einer stabilisierenden Normalität.
Es wäre eine Normalität mit, im Durchschnitt, niedrigeren Lohnabschlüssen, aber auch niedrigerer Inflation; eine Normalität, die Aufschwungkräfte freisetzt, weil die Lohnkosten der Unternehmen langsamer steigen könnten, ohne dass es an der Kaufkraft der Beschäftigten zehrt.
Verdi fordert im Handel sieben Prozent mehr
Mit dem neuen Anstieg der Energiepreise und einem drohenden breiteren Teuerungsschub droht das Hoffnungskalkül zu platzen. Erste Vorboten sendet die Gewerkschaft Verdi in der beginnenden Tarifrunde im Groß- und im Einzelhandel. Auf Forderungen von sieben Prozent in beiden Branchen mit zusammen fünf Millionen Beschäftigten hatte Verdi sich ohnehin schon eingestimmt. Jetzt fügt sie die erhöhten Benzin- und Dieselpreise als verstärkendes Argument hinzu. Es sei „absurd“, dass die Beschäftigten zwar für ihre Unternehmen im Handel „täglich Millionen von Euro kassieren“, selbst aber „jeden Cent zweimal umdrehen“ müssten, erklärt die Gewerkschaft. Dass Erlös und Gewinn meist zweierlei sind, fällt da unter den Tisch.
Weitere große Lohnrunden stehen in der Metall- und Elektroindustrie an. Kurz darauf folgen die krisengeplagte Stahlindustrie und die neue Runde im öffentlichen Dienst, diesmal für 2,6 Millionen Beschäftigte der finanziell ausgezehrten Kommunen und des Bundes. Zur Lage der Metall- und Elektroindustrie, die von den gewichtigen Branchen Autoindustrie und Maschinenbau dominiert wird, legte der Arbeitgeberverband Gesamtmetall gerade diese Zahlen vor: Im Februar waren dort noch 3,77 Millionen Menschen tätig, fast 300.000 weniger als 2019, als die Industrierezession begann, Tendenz weiter sinkend. Wie die IG Metall sich für die Tarifrunde aufstellen wird, ist noch offen. Mit den neuen Preisschüben wird der Weg zu Kompromissen härter als ohnehin.
Das neue Ungemach kommt zu einer Zeit, in der die Tarifpolitik ein Krisenkapitel gerade abgeschlossen hatte. Als Folge der Inflationsschübe nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 waren die Reallöhne zeitweilig ein ganzes Stück geschrumpft. Doch am Beginn dieses Jahres hatten sie im Durchschnitt wieder das Niveau von 2019 erreicht, als Folge einer Serie kräftiger Tarifabschlüsse in jüngerer Zeit. „Tarifpolitisch war die Krise von 2022 damit im Grunde gerade ausgestanden“, sagt Hagen Lesch vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Ausgestanden heißt aus dieser Perspektive, dass in künftigen Konflikten nicht mehr darüber gestritten werden muss, ob die Gewerkschaften noch Nachholbedarf hätten, um Kaufkrafteinbußen aus früheren Jahren auszugleichen.
Der Inflationsschock verschärft den Zielkonflikt
Der Inflationsschock der vergangenen Jahre bescherte der Tarifpolitik einen verschärften Zielkonflikt: Die Teuerung trieb Erwartungen und Lohnforderungen der Beschäftigten hoch, aber zugleich schrumpften die Spielräume der Unternehmen. Die teure Energie belastete ja auch sie auf breiter Front. Wenn so ein „externer Schock“ die ganze Volkswirtschaft belaste, seien in Tarifrunden, anders als gewohnt, keine Zuwächse zu verteilen, analysiert Lesch. Tarifrunden würden dann faktisch zu Verteilungskämpfen darum, wer welche Einbußen tragen soll.
Im Ergebnis folgte die Tarifpolitik im Groben der Konjunktur: Ebenso wie die Reallöhne liegt auch die Wirtschaftsleistung derzeit auf dem Niveau von 2019. Zu einer ökonomischen Bestandsaufnahme gehört aber auch dieser Befund: Die Lohnerhöhungen eilten dem Produktivitätsfortschritt, aus dem sie sich idealerweise finanzieren, zuletzt stark voraus. Die Lohnstückkosten stiegen deutlich. Die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen auf dem Weltmarkt nahm auch deshalb ab.
Nicht nur die Preistafeln an den Tankstellen, sondern auch die Regierungskoalition wirft ihren Schatten auf die Tarifpolitik in diesem Jahr, weil sie ein lohnpolitisches Instrument aus der Abteilung Krise neu beleben will. Eine steuer- und abgabenfreie Prämie von 1000 Euro soll nach schwarz-roter Vorstellung dafür sorgen, dass Beschäftigte mehr Geld erhalten. Bezahlen sollen es die Unternehmen, nicht der Staat. Ein Zwang zur Prämie ist nicht vorgesehen. Unternehmen geraten aber politisch unter Druck, ihre Lohnkosten außerplanmäßig weiter zu erhöhen. Das kam unter den Unternehmen gar nicht gut an. Die Koalitionsspitzen waren davon offenbar überrascht.

Das markanteste Zeichen, dass tarifpolitisch etwas schiefläuft, senden derzeit freilich zwei Kleingewerkschaften. Die Pilotenvereinigung Cockpit und die Flugbegleiterorganisation UFO überziehen Lufthansa im Kampf für höhere Betriebsrenten und Gehälter mit beispiellosen Streiks – und haben dem Konzern damit, abgesehen von steigenden Kerosinpreisen und drohender Treibstoffknappheit, die Feiern zum einhundertjährigen Bestehen vermiest. Viel Unmut hatte zuvor schon die Gewerkschaft Verdi im öffentlichen Nahverkehr hervorgerufen. In den regionalen Tarifkonflikten kämpfte sie teils für Forderungen im Umfang von mehr als 20 Prozent.
In großem Kontrast dazu steht, dass die sonst so streikbereite Lokführergewerkschaft GDL sich in diesem Jahr mit der Deutschen Bahn im Februar ganz ohne Streik und Verbalkrawall auf einen Tarifabschluss einigte. Er sieht Lohnerhöhungen von je 2,5 Prozent im August 2026 und im August 2027 sowie vorweg 700 Euro Einmalzahlung vor.
Volkswirtschaftlich bedeutsamer sind die ersten beiden großen Tarifabschlüsse des Jahres, erst im öffentlichen Dienst für eine Million Angestellte der Länder, dann in der Chemie- und Pharmaindustrie mit 585.000 Beschäftigten. Aber auch sie liefen eher in Richtung Moderation als Eskalation. Im öffentlichen Dienst begannen Verdi, Beamtenbund und Co. nach einem Rekordtarifabschluss im Jahr 2023 zwar mit einer weiteren sehr anspruchsvollen Forderung: sieben bis zwölf Prozent mehr Lohn je nach Tarifgruppe für die Laufzeit von einem Jahr. Doch die Einigung im Februar blieb signifikant darunter: 5,9 bis 7,3 Prozent mehr Geld für 27 Monate.
In der krisengeplagten Chemieindustrie, die sich im Branchendurchschnitt seit mehreren Jahren unter der Rentabilitätsschwelle bewegt, hatte die Gewerkschaft IG BCE sich von vornherein vorsichtig positioniert; sie verlangte ein Plus knapp über der Inflationsrate und Vereinbarungen zur Sicherung von Arbeitsplätzen. Die Kompromisssuche fiel dennoch schwer, weil die Unternehmen unter hohem Kostendruck stehen und die Arbeitgeber mit dem Ruf nach einer lohnpolitischen Atempause angetreten waren. Am Ende vereinbarten beide Seiten Erhöhungen von 2,1 Prozent im Januar 2027 und 2,4 Prozent im Januar 2028, verbunden mit einer Pause in diesem Jahr. Ein Betrag von 300 Euro je Arbeitnehmer für betriebliche Maßnahmen zur Beschäftigungssicherung kommt hinzu.
Tarifpolitik in der Pendelbewegung
Beide Abschlüsse blieben im Lohnzuwachs klar hinter den vorangegangenen zurück. Blickt man auf die Vorgeschichte, ordnen sie sich indes in eine größere Pendelbewegung ein: Sie sind eine Gegenreaktion auf die ungewöhnlich hohen Abschlüsse in den Jahren 2023 und 2024, die ihrerseits eine Gegenbewegung zu einer Serie von Krisentarifabschlüssen sind, die 2020 mit der Pandemie begann.
Damals wurde zum Beispiel die IG Metall mitten in der Vorbereitung zu ihrer großen Tarifrunde von „Lockdowns“ und Kontaktverboten erwischt. Kurzfristig entschied die Gewerkschaft, ohne konkrete Lohnforderung anzutreten, und sie einigte sich mit den Arbeitgebern im Eilverfahren auf einen Krisenpakt: keine Lohnerhöhung im Jahr 2020, dann 2,7 Prozent im Jahr 2021. Dann aber wurde die Industrie weniger stark von der Pandemie getroffen als andere Branchen. So stieg der Druck, in der folgenden Tarifrunde auch dafür einen Ausgleich zu schaffen.
Ähnlich erging es 2022 der IG BCE, als kurz vor der Chemietarifrunde der russische Präsident Wladimir Putin die Ukraine angriff. Auch die Chemiegewerkschaft vereinbarte dann mit den Arbeitgebern als Reaktion einen viel beachteten Krisenpakt: 1400 Euro Einmalzahlung, aber keine Erhöhung der Monatslöhne im Jahr 2022. Umso höher war der Druck in der Tarifrunde 2023, bei hoher Inflation etwas für die Kaufkraft der Beschäftigten zu tun.
Der Pendelschlag zeigt sich in den gesamtwirtschaftlichen Daten. Der amtlich ermittelte Anstieg der Tarifverdienste belief sich von 2020 bis 2022 auf weniger als zwei Prozent pro Jahr. In den beiden Folgejahren sprangen die Verdienste umso stärker nach oben, um 3,7 und 4,8 Prozent. Aber schon 2025 fiel die Steigerungsrate wieder auf 2,5 Prozent zurück. Nun droht anstelle weiterer Beruhigung neues Hin- und Her, sollte die Inflation längerfristig steigen. Für die IG BCE würde es noch schwieriger, die gerade vereinbarte Lohnpause für 2026 gegenüber ihren Mitgliedern zu vertreten.
Die Inflationsprämie dämpft nicht mehr
In der Vorgeschichte, in den Tarifrunden 2023 und 2024, spielte auch jenes politische Instrument eine Rolle, das nun neue Aktualität bekommt: die von der damaligen Ampelkoalition beschlossene Inflationsprämie. Mit ihr konnten Arbeitgeber den Beschäftigten neben ihrem regulären Lohn bis zu 3000 Euro als Zusatzleistung zahlen, die dann steuer- und abgabenfrei blieben. Seine tarifpolitische Bedeutung gewann das Instrument dadurch, dass es in fast allen großen Branchen in die regulären Lohnverhandlungen einbezogen wurde.
Die damaligen Koalitionäre hatten der Prämie auch einen lohn- und inflationsdämpfenden Zweck zugedacht. Die 3000 Euro Prämie wurden in viele Tarifabschlüsse als Einmalzahlung eingebaut, als Ausgleich für verringerte Erhöhungen der laufenden Monatslöhne. Für die Unternehmen verlangsamte das den Anstieg dauerhaft wirkender Lohnkosten. Zudem bekamen inflationsgeplagte Beschäftigte mit der Prämie schneller einen Batzen Geld aufs Konto als durch einen etwas höheren Monatslohn. Unter diesen Vorzeichen waren damals viele Arbeitgeber bereit, darüber zu verhandeln.
Dass die neue Prämie nun so viel schlechter ankommt als ihr Vorbild, hat damit zu tun: Weil es die Prämie nur bis Ende 2026 geben soll, hilft sie den meisten Branchen tarifpolitisch nicht. Nur im Handel und in der Metallindustrie liegen die Lohnrunden zeitlich so, dass die Tarifpartner in den Verhandlungen mit der Möglichkeit zur Prämie vielleicht etwas anfangen könnten. Alle anderen haben Pech. Lohn- und inflationsdämpfend kann sie so nicht wirken.
Insofern ist die neue Prämie eher ein weiteres Beispiel, wie Regierungen sich in lohnpolitische Fragen einmischen, ohne die Tarifautonomie oder die Kosten zu achten. Ein anderer Fall ist der Mindestlohn, umso mehr, seit die Ampelkoalition ihn 2022 vollends politisierte und über die Köpfe der zuständigen Lohnkommission hinweg eine Erhöhung um 25 Prozent auf zwölf Euro binnen eines Jahres durchsetzte.
Den jüngsten Beschluss zum Mindestlohn von Juni 2025 fasste die Kommission formal wieder eigenständig. Tatsächlich aber drohten ihr Koalitionspolitiker ständig mit Entmachtung, falls sie keine politisch genehmen Zahlen liefere. Deshalb wurde der Mindestlohn im Januar um 8,4 Prozent erhöht. Binnen fünf Jahren ist der Mindestlohn nun um fast 50 Prozent gestiegen, was vor allem das Gastgewerbe hart trifft. Unter den frei verhandelten Tarifverträgen von Bedeutung hat keiner auch nur annähernd solche Sprünge gemacht.
