Als Kind war ihm das Postkartenschreiben ein Ärgernis. Schreib der Oma und den Tanten, forderten die Eltern. „Ich wusste nie, was ich berichten soll.“ Heute, mit über 80, sind Postkarten sein Leben. Christian Deflandre führt das Musée de la Carte Postale im südfranzösischen Antibes. Es gibt nicht viele und vermutlich kein charmanteres. Denn das Museum entstand 2000 als Hobby: „Ich war frisch in Rente und hatte Zeit.“ Bis heute führt Deflandre es als Ein-Mann-Projekt: Er weist Gäste ein, kuratiert die Sonderausstellungen, sortiert neu eingetroffene Postkarten. Hunderte sind es, zu windschiefen Türmen auf seinem Schreibtisch gestapelt.
Das Museum befindet sich in einer kleinen Seitenstraße, und obwohl ein Schild am Eck darauf verweist, verirren sich kaum Gäste hierher. Nur ein kanadisches Duo ist an diesem sonnigen Tag da, dafür bereits zum zweiten Mal. „Es gibt so viel zu sehen …“ Der Ausstellungsraum ist karg, bestückt mit neonbeleuchteten Schaukästen, die – sortiert nach Themen und Ländern – die Geschichte der Postkarte erzählen. Wer sich einlässt auf das Wimmelbild aus Motiven, kann hier in die Vergangenheit und einmal um die Welt reisen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
„Die meisten Sammler beschränken sich auf eine Region“, erzählt Deflandre. Schade sei das, schließlich sei die Postkarte ein kleines Fenster. „Das Schöne ist ja, dass man mit ihr die ganze Welt entdecken kann.“ Die hier gezeigten seien nur die Spitze des Eisberges, meint der 82-Jährige. Etwa 3000 Stück umfasst die Ausstellung, Tausende lagern im Keller.
Wie wurde aus dem Kind, das ungern Postkarten schreibt, einer ihrer leidenschaftlichsten Sammler? 18 war Deflandre, frisch in Paris und hatte kaum Geld in der Tasche, als ihm bei einem der Bouquinisten am Seine-Ufer historische Postkarten in die Hand fielen. „Fünf Centime das Stück. Das alte Zeug wollte keiner haben.“ Deflandre war begeistert: die Geschichten, die kunstvollen Motive, die vielen Techniken, von Relief bis Scherenschnitt. Er wurde Mitglied in einem Pariser Sammler-Klub – als jüngstes Mitglied, das zweitjüngste war fast dreimal so alt.
Es begann mit einer kaiserlichen Correspondenz-Karte
Die erste offizielle Postkarte wurde 1869 verschickt. Die Correspondenz-Karte, erdacht vom österreichischen Ökonom Emanuel Herrmann: Sie erlaubte das Versenden kurzer Nachrichten – ohne Umschlag, dafür günstig. Eine dieser beigen Karten hängt auch im Museum: oben der kaiserliche Doppeladler, darunter wenige Zeilen für Adresse und Nachricht.

In einer Zeit, in der Telefon und bebilderte Zeitungen seltener Luxus waren, entwickelte sich die Postkarte rasch zum beliebten Kommunikationsmittel. Ihre Blütezeit begann mit der Jahrhundertwende. Neben kurzen Nachrichten und Feldpost wurden nun auch Urlaubsgrüße, Glückwünsche und Einladungen verschickt.
Schnell wurde die nüchterne Correspondenz-Karte zum Sammel- und Kunstobjekt. Es gibt Karten, die man zusammensetzen kann, wie später die Star-Schnitte der „Bravo“. Serien zu den menschlichen Lebensabschnitten – von Kindheit bis Tod –, zu Hobbys, Berufen, Alltag. Auf 9 × 14 Zentimetern wird gelacht, getrauert, geliebt: „Dank dir, liebe Karte, konnte ich die Liebe erfahren, die mein Herz in ihrem Herzen geweckt hatte.“
Postkarten, meint Deflandre, erzählen nicht nur von Sender und Empfänger. Sondern auch von der Zeit, in der sie geschrieben wurden. Autos, Architektur, Mode. Die Karten hielten technische Errungenschaften, gesellschaftliche Veränderungen und politische Ereignisse fest. Am Eingang hängt eine Serie zu den „Crimes d’allemands“, die deutsche Truppen während des Krieges begangen haben. Grausige Szenen, die nichts mit dem heutigen Image der Postkarte als fröhlicher Urlaubsgruß zu tun haben. Die Postkarte zur Aufklärung der Bevölkerung. Früher haben sie Zeitung und Fernseher ersetzt.

Doch natürlich gibt es sie auch: die Grüße aus den Schweizer Bergen, von den Pyramiden und der Heilkur im warmen Süden. Als der Tourismus mit dem Ausbau der Eisenbahn zunahm, ließen viele Urlaubsregionen und Hotels eigene Ansichtskarten drucken – Souvenir und Werbung zugleich. Für viele Gäste seien diese alten Karten wie die Madeleine bei Proust. Eine Zeitreise in ihre Kindheit, als die Sommer endlos und die Sorgen klein waren.
Seltenes Fundstück: eine Schallplattenkarte von 1905
Immer wieder bekommt Christian Deflandre Anfragen von Kuratoren. Selbst aus New York, wo ein Kunstmuseum eine Ausstellung über die Belle Époque plante. Ob er Material zur „Grünen Stunde“ habe? Hatte er, natürlich. Deflandre schickte Postkarten, die den Absinth als Kultgetränk feierten – und welche, die vor seinen Gefahren warnten.
Sein Lieblingsstück ist die Schallplattenkarte. Erfunden wurde die sprechende Postkarte 1905. Die Idee war ihrer Zeit voraus, scheiterte aber an der komplizierten Technik. Dementsprechend selten und teuer sind die Karten heute. Lange hat Deflandre nach einer gesucht und dann zehn Jahre den Sammler bekniet, bis er dessen Karte kaufen durfte. Seine Augen leuchten, stolz wie ein Kind vor seiner Panini-Sammlung.
Die Ausstellung endet mit dem Jahr 1920. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor die Postkarte ihre vorherrschende Stellung. Radio und Illustrierte brachten die Welt ins Wohnzimmer. Als Urlaubsgruß lebte sie noch lange fort, doch die Zeit der aufwendig illustrierten Karten war vorbei.
Und heute? Verkauft werden sie noch in den Souvenirshops der Altstadt, wobei manche – vergilbt und brüchig – schon ziemlich lange auf Käufer warten. Nicht nur das Smartphone bringt die Postkarte in Bedrängnis. „Das Porto ist viel zu teuer“, findet Deflandre. Auch die Zukunft seiner Sammlung ist ungewiss. „Solange ich kann, mache ich weiter“, meint er, „aber ich bin schon ziemlich alt.“ Er lacht verschmitzt und lässt sich in den Sessel sinken, zwischen die Türme aus Postkarten. „Wer sich dafür interessiert, sollte lieber rasch kommen.“
