Die Stadt Torres Vedras, rund 50 Kilometer nordwestlich von Lissabon, ist in Portugal eigentlich für den Straßenkarneval bekannt: Am Fastnachtsdienstag marschieren bunte Pappmachéfiguren zu brasilianischen Sambarhythmen durch die Stadt.
Dieses Jahr war alles anders: Der Karnevalsumzug wurde verschoben, weil ein Sturm Ende Januar in der Region schwere Schäden angerichtet hatte. Und das große Straßenfest fiel diesmal nicht in die fünfte Jahreszeit, sondern auf den 24. Mai 2026: Der Fußballverein Sport Clube União Torreense gewann im Pokalfinale gegen den haushohen Favoriten und Champions-League-Viertelfinalteilnehmer Sporting Lissabon mit 2:1 nach Verlängerung.
Es war das erste Mal in der portugiesischen Fußballgeschichte, dass ein Zweitligaverein den Pokal mit nach Hause nahm. Mit dem Sieg im Nationalstadion Jamor qualifizierte sich Torreense direkt für die Gruppenphase der Europa League.

Der Fußballaufstand im Westen Portugals hat eine Vorgeschichte. Wie so viele portugiesische Fußballvereine weckte auch der SCU Torreense das Interesse ausländischer Investoren. Der chinesische Unternehmer Qi Chen hatte vor über einem Jahrzehnt 70 Prozent der Aktiengesellschaft Torreense S. A. D. gekauft, die alle Geschäfte rund um den Profifußball des Vereins abwickelt.
Doch der Klub trat auf der Stelle und blieb in der dritten portugiesischen Spielklasse nur Mittelmaß. In Torres Vedras bahnte sich ein ähnliches Drama an, wie es traditionelle Vereine wie Beira-Mar oder Belenenses bereits erlebt hatten: Eine schlecht geführte AG bedrohte nicht nur die finanzielle Zukunft des Profifußballs, sondern die Existenz des ganzen Sportvereins.
Die „dunkelste Phase“ der Geschichte von União Torreense
„Torreense hat die dunkelste Phase seiner Geschichte erlebt, als wir von chinesischen Investoren übernommen wurden“, sagt Pressesprecher Marco Castro der F.A.Z. „Die Unzufriedenheit, die diese Situation bei der lokalen Bevölkerung auslöste, veranlasste eine Gruppe von Einheimischen, sich zu mobilisieren, um den Klub wieder aufzubauen.“
Im Sommer 2019 kaufte der Verein, unterstützt von lokalen Unternehmern, die Anteile des chinesischen Investors zurück und legte damit den Grundstein für einen finanziell stabilen Fußballklub. In den folgenden Jahren schaffte der SCU Torreense den Aufstieg in die zweite Liga und verpflichtete 2023 einen jungen, ambitionierten Sportdirektor. Der studierte Sportwissenschaftler André Sabino hatte in Lissabonner Vorstadtklubs und einem angolanischen Verein erste Erfahrungen gesammelt, bevor er als Sportdirektor mit der U-23-Mannschaft von Estoril überraschend die Meisterschaft gewann.
Neue Wege im Scouting
In Torres Vedras musste Sabino seine ganze Kreativität unter Beweis stellen. Ohne Aussicht auf Ruhm und ohne große finanzielle Möglichkeiten war es für Torreense fast unmöglich, junge portugiesische Talente zu verpflichten. Die großen Klubs Sporting, Benfica, Porto, Braga oder Guimarães unterhalten große, gut geölte Scoutingabteilungen, die die Karrieren talentierter Spieler in Portugal schon im Kindesalter verfolgen. Sabino und sein vierköpfiges Scoutingteam haben deshalb das Augenmerk auch auf den spanischen, französischen und brasilianischen Markt gerichtet.
„Wir suchen junge Spieler mit Potential und Entwicklungsspielraum“, erklärte Sabino jüngst im Interview mit der portugiesischen Wochenzeitung „Expresso“. „Spieler, die nicht auf dem Höhepunkt ihrer sportlichen Karriere sind. Denn nur so schaffen wir es, sie zu verpflichten.“

Ein Beispiel: der Spanier Javi Vázquez. Als Sechzehnjähriger spielt er 2016 bereits mit seinem Ausbildungsverein FC Sevilla in der UEFA Youth League. Doch der Linksverteidiger verpasste den Sprung in die erste Mannschaft und war bis 2024 in der zweiten und dritten spanischen Liga aktiv, bevor er von André Sabino nach Portugal geholt wurde.
Mittlerweile ist Javi Vázquez eine der Stützen des Erfolgs von Torreense und hat das Interesse großer Vereine geweckt. Für die finanzielle Zukunft von Torreense ist das umso wichtiger: Im vergangenen Transfersommer hat der Verein über vier Millionen Euro aus Spielerverkäufen eingenommen – das ist fast die Hälfte des Jahresbudgets.
Erst Pokalsieg, dann den Aufstieg verpasst
Der Überraschungspokalsieger des vergangenen Jahres steht vor einer schwierigen Saison. Wenige Tage nach dem großen Triumph im Mai verpasste Torreense im entscheidenden Relegationsspiel den Aufstieg in die erste Liga.
Die neue Saison begann mit einem Fehlstart: Nach nur einem Sieg aus sechs Spielen steht der Verein auf dem 14. Platz der zweiten Liga. Der Kader wurde auch mit Blick auf die zusätzliche Belastung durch die Europa-League-Teilnahme erweitert. Doch die Verantwortlichen in Torres Vedras wissen um die Schwierigkeit, neue Spieler in eine Mannschaft zu integrieren, die sich aus 16 Nationalitäten zusammensetzt.
Investitionen in die Infrastruktur
Eine Rückkehr ins Oberhaus des portugiesischen Fußballs hat für den Verein höchste Priorität. Torreense hofft auf die Zukunft: Der Verein hat in den Bau eines Fitnesscenters, einer Kantine und einer Unterkunft investiert, um insbesondere die U-23-Mannschaft weiter zu fördern. 2024/25 wurde der Klub zum ersten Mal U-23-Meister, im vergangenen Jahr belegte der Verein den dritten Platz – vor Benfica, Braga und Sporting.
Auch wenn eine erfolgreiche Gruppenphase in der Europa League nicht im Zentrum der sportlichen Ziele liegen mag, ist die erste Teilnahme des Vereins an einem europäischen Wettbewerb auch für die Verantwortlichen wichtig: Das Schaulaufen versteckter Talente aus der portugiesischen Provinz beginnt heute in Norwegen gegen Lillestrøm SK.
