Dass sein neuer Film in Cannes laufen würde, damit war fest gerechnet worden – der iranische Oscarpreisträger Asghar Farhadi ist zu einer festen Größe des Weltkinos geworden. „Histoires Parallèles“ thematisiert nicht seine iranische Heimat, sondern spielt in Frankreich: Es ist ein fein konstruiertes Werk über eine Schriftstellerin, die aus dem, was sie in der Wohnung gegenüber beobachtet, ihre Geschichte fabriziert – bis diese Fiktion Einfluss auf das echte Leben hat. Farhadi beherrscht das Spiel mit Metaebenen und Fiktion meisterlich. Zugleich ist der Film eine feine, fast zärtliche Studie über Einsamkeit und Zweisamkeiten.
Keine politische Fragen im Interview – darum wurde im Vorfeld gebeten. Auf der Pressekonferenz in Cannes wurden Farhadi jedoch sofort Fragen zur aktuellen Situation in Iran und zu seiner künstlerischen Verantwortung gestellt, die er ausweichend beantwortete. Der Regisseur begründet gegenüber der F.A.S. seinen Zwiespalt: Seine Äußerungen würden aus dem Persischen oft per KI ins Englische übersetzt, dabei entstünden Ungenauigkeiten. Und wenn diese Übersetzung per KI wiederum ins Persische rückübersetzt würde, gebe es erneut Verdrehungen, die in seinem Land für Irritation sorgten. Dass die jüngsten Ereignisse in seinem Land „bei ihm Spuren hinterlassen“ haben, wurde etwa mit der Formulierung übersetzt, dass sie „ihn stigmatisiert hätten“. Daher bittet er um Verständnis. Wir sprechen auf Farsi miteinander – und übersetzen nicht mit KI. Aber die Zurückhaltung bleibt.
Herr Farhadi, was ist dieser Film für Sie: eine cineastische Etüde um Doppelungen, Dualitäten und Parallelitäten, die Sie auf diversen Ebenen spiegeln, oder eine Hommage an den polnischen Krzysztof Kieślowski und seinen langjährigen Drehbuchautor Krzysztof Piesiewicz?
Sicherlich beides. Dieses Projekt wurde von außen an mich herangetragen: Krzysztof Piesiewicz bot mir an, den „Dekalog“ von Kieślowski als Serie zu verfilmen. Ich lehnte erst mal ab. Aber reizvoll wurde das Projekt, als er meinte, ich könne stattdessen eine Folge aus dem „Dekalog“ auswählen und hätte völlig freie Hand, was ich daraus machen wollte. Die Idee gefiel mir mehr und mehr: etwas Vorhandenes mit etwas Neuem zu verknüpfen und Referenzen herzustellen – eine Brücke zu schaffen zwischen meiner eigenen und Kieślowskis Welt. Was mich überzeugte, waren Piesiewiczs Worte: „Das wäre etwas, was ich gerne von Dir sehen würde.“ Daher finden sich in „Histoires Parallèles“ nun der Tribut ans Kino von Kieślowski wie auch die Studie der Parallelitäten.
Gehört es ebenfalls zu Ihrem Konzept der Doppelung, dass Sie die Drehbuchvorlage gemeinsam mit Ihrem Bruder Saeed geschrieben haben?
Streng genommen gehörte das nicht zum Konzept dieses Films – ich habe auch schon vorher mit ihm geschrieben, etwa das Skript von „Ein Held“. Er ist ebenfalls Autor, und wir haben es uns angewöhnt, regelmäßig die gesamte Story und danach jede einzelne Szene miteinander zu diskutieren.
Die Duplizität der Ereignisse machte sich dennoch bemerkbar: Just als Sie aus dem Wagen stiegen, um für die Premiere die Roten Stufen emporzugehen, bekamen Sie eine Nachricht vom Tod Krzysztof Piesewiczs . . .
Was für eine Fatalität. Ja, er war schon länger krank und auch etwas älter. Aber ich hätte nie gedacht, dass er bald sterben könnte. Er war ein großer Schriftsteller, der mit Kieślowski die wichtigsten Filme geschrieben hatte. Als ich das letzte Mal mit ihm sprach, sagte er, wie neugierig er auf den Film sei und dass er ihn sehr bald sehen wollte. Aber dass mich direkt vor dem Roten Teppich diese Nachricht erreichte . . . – unfassbar. Das hat für mich eine fast metaphorische Bedeutung.
Für die Kultur in Iran ist die Vorstellung des inneren und äußeren Lebens spezifisch: Innerhalb des eigenen Zuhauses lebt man ein anderes Leben, fast eine andere Identität, als mit dem, was man nach außen trägt – oder tragen darf. Unter den Mullahs wurde diese Tradition zur Notwendigkeit. Ist Ihnen Doppeldeutiges deswegen so vertraut?
Tatsächlich gibt es bei uns das Leben innerhalb der Familie und das außerhalb. In verschiedenen historischen Epochen war es unterschiedlich ausgeprägt. Aber dieser kulturelle Hintergrund hat nichts mit dem Spiel von Schein und Sein in diesem Film zu tun. Hier geht es eher um zwei Geschichten, die aus unterschiedlichen Perspektiven resultieren.
Sie haben in einem enormen Star-Aufgebot die erste Schauspielgarde Frankreichs um sich versammelt. Wie gewinnt man eine Catherine Deneuve für einen Mikroauftritt von etwa drei Minuten?
Das lag am Drehbuch, auf das jeder extrem positiv reagiert hat. Erst einmal hatte ich die meisten Schauspieler in der letzten Zeit persönlich kennengelernt. Isabelle Huppert bewundere ich seit „Die Pianistin“, Pierre Niney seit dem „Grafen von Monte-Christo“. Aber dass Frau Deneuve trotz der Kürze der Szene dabei sein wollte, hätte ich selbst auch nicht vermutet! Ich hatte sie nur als Vergleich genommen und gesagt, dass ich mir jemanden wie sie für diese Rolle vorstelle, mit einem gütigen Gesicht und einer warmen Ausstrahlung. Der Produzent bestand darauf, zu versuchen, sie direkt zu bekommen. Ich hatte größte Einwände, aber dann sagte sie wirklich zu.
Isabelle Huppert, die die Hauptrolle spielt, bezeichnete Sie als „iranischen Magier“, der jedes Detail beachte und manchmal sogar eine Haarsträhne anders arrangierte.
Wir kannten uns bereits, auch von einer gemeinsamen Reise, und kannten vor allem die Filme des anderen. Als klar war, dass wir in Frankreich drehen würden und das Drehbuch ihr zusagte, trafen wir uns ein paar Mal, um uns darüber auszutauschen. Es war ein vertrauensvolles, sehr angenehmes Arbeiten mit ihr, wie mit den anderen.
An einer Stelle fragt Hupperts Figur: „Wissen Sie, wie man eine Ente in eine Flasche bekommt? – Nur mit der Kraft der Vorstellung.“ Wo kommt dieses Bonmot her?
Ich weiß nicht mehr, wer mir das mal erzählt hatte. Ich glaube, ein Hochschullehrer fragte das mal seine Studenten, und die machten sich ernsthafte wissenschaftliche Gedanken darüber, bis der Lehrer sagte: „Nur mit der Imagination.“ Und so ist es ja auch: Nur die Vorstellungskraft kann das Unmögliche möglich machen.
Entspricht das auch Ihrer Ansicht: Phantasie, Geschichten und Vorstellungskraft vermögen Dinge zu verändern, können Lebensläufe beeinflussen, vielleicht die Geschichte eines Landes umschreiben?
Ja. Wenn Geschichten geschrieben werden, ob in der Literatur oder für das Kino, kommt die Inspiration aus dem Leben. Wenn diese Geschichte gelesen wird, hat sie Einfluss auf das Leben des Lesers, auf seine Entscheidungen und kann somit die Realität verändern. Es ist ein dauernder Kreislauf zwischen Geschichte und Realität, Realität und Geschichte.
Sie sagten, Sie hätten für sich eine rote Linie überschritten . . .
. . . eine cineastische rote Linie. Bisher hatten alle meine Filme eine lineare Struktur. Aber diese Struktur habe ich in „Histoires Parallèles“ gebrochen, habe erstmals Flashbacks und Gleichzeitigkeiten verwendet, was ich mir immer untersagt hatte. Zudem habe ich zum ersten Mal Musik verwendet, von Zbigniew Preisner, der für Kieślowski komponiert hat. Dann habe ich unterschiedliche Erzählperspektiven benutzt, dadurch ist diese Geschichte von Anfang an komplex. Das war auch ein Risiko: Der Zuschauer gewöhnt sich an deine spezifische Filmsprache, an deinen ureigenen Akzent, und wenn man den entscheidend verändert, ist er irritiert und fragt sich: „Warum hat dieser Film so wenig von einem Farhadi-Film?“
Finden Sie den Film atypisch für sich selbst?
Am Anfang ja, aber im Verlauf fängt er doch an, mir zu ähneln. Diesmal ging es mir aber nicht um die eigene Handschrift. Ich wollte bewusst meinen cineastischen roten Faden mal auflösen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Sie sind nun zum fünften Mal mit einem Film im Wettbewerb von Cannes vertreten . . .
. . . ja, und einige Male als Gast oder Juror.
Im Januar, zum Zeitpunkt der Demonstrationen, ihrer Niederschlagung und zu Kriegsbeginn, waren Sie in Iran. Doch schafften Sie es, Ihren Film pünktlich fertigzustellen. Welche Bedeutung hat Cannes für Sie?
Cannes bewirkt, dass der Film auf der ganzen Welt gesehen wird. Auch die Reaktionen der Kritiker haben größte Relevanz. Im Zeitalter der Streaming-Plattformen und der Serien ist eine erhebliche Konkurrenz entstanden. Festivals wie Cannes und Venedig tragen dazu bei, dass das Kino trotz dieser Konkurrenz lebendig bleibt – und überlebt.
Thierry Frémaux, der künstlerische Leiter des Filmfestivals hier in Cannes, sagte am Eröffnungstag: „Das Kino ist ein Instrument des Friedens.“ Auch für Sie?
Unbedingt. Mit Geschichten erzeugst du Mitgefühl und Empathie, du teilst den Schmerz. Die Figur auf der Leinwand wird dir so vertraut, als gehöre sie zu deiner Familie. Wenn sie leidet, leidest du mit. Ich stimme Thierry völlig zu: In Filmen mitzufühlen und Verständnis zu erzeugen, ist effektiver, als direkt über den Frieden zu reden.
Hat Sie das, was Sie in Teheran im Januar sahen – die Demos, die Massaker, der Krieg – verändert?
Das verändert jeden. Wir sind ja keine Steine. Wenn du etwas siehst, was dich trifft, dich beunruhigt, bekümmert oder quält, hinterlässt das natürlich eine Wirkung. Unbedingt.
Ihre übliche diplomatische Zurückhaltung hatten Sie aufgegeben, als Trump im Krieg Iran mit der Vernichtung seiner Kultur drohte: Sie richteten einen Aufruf an Ihre Filmemacherkollegen, die Zerstörung ziviler Infrastruktur zu verurteilen. Was hat Sie dazu bewogen, diesen Aufruf zu starten? Finden Sie, dass die Filmbranche zur Causa Iran zu sehr schweigt?
Ich glaube nicht, dass sie zu still ist. Aber ich glaube, es ist das Mindeste, was ich tun kann: zu versuchen, einen Beitrag zu leisten, meine Stimme für einen Aufruf zu erheben, der fordert, dass die Zerstörung nicht militärischer Infrastruktur gestoppt wird. Ich ertrage es nicht zu hören, dass die Kultur und Zivilisation meines Landes verschwinden sollten. Es handelt sich nun einmal um eine jahrtausendealte Zivilisation. Dieser Mann verfügt weder über die Kultur noch das nötige Wissen, um die Tragweite seiner Worte zu erfassen.
„Histoires Parallèles“ kommt unter dem Titel „Parallele Leben“ am 12. November in die deutschen Kinos.
