An diesem Freitagmittag kann sich der Himmel über Berlin nicht recht entscheiden, was für ein Tag es werden soll. Eben noch regnet es, der Schirm geht auf, eine Minute später wieder zu. In der U-Bahn ist es viel zu warm, draußen viel zu windig. Aber vielleicht passt das unentschlossene Wetter ganz gut zu dem Theater, das an diesem Tag ebenfalls einen Übergang probt.
Am Maxim Gorki Theater beginnt die neue Spielzeit – die erste unter der Intendanz von Çağla İlk –, und sie beginnt ohne Schauspieler, Sprechtext und Dramaturgie, sondern mit einer Ausstellung. Alles soll hier anders werden. Das merkt man direkt, wenn man reinkommt. Der Zuschauersaal ist gründlich verwandelt, die roten Polsterreihen sind verschwunden, als wüsste das Haus selbst für einen Moment nicht, wo es Platz nehmen soll. Wo sonst das Publikum sitzt, erhebt sich eine hölzerne Plattform. Darauf liegen 24 alte Bodenbretter, auf denen 31 Kreuze stehen. Darüber schweben riesige, mit Vogelfedern besetzte Leuchtkörper, die sich langsam heben und senken. Auf der eigentlichen Bühne dreht sich ein Gebilde aus sieben Spiegelflächen, über die Regenbogenfarben laufen. Und von ganz oben erklingt John Cages Litany for the Whale auf einem Glockenspiel mit 43 Glocken.
