
Es muss schon allerhand zusammenkommen, damit aus „17.30 ZA m. B.“ Weltliteratur wird. Eher wird etwas aus „Habe wieder begonnen, morgens nackt ein wenig zu turnen“. Das hat etwas. Jedenfalls wenn der Schreiber Thomas Mann heißt. Der schrieb den Satz am 20. Juli 1934 in sein Tagebuch. Mann hat Blankohefte vollgeschrieben, mal viel, mal weniger, ein Strich unter den Eintrag, dann folgt der nächste Tag. Jahrelang.
Andere Künstler der Moderne und der Gegenwart haben sich der Wohltaten guter Papeterie bedient. Zahnarztbesuch und Turnvorhaben, vollendete Werke und Politik stehen fein säuberlich in den gedruckten Spalten mit Wochentag und Datum von Taschenkalendern, das Große und das Banale innig vereint, Tagebuch und To-do-Listen. Damit kann die Nachwelt etwas anfangen. Auch wenn nicht jedes intime Büchlein das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Dafür muss man schon ein Dichterfürst sein. Goethe hat stolze 57 Jahre Tagebuch geführt, nun ist schon seit beinahe zehn Jahren ein Forscherteam damit beschäftigt, diese Notizen historisch-kritisch aufbereitet zu publizieren.
Und heute? Man stelle sich vor, Goethe hätte seine Einträge in den Kalender seines Handys diktiert. Nach dem vierten Software-Update muss er sich refurbished ein neues holen, und weg sind die glorreichen Einträge. Wir wüssten nicht, was er in seinem „Tagebuch der italienischen Reise für Frau von Stein“ unter dem 5. September notiert hat: „Auch ists recht gut daß ich allein bin, denn gewiß man wird durch anhaltende Bedienung vor der zeit alt und unfähig. Jetzt freut mich alles mehr, und ich fang in allem gleichsam wieder von vorne an.“
Es gibt immer noch Leute, die ihre Taschenkalender handschriftlich zum Lebensplaner machen. Manche heben das auf. Und sehen, Jahre später, was sie alles getan haben in jenem Juni oder diesem September. Wie dicht das Berufsleben war oder auf wie vielen Geburtstagen das Kind in einer Lebensphase gewesen ist. Wer im Berufsleben mit digitalen Kalendern hantiert, kann so eine regelrechte Parallelwelt entwickeln, die Pflichttermine digital, die privaten Termine analog.
Das erklärt wohl auch, warum es weiter und sogar in viel mehr Ausführungen als früher Tisch- und Wandkalender gibt. Irgendwo müssen sie ja hin, die Geburtstagsfeiern und Schulfeste, das Turnen, ob mit oder ohne Kleidung. Deshalb kürt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels jedes Jahr zur Buchmesse die besten Kalender für das nächste Jahr. Jetzt liegt die Liste vor.
Wer mag, kann seine handschriftlichen Notizen 2027 zwischen „Faszinierend-irisierende Mikroskopkunst“, die Städte der Welt oder „Street Art“ quetschen. Oder man sieht der Tatsache ins Auge, dass das allermeiste, was man 2027 eintragen wird, halt doch nicht goethesche Ausmaße erreicht. Das wäre ein Fall für den Wandkalender „Halbwegs entspannt durch 2027“.
