Schon als sich die Tür der kleinen Maschine in Jaén im Norden Perus öffnet und die ersten Passagiere über die Gangway auf die Landebahn steigen, wird klar: Was sich hier am Horizont dunkelgrün erhebt, sind zwar noch die Anden. Aber irgendwie auch nicht. Denn die Luft ist nicht klar und trocken, sondern schwer und feucht. Schwüle, die Leben und Verwesung gleichzeitig in sich trägt. Wasser, Sauerstoff, organische Materie – daraus hat die Natur in dieser Region Perus, in der die Anden in den Regenwald übergehen, eine gewaltige Sinfonie des Lebens komponiert. Üppig und trügerisch zugleich.
Lange war die Region nur schwer zugänglich. In den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts diente sie linken Guerilleragruppen als Versteck, dann kam die Drogenmafia und forcierte den Kokaanbau – der Strauch, aus dessen Blättern Kokain hergestellt wird. Heute entdecken immer mehr Besucher diese Gegend, in der Peru noch ein Abenteuer ist im Gegensatz zu einer durchgeplanten Pauschalreise.
Von Jaén aus geht es vier Stunden mit einem Minibus in die 1600 Meter höher gelegene Kolonialstadt Chachapoyas. Die Fahrt ist ein Fest für die Sinne. Zuerst führt die Strecke durch breite, saftig grüne Täler entlang träg mäandernder Flüsse. Der Wind jagt die Wolken über die Andengipfel, mal scheint die Sonne, ein paar Minuten später nieselt es. Dann schraubt sich die Straße immer höher durch immer engere Canyons. Es wird kühler. Der Busfahrer nimmt die Kurven so schneidig, dass einem schwindlig wird. An manchen Stellen haben Ingenieure kleine Tunnel in den groben, überhängenden Fels gehauen. Entgegenkommende Autos werden per Hupe gewarnt.
2400 Meter über den Dingen
Chachapoyas, die Hauptstadt der Region Amazonas, liegt auf knapp 2400 Meter Höhe. Wir kommen in der Dämmerung an, als sich eine Wattedecke aus weißem Nebel über die Stadt senkt – woher auch wohl der Name kommt. Chachapoyas bedeutet Historikern zufolge „Menschen aus dem Nebel“, was sich auf die ursprünglichen Einwohner bezieht, die dort lange vor den Inkas lebten und von denen nie vollständig unterworfen wurden. Mit der Ankunft der spanischen Eroberer endete dieser Dauerkrieg und beide Kulturen wurden besiegt, ihre Stätten zerstört und ihre Bevölkerungen vertrieben und unterworfen.

1538 gründete Alonso de Alvarado die spanische Kolonialstadt San Juan de la Frontera de los Chachapoyas. Die geometrische Anordnung rund um den Plaza de Armas, die gepflasterten Straßen und die gedrungenen, weiß gekalkten Kolonialhäuser mit ihren Ziegeldächern wirken so, als seien die Spanier erst gestern abgezogen. Die knapp 40.000 Einwohner leben bis heute hauptsächlich von der Landwirtschaft und vom Handel.
Die Hotels der Gegend gehören lokalen Familien, sind gemütlich und servieren rustikale lokale Küche: Quinuasuppe, geräucherte Forellen, gegrilltes Meerschweinchen. Die Nager sind für die Andenbewohner seit Jahrhunderten eine der wichtigen Proteinquellen, so wie für uns Huhn. Dazu gibt es in der Heimat der populären Knolle fast immer Kartoffeln in allen Varianten, Formen und Farben. Dazu passt ein klassischer Pisco Sour, der peruanische Traubenschnaps mit Eischnee und Zitrone, oder ein köstlicher Saft aus lokalen Früchten wie Tumbo – eine süßliche Maracujaart – oder der herb-spritzigen Baumtomate.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Das entspannte Ambiente von Chachapoyas ist der ideale Gegenpol zu den anstrengenden Tagesausflügen. Etwa zum Gocta-Wasserfall mit 771 Metern freiem Fall, einer der höchsten Südamerikas. Erstmals vermessen und berühmt gemacht hat ihn ein Deutscher: der Geograf Stefan Ziemendorff, der im Jahr 2000 als Entwicklungshelfer in die Region kam und bis heute geblieben ist. Er half den Anwohnern dabei, einen gemeindebasierten Tourismus zu entwickeln.

Der Ausflug beginnt mit einer Busfahrt zum Dorf Cocachimba. Dort empfangen Führer aus dem Dorf die Gäste. Telesforo Santillán ist einer der ältesten. Der knorrige alte Herr erzählt stolz, wie das 200-Seelen-Dorf ein System entworfen hat, sodass alle vom Tourismus profitieren. Die Führer und die Köchinnen an den kleinen Fressbuden rotieren täglich. Ihre Dienstleistungen kosten extra. Von den umgerechnet vier Euro Eintritt pro Person fließen ein Drittel in einen Fonds, aus dem Reparaturen an der Schule, dem Gesundheitsposten oder dem Wanderweg finanziert werden; ein Drittel geht an die Parkwächter; der Rest wird an Rentner und Kranke verteilt, die nicht arbeiten können. „Für uns ist der Tourismus ein Segen“, strahlt Santillán, der einst Ziemendorff auf seiner Expedition zum Wasserfall begleitet hatte. Damals waren sie noch mehrere Tage unterwegs. Heute dauert die Wanderung auf einem gut ausgebauten Pfad rund sechs Stunden hin und zurück.
Ein „Machu Picchu“ des Nordens
Gemeinschaftsarbeit gab es schon bei den Chachapoyas und bei den Inkas. Doch anders als die Inkas haben die Chachapoyas, die zwischen 800 und Mitte des 16. Jahrhunderts die Region beherrschten, ihre verstorbenen Ahnen mumifiziert und in Steinsärgen bestattet, die sie in die Berghänge meißelten. Die rot bemalten Steinsarkophage von Revash und das im Jahr 2000 dank österreichischer Entwicklungszusammenarbeit eröffnete Mumienmuseum von Leymebamba entführen die Besucher in eine Welt voller noch ungelöster Mysterien.
Spektakulär ist die auf 3000 Metern gelegene Ruinenstadt Kuélap, als „Machu Picchu“ des Nordens bekannt und mit einer Seilbahn zu erreichen. Dort haben die Chachapoyas eine Stadt mit runden Tempeln hinterlassen. Ihre von Baumwurzeln überwucherten Steinkonstruktionen, die hoch auf einem Andengipfel thronen, werden bis heute von Archäologen erforscht. Einige halten die Stätte, die von hohen Mauern gesäumt ist, für eine Festung. Einer ihrer Entdecker, Louis Langlois, glaubt, sie habe der Bevölkerung im Falle eines Angriffs als Schutzburg gedient.

Chachapoyas lag immer schon an der Peripherie wichtiger Imperien, ein bisschen ab vom Schuss und vernachlässigt. Das änderte sich auch nach der Unabhängigkeit Perus von Spanien im Jahr 1821 nicht. Lange lebten die Anwohner der Gegend von dem, was die steilen Hänge mit den humusarmen Böden hergaben. Dann kam der Koka-Boom. Die Pflanze wird schon seit Jahrhunderten am Osthang der Anden angebaut, von Kolumbien über Ecuador und Bolivien bis Peru. Sie wird wegen ihrer belebenden, kraftspendenden Wirkung geschätzt. Keine spirituelle andine Zeremonie kommt ohne Kokablätter aus; die Boten der Inka kauten die Blätter, um ihre Gewaltmärsche zu überstehen. Später schätzten auch die Bergarbeiter sie, um während ihrer langen Arbeitstage im Stollen den Hunger zu unterdrücken.
Mitte des 19. Jahrhunderts gelang es dem deutschen Chemiker Albert Niemann zum ersten Mal, aus der Kokapflanze ein Alkaloid zu extrahieren, das eine betäubende Wirkung entfaltete und das er Kokain nannte. Zuerst wurde die Droge in Europa und den USA für die Anästhesie benutzt, und John Pemberton mixte aus dem Extrakt des Kokablattes und der Cola-Nuss die weltberühmte braune Brause. Wegen zahlreicher Todesfälle wurde Kokain 1914 zur Droge erklärt und weitgehend verboten. Doch die Nachfrage blieb und wich auf den Schwarzmarkt aus – ein Geschäft für die Drogenmafia.

Und für die verarmten Dörfer in den Anden. Selbst wenn die Bauern den Unterhändlern der Mafia nur Kokapaste lieferten – ein Vorläuferprodukt von Kokain –, brachte das der Region doch einen Wirtschaftsboom. Dreimal im Jahr konnte man die Sträucher ernten. Viele konnten sich erstmals ein Moped kaufen, ein richtiges Haus bauen, die Kinder studieren lassen. Doch Koka brachte auch Gewalt und Begehrlichkeiten. Landkonflikte brachen auf, die brutalen Razzien der Sicherheitskräfte brachten Leid über viele Familien. Die Sicherheitskräfte verbrannten Felder und steckten Familienväter ins Gefängnis.
Auch Feliciano Tuanama wurde bei einer Razzia auf seinen Kokafeldern im Dschungel erwischt. Er saß zwei Jahre in Haft. „Dort habe ich viel nachgedacht“, erzählt der Sechsundsechzigjährige. „Ich habe gemerkt, dass wir mit der Koka nicht nur die Natur zerstören, sondern auch uns selbst und unsere Lebensgrundlage“, erzählt der bedächtige Mann. Wieder auf freiem Fuß, änderte er sein komplettes Leben. Er riss die verbliebenen Kokapflanzen aus, pflanzte auf ein paar Hektar Kakao im Agroforst und ließ den Rest des Landes in Ruhe. Heute betreibt er mit 17 weiteren Familien die Vereinigung „Alto Shilcayo“, ein lokales Tourismusprojekt.
Er lebt in Tarapoto, rund 360 Kilometer südlich von Chachapoyas, am Fuße der Cordillera Escalera der Treppenberge. Sie sind das letzte Aufbäumen der Anden, bevor es dann sanft abfällt in die Amazonasebene. Die Blicke von den Gipfeln sind deshalb besonders schön, aber sie zu erklimmen, ist körperliche Schwerstarbeit. Feliciano selbst tut sich das nicht mehr an – den Job macht jetzt seine Tochter Jenny. Bis zum Aussichtspunkt Mirador Alto Shilcayo auf 1100 Meter Höhe sind es vom Startpunkt aus zwar nur fünf Kilometer, aber dabei muss zweimal der reißende Shilcayo-Fluss durchquert werden.

Hitze, Moskitos und tropische Sturzregen heißen die Herausforderung. Der Weg ist gesäumt von Bromelien, Moosen und Flechten. Unter den Blättern entdeckt Jenny rot-schwarze Pfeilgiftfrösche. Blaue Morpho-Schmetterlinge kreuzen irrlichternd den Weg, in den Wipfeln zetert eine Familie Rotschultertamarine, manchmal hört man Kolibris schnalzen, die auf der Suche nach Nahrung sind. Wissenschaftler nennen es einen „Biodiversitäts-Hotspot“; Jenny spricht vom „Garten Eden der Götter“, in dem alles eine Seele hat: der Fluss, der Wind, der Baum.
Ab der Hälfte wird es steil, man braucht die Hände, um sich über Wurzeln und Steine nach oben zu ziehen. Ein Regenguss bringt etwas Erfrischung, bevor wir keuchend auf dem Gipfel ankommen. Zu sehen ist – nichts. Die Landschaft unter uns liegt in einer weißen Wolkensuppe versteckt. „Geduld“, sagt Jenny und packt Brotzeit aus. Bald schon reißt der Wind erste Lücken in die Wolken. Keine fünf Minuten später kommt die Sonne durch, und der Rundumblick auf die Anden, die Stadt Tarapoto und das sattgrüne Dach des Regenwaldes entlohnt für alle Mühen. „Die Götter waren uns wohlgesonnen“, sagt Jenny zufrieden.
Der Weg nach Peru
Beste Reisezeit In der Trockenzeit von Mai bis September. In der Regenzeit kann es zu Bergrutschen kommen, die den Verkehr stunden- oder tagelang lahmlegen.
Anreise Von Deutschland über Paris oder Amsterdam nach Lima, ab etwa 1000 Euro. Von dort mit Latam oder Jetsmart nach Jaén, circa 100 Euro, und von dort direkt am Flughafen per Minibus nach Chachapoyas (20 Euro).
Alternativ gibt es einen Flug mit Latam oder Jetsmart nach Tarapoto (circa 100 Euro). Der Bus oder das Kollektivtaxi zwischen Tarapoto und Chachapoyas dauert sieben Stunden und kostet 20 Euro, als privater Taxitransfer circa 100 Euro.
Sicherheit Ausführliche und aktuelle Hinweise zu Peru gibt es im Netz unter auswaertiges-amt.de
Touranbieter Zum Beispiel Ecoturismo Alto Shilcayo in Tarapoto, Chachapoyas und turismoexplorerperu.com
Ein spezialisiertes Reisebüro in Deutschland für Peru ist zum Beispiel Cono Sur in Stuttgart
Ein Ausflugstipp nahe Chachapoyas ist das private Naturschutzgebiet Milpuj La Heredad, liebevoll betreut vom Gründer. Es gibt interessante, geführte Touren.
Unterkunft In Tarapoto: La Patarashca hat auch ein sehr gutes Restaurant oder die Villa Lu Amazon Ecolodge
In Chachapoyas: La Xalca oder Hacienda Achamaqui oder die Gocta Lodge mit Blick auf den Gocta-Wasserfall.
Weitere Informationen zu Reisen nach Peru unter peru.travel/de
