Denn es gehet dem Gotte wie dem Vieh: Wie dies stöhnt, so stöhnt er auch. Dem ängstlichen Harren der Kreatur ist der Schöpfer selbst unterworfen, der sich mit ihr nach Erlösung sehnt. Daher muss es – markerschütternd, aber leise – ein geängsteter Tierlaut sein, den der ebenso kraftvolle wie elegante, dabei überaus textdeutliche Bariton Nicholas Brownlee als Wotan auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper von sich gibt, wenn er im zweiten Aufzug von Richard Wagners „Walküre“ singt: „In eigener Fessel fing ich mich, ich Unfreiester aller!“
In diesem Moment wird das hochvirtuose und aufwendige Theater des Regisseurs Tobias Kratzer, wird das Musiktheater als solches, auf seinen Anfang zurückgeworfen: den singenden Menschen, den atmenden, stöhnenden, gequälten, versehrbaren Körper, der sich in Klang entlädt. Aber er wird getragen vom Bayerischen Staatsorchester, dessen Celli dieses Stöhnen aufnehmen, es auf das Vorsprachliche zurückbeziehen und ins Übersprachliche weiten. Der Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski, der am Ende dieses Abends frenetisch gefeiert werden wird, führt Stimme und Orchester, Szene und Graben zu einem Hotspot von Sinn-Intensität zusammen.
Doch über den Moment hinaus ist das ganze Stück über vom Orchester eine Musik gesteigerten Ausdruck, des Jubels, des Schmerzes, der Sehnsucht zu hören. Als ein „Theater der Seele“, sagt Jurowski selbst, begreift er Wagners Musik. Das heißt: weniger als ein Theater der bis zur Dekadenz überfeinerten Sinnlichkeit, weniger als ein Theater mythischer Monumentalität, sondern als ein Theater des orchestralen Espressivo. Das schließt die bewusste Gliederung von Zeitverläufen und die Betonung von Sinnbezügen ein: Ganz deutlich nimmt, ohne Worte, gleich in der ersten Szene das Cello Sieglindes Textzeile „Du bist der Lenz, nach dem mich verlangte“ vorweg, als sie dem verwundeten Siegmund Wasser reicht.
Kratzer, das gehört zu seinen Qualitäten, inszeniert gegen diese Momente musikalischer Sinnerfüllung nicht an, sondern verhilft ihnen zur Geltung. Dass einem weder beim Hören das Sehen vergeht, noch umgekehrt, macht das Vergnügen aus, mit dem das Publikum spürbar dieser Inszenierung folgt. Hier wird klar und spannend erzählt: von einem Geschwisterpaar, das sich nach Jahren der Trennung unverhofft wiederfindet; von inzestuöser Liebe zueinander befallen wird wie von einer Glückskrankheit; von einer Schwester Sieglinde, die der Bruder Siegmund aus der lieblosen, gewalttätigen Ehe mit Hunding befreit; von Flucht (in einem Lada „Niva“ durch den dichten Wald), Verfolgung und Tod.
Der Mord an der Mutter – ein Thriller
Wie in einem Thriller enthüllen die Videos von Manuel Braun, Jonas Dahl und Janic Bebi in einer finalen Rückblende auch, wer in der Kindheit der Geschwister deren Hütte niederbrannte und die Mutter umkommen ließ. Verraten werden soll es hier nicht. Beim Video zum Walkürenritt gerät das Publikum außer sich vor Begeisterung: Mit Hornhelm, Schild und Lanze reiten die Walküren durch Münchens Innenstadt und den Englischen Garten. Dazu gibt es Luftüberwachung aus dem Hubschrauber. Es ist ein rasant-schlauer Spaß, der Gebrauch und Missbrauch dieser Musik von München, der „Hauptstadt der Bewegung“ bei den Nazis, bis zu Francis Ford Coppolas Antikriegsfilm „Apocalpyse Now“ durchwandert und in der Bayerischen Staatsoper als Walhall endet, wo Heldenleichen gewaschen und für die Unsterblichkeit präpariert werden: Oper als Mausoleum eines Totenkults.
Die Dimension von Wagners Kunstreligion ist zentral für Kratzers Inszenierung des „Rings des Nibelungen“. „Das Rheingold“ hatte er vor anderthalb Jahren begonnen mit Nietzsches Ausruf „Gott ist tot!“ und enden lassen mit Walhall als neugotischem Schnitzaltar. Dieser Altar taucht nun, auf die Maße eines Herrgottswinkels verzwergt, in Hundings Haus wieder auf. Und Sieglinde, die mit ihrer (von Rainer Sellmaier erdachten) Karoschürze so aussieht, als habe Hunding sie bereits fertig beim Gemütlichkeitsfachhandel von Käthe Wohlfahrt als Wunschmaid gekauft, tut davor Hausmuttchendienst.
Katholisches Germanentum
Ain Anger als Hunding mit prachtvoll dröhnendem Großinquisitorenbass opfert einen Widder vor dem Frickamarterl für eheliche Treue. Kratzer und sein Ausstatter Sellmaier lesen Wagners kunstreligiöses Germanentum durch die Symbolik katholischer Devotionalienwirtschaft mit Heiligenbildchen und Andachtskapelle. Wie schon in Kratzers Bayreuther „Tannhäuser“-Inszenierung wird auch hier die von Ludwig Feuerbach inspirierte Religionskritik des jungen Wagner wieder aufgenommen: Religion als soziale Kontrolle, die verhindert, dass der Mensch im Diesseits seine Bedürfnisse ausleben kann, weshalb er deren Erfüllung aufs Jenseits verschiebt.
Der wunderbar viril, aber einfühlsam singende Tenor Joachim Bäckström ist als Siegmund der frei Liebende, den es schon als Halbwüchsigen „zu Männern und Frauen“ drängte und der nun mit der eigenen Schwester schläft: frei im Wollen, frei im Tun, frei im Genießen. Irene Roberts singt und spielt diese Sieglinde überaus eindringlich als verstörte Frau, die zwischen Lust und Zerknirschung genau so oszilliert wie die Elisabeth im Tannhäuser. Die verinnerlichte Norm der Religion macht sie krank.
Ekaterina Gubanova als Fricka, der Uta aus dem Naumburger Dom sehr ähnlich, verkörpert diese Norm als bis zur Brillanz scharfsinnige Göttin. Gubanova singt sie, in gekonnter Vereinseitigung, als böse Königin gegen die Stieftochter Schneewittchen, die hier Brünnhilde heißt. Nach der schnippischen Begrüßung geht Fricka ab als Bitch. Miina-Liisa Värelä als Brünnhilde kann, wenn sie muss, als Sopranwumme auftrumpfen, aber in den intimen Unterredungen mit Wotan bezaubert sie durch nuancierte Rücknahmen ins Piano und Pianissimo. Und die Todesverkündung für Siegmund singt sie aus einem geheimnisvollen vokalen Halbschatten heraus.
Also hat Wotan die Welt geliebt, dass er seinen Sohn Siegmund gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern die freie Liebe haben – aber darin ist er gescheitert. Die Liebe wird nicht des Gesetzes Erfüllung. Und Wotans eigene Tragik – er versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden – besagt: Gott ist nicht totzukriegen.
