Die Tour de France hat für mich leider schon vor dem Auftakt mit einem Schockmoment begonnen. Ich bin am Tag vor dem Mannschaftszeitfahren im Training auf einer schmalen Bergstraße weggerutscht und voll auf die rechte Seite geknallt. Danach sind wir direkt zum Röntgen-Truck gefahren, den es hier bei der Tour de France gibt. Es war zum Glück aber keine Fraktur ersichtlich. Das wäre natürlich der absolute Super-GAU gewesen.
Inzwischen geht es mir wieder okay. Ich habe keine ernst zu nehmenden Schmerzen mehr. Die Schürfwunden sind einfach unangenehm und sorgen dafür, dass man jeden Tag zusätzliche Zeit investieren muss, um alles zu verbinden und sauber zu halten. Das ist wichtig, damit sich die Wunden nicht entzünden. Es ist zum Glück nichts Tiefes. Die Nächte sind trotz der Schürfwunden okay. Ich musste mich nicht die ganze Zeit hin- und herwälzen, konnte also gut schlafen. Das größere Problem war die Schulter. Die hat extrem geschmerzt am Anfang. Aber das wird jetzt von Tag zu Tag besser.
Als hätte man Kopfschmerzen
Unabhängig davon ist es krass, bei welchen Bedingungen wir hier ans Limit gehen und Höchstleistungen bringen müssen. Es ist extrem heiß. Das macht einem ganz schön zu schaffen. Wenn man es hinbekommt, alle 15 Minuten eine kalte Flasche Wasser über den Kopf zu kippen, ist es einigermaßen auszuhalten. Wenn man aber mal einen Cooling Point verpasst, an dem zum Beispiel Flaschen angereicht werden, und dann kein Begleitauto direkt hinter sich hat, überhitzt man sofort. Es fühlt sich dann so an, als hätte man Kopfschmerzen.
Wir versuchen, den Körper mit viel Wasser und Eis herunterzukühlen. Schon vor dem Start und während des Rennens bekommen wir Netzstrümpfe gereicht, die mit Eiswürfeln gefüllt sind. Das ist dann quasi wie ein dickes Kühlpack, das man sich in den Nacken stecken kann. Die kalte Flüssigkeit läuft einem dann langsam den Rücken hinunter. Außerdem haben wir unsere isotonischen Getränke, die total wichtig sind, damit wir nicht dehydrieren.
Wenn man den ganzen Tag nur Wasser trinken würde, hätte man zwar Flüssigkeit zu sich genommen, aber irgendwann keine Mineralien mehr im Körper, weil man die alle rausschwitzt. Aber die Getränke, die man annimmt, sind fünf Minuten später eigentlich nicht mehr genießbar, weil sie kaum noch erfrischen. Was da sehr hilfreich ist: Wir haben die Möglichkeit, unser Iso-Getränk als Slushy, also gefroren, von unserem Cooling Team an der Strecke angereicht zu bekommen. Hinter alldem steckt eine riesige Logistik mit vielen Helfern, die an der Strecke stehen und auf uns warten.
Ein verdammt langer Tag
Man merkt trotzdem, dass die Hitze die Leistung schmälert. Das zeigt sich an den Werten. Auf der dritten Etappe bin ich den ersten Berg mit 410 Watt hochgefahren für ungefähr 20 Minuten. So lang ist auch der Test, den wir häufig im Training absolvieren und als Referenz nutzen. Und da kann ich nur sagen: Es fehlt schon einiges zu meinem absoluten Bestwert. Ich war auch nicht der Einzige, der das Tempo nicht mehr mitgehen konnte. Ich bin am Anschlag gefahren, bei 410 Watt – und war damit im Gruppetto.
Am Ende waren wir 60 Leute, die bei dem Tempo nicht mehr das Rad halten konnten. Auf der einen Seite fühlt es sich gut an, dass man nicht allein ist. Auf der anderen Seite war es ein verdammt langer Tag. Der Berg ging siebeneinhalb Kilometer nach dem Start los. Nach zehn Kilometern waren wir abgehängt. Und die Etappe war 195 Kilometer lang – da kann sich jeder denken, wie oft man im Wind fahren musste, um am Ende im Zeitlimit die Ziellinie zu erreichen.
Grundsätzlich kann man zur Hitze noch sagen, dass es aus meiner Sicht sinnvoll wäre, die letzten Jahre und Jahrzehnte zu vergleichen und zu schauen, wie sich das entwickelt hat. Und wenn es wirklich schlimmer geworden ist, sollten Maßnahmen getroffen werden, um dem entgegenzuwirken und den Rennfahrern das Leben zu erleichtern.
Am Ende sind wir dem ausgeliefert, was die globale Erderwärmung leider für uns zu bieten hat. Die Belastung ist ja sowieso schon eine riesige Herausforderung. Aber die Bedingungen, die man da durchstehen muss, sind schon Wahnsinn. Nichtsdestotrotz schauen wir als Team nach vorne. Auf der fünften Etappe bietet sich die erste Chance für unseren Sprinter Pavel. Darauf liegt jetzt mein Fokus.
Aufgezeichnet von David Lindenfeld.
