
„Anders“, „Alles, nur nicht zurück“ und „Kopf hoch“ – diese Lieder fassen die letzten drei bis vier Jahre von Tim Bendzko gut zusammen. Das sagt er während seines Konzerts in der Alten Oper. Er habe sich schon immer „ein bisschen komisch“ und ständig auf der Suche gefühlt. Doch je intensiver er gesucht habe, desto mehr habe er die Orientierung verloren. Erst beim Schreiben neuer Songs sei ihm klar geworden, worum es ihm eigentlich gehe: „Verbindung. Ich will mich verbunden fühlen.“
Das funktioniere aber nur, wenn man auch mit sich selbst verbunden sei. Genau deshalb habe er die Tour verschoben. „Ich war mir nicht mehr sicher, was von mir eigentlich ich bin und was davon eine Schublade ist, in die ich mich selbst stecke“, gesteht der 40 Jahre alte Sänger. Er habe begonnen, zurückzublicken, intensiv an sich zu arbeiten und neue Songs zu schreiben. Als er seinen größten Hit „Nur noch kurz die Welt retten“ ankündigt, der ihn 2011 deutschlandweit bekannt gemacht hat, bekommt der Song nicht nur musikalisch ein neues Gewand, sondern auch eine neue Bedeutung: „Wenn du die Welt retten willst, dann wäre es ratsam, erstmal bei sich anzufangen, aufzuräumen.“
Dass Bendzko in den vergangenen Jahren viel erlebt hat, merkt man seinen Songs an. Obwohl er sein Privatleben normalerweise aus der Öffentlichkeit heraushält, spricht er an diesem Abend indirekt auch über die Trennung von seiner Frau, die 2025 öffentlich wurde. „Ich glaube, dass nicht jede Beziehung für die Ewigkeit gemacht ist“, sagt er ruhig. „Manchmal ist es die mutigste und schwierigste Entscheidung, sich zu trennen.“ Danach folgen „Unter Steinen“ und „Das letzte Mal“ – zwei Songs voller Schmerz und Reflexion.
Selbstanalyse und Neuorientierung
Überhaupt wirkt der Abend wie eine öffentliche Selbstanalyse. Bendzko spricht über Fehler, die er in Beziehungen gemacht habe. Früher habe er nach Trennungen „einen harten Cut“ gemacht und jede Verbindung beendet. Heute hält er das für falsch. „Nur weil eine Beziehung endet, heißt das nicht, dass diese Verbindung für immer vorbei sein muss. Sie kriegt nur eine andere Form.“ Er plädiert dafür, für diese Verbindung zu kämpfen – „nicht nur der Kinder wegen“ – bevor er den Song „Immer“ anstimmt.
Trotz aller Selbstzweifel bleibt der Abend hoffnungsvoll. „Am Ende wird alles gut“, sagt Bendzko und singt „Irgendwas mit Liebe“ sowie „Unter die Haut“. Auch „Ich laufe“ bekommt im neuen Kontext eine andere Bedeutung. Früher sei Weglaufen seine Strategie gewesen, erzählt er. „Kann ich nicht empfehlen.“ Ebenso wenig, das Scheitern einer Beziehung von Anfang an einzukalkulieren. „Man wird dann genau der Mensch, der dafür sorgt, dass es scheitert.“
Heute wolle er „leichtsinniger“ durchs Leben gehen. „Ich mache das jetzt seit einem Jahr und ich habe die Zeit meines Lebens“, erzählt er und stimmt das Lied „Leichtsinn“ an.
Musikalisch zeigt sich dabei deutlich, wohin die Reise geht: elektronische Sounds, große Popmelodien und ehrliche Texte. Selbst ältere Songs wirken in ihrem neuen Arrangement frischer und dynamischer. Bendzko entfernt sich ein Stück weit vom melancholischen Deutschpop früherer Jahre, ohne seine emotionale Ehrlichkeit zu verlieren.
Das Publikum in der Alten Oper ist dabei so gemischt wie Bendzkos Musik selbst: Eltern mit Kindern sitzen neben langjährigen Fans und älteren Zuhörern. Bendzko schafft es weiterhin, mit seinem Deutschpop viele Generationen anzusprechen. Allerdings war der Sound an manchen Stellen so laut abgemischt, dass einige Besucher den Saal vorzeitig verließen.
Dieser Abend zeigt eines: Tim Bendzko befindet sich in einer Phase des Aufbruchs. „Alles, nur nicht zurück“ ist wohl auch sein persönliches Motto.
