
Woran erkennt man, dass es auf die Sommerferien zugeht? Nicht etwa an den länger werdenden Tagen, an der eigenen Erschöpfung oder den Werbeclips von Reiseanbietern. Man erkennt es daran, dass in der allwöchentlichen Bestsellerliste der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mehr und mehr Krimis auftauchen, die dort spielen, wo man eigentlich alles andere vermutet: Idylle, schöne Landschaften, Kunstschätze, gutes Essen, blauen Himmel, blaues Meer. Die Kombination aus netten, etwas grummeligen Ermittlern, die sehr gerne sehr gut essen, und schöner Urlaubskulisse nennt sich im Fachjargon „Wohlfühlkrimi“. Interessanterweise fahren die Leute weiter gerne an diese Orte, an denen doch, glaubt man der Literatur, das Verbrechen auf Schritt und Tritt lauert.
Italien, das eigentliche Sehnsuchtsland der Deutschen, ist seit Jahren von den Spitzenplätzen der Urlaubskrimis verdrängt. Geht es nach den Verkaufszahlen, ist das Land der Herzen unser Erbfreund Frankreich. Mehr noch: Die Liebe der Deutschen zu Land, Leuten und Lastern geht so weit, dass sie sich nicht nur die Kommissare und ihre Fälle, sondern gleich auch noch die Autoren selber erfinden. Das hat 2012 mit dem einstigen Geschäftsführer des S. Fischer Verlags begonnen, Jörg Bong, der als Krimiautor unter dem Pseudonym Jean-Luc Bannalec erfolgreich in die Rolle eines Originalbretonen schlüpfte und seither die schönsten Flecken seiner Wahlheimat Bretagne zu Tatorten macht. Die meisten anderen nicht eben urgallischen Schriftsteller mit französischem Alias aber tummeln sich im Süden.
Als Ausnahme verpflanzt Cay Rademacher unter seinem eigenen Namen das Verbrechen in die entlegeneren Orte der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur. Das jüngste Werk heißt gar „Bedrohliche Alpilles“, und, ganz ehrlich, wir sind bestimmt nicht die Einzigen, die erst mal nachschauen mussten, was denn wohl „Alpilles“ sein mögen. Der Vorgänger hieß „Rätselhaftes Saint-Rémy“. Der Autor versteht es also, schon im Titel die Balance zwischen eindeutiger Botschaft und kryptischer Ortsbezeichnung zu wahren. Die Provence an sich ist ohnehin längst vergeben: an Pierre Lagrange, wie sich der Journalist und Autor Sven Koch für seine Krimireihe nennt. Er liefert Jahr um Jahr die unheilvolle, gnadenlose, teuflische, sogar, man glaubt es kaum, eiskalte Provence. Und solange ihm die Adjektive nicht ausgehen, wird die Reihe sicher weitergehen.
Flankiert im Hinterland von „Madame le Commissaire“, deren Bestsellerautor Pierre Martin sich auf seiner Verlagsseite nur als stilisierte Zeichnung zeigen lässt – und wie stilisiert! Baskenmütze, Schnurrbart, das französische Klischee des „erfolgreichen Autors, der sich für seine Hauptfigur Madame le Commissaire eine neue Identität zugelegt hat“, wie es dort heißt, erfüllt sich mit dem selbst gewählten Namen bis aufs i-Tüpfelchen. Alle Autoren haben pünktlich zu Beginn der sommerlichen Reisesaison geliefert. Nur einer noch nicht: Der neue Fall von Bannalecs Kommissar Dupin erscheint am 24. Juni. Uff. Nicht auszudenken, man hätte den Bretagneurlaub dieses Jahr ohne den passenden Krimi antreten müssen.
