Am vergangenen Wochenende traf es Mallory und Jeff Wilson. Als ihre Hündin Cassie in der Nacht zu Sonntag im Garten ihres Farmhauses in Burnt Ranch, einer kleinen Gemeinde im bewaldeten, bergigen Bezirk Trinity nördlich von San Francisco, zu bellen begann, riss Jeff Wilson die Terrassentür auf. Während Cassie ins Haus lief, stürmte ein Schwarzbär auf den Mittdreißiger zu, griff ihn an und stieß ihn zu Boden. Als Mallory Wilson durch den Lärm wach wurde und ebenfalls auf die Terrasse lief, ließ der Bär, wegen seines rötlichen Fells auch Zimtbär genannt, von ihrem Ehemann ab und begann, sie zu beißen und zu kratzen. Mit der Französischen Bulldogge Cassie im Maul trat der Bär schließlich den Rückzug an.
Das etwa 200 Kilogramm schwere Tier ließ erst von der Hündin ab, als Jeff Wilson mit Gartenmöbeln und einem Heizgerät auf es einschlug. Im Krankenhaus diagnostizierten die Ärzte bei dem Betreiber eines Luxuscampingplatzes neben Biss- und Kratzwunden später zwei gebrochene Rippen. Seine Ehefrau Mallory erlitt schwere Kopfverletzungen. Cassie, die Bulldogge, verendete einige Tage nach der Begegnung mit dem Bären an den Bisswunden. „Ich glaube, wir haben den Bären ebenso erschreckt wie der Bär uns“, sagte Jeff Wilson der kalifornischen Website Redheaded Blackbelt.

Ein „bear encounter“ ist in vielen amerikanischen Bundesstaaten längst keine Seltenheit mehr. Neben Kalifornien zählte die Behörde für Fischerei und Wild (CDFW) auch in Colorado, Montana sowie mindestens zwölf weiteren Bundesstaaten im Westen, Südosten und Nordosten der Vereinigten Staaten in den vergangenen Monaten weit mehr Begegnungen von Mensch und Bär als in früheren Jahren. Nicht immer kommt es dabei wie in Trinity County zu Angriffen. Meist brechen die Schwarzbären (Ursus americanus) in Vorratskammern leer stehender Ferienhäuser ein, öffnen Autos oder bedienen sich auf Campingplätzen an Mülltonnen.
„Wir haben ein Problem“
In Montanas Süden und anderen Regionen kommt es aber immer häufiger auch zu gefährlichen Begegnungen. Allein in Red Lodge, einer früheren Bergbaustadt, erlegten Jäger der Wildbehörde in den vergangenen Wochen sechs Bären, unter ihnen zwei fast zwei Meter große Grizzlys (Ursus arctos horribilis). Seit die Jungtiere im Frühjahr den Bau verlassen haben, gingen bei den Behörden der etwa 2000 Bewohner großen Gemeinde mehr als 200 Meldungen zu gefährlichen Begegnungen und Angriffen ein.
„Wir haben ein Problem. Es geht etwas vor sich“, fasste Daniel McHugh, ein Biologe bei der Behörde Montana Fish, Wildlife & Parks (MFWP), jetzt bei einer Bürgersprechstunde in Red Lodge zusammen. Dass sich die in der Regel scheuen Bären Menschen nähern, schreiben McHugh und seine Kollegen dem vergleichsweise trockenen Winter zu. Traubenkirschen, Heidelbeeren und Samen der Weißstämmigen Kiefer, das natürliche Futter der Tiere, sei knapp geworden. Um sich auf lange Wintermonate vorzubereiten, suchten die Bären immer öfter in Häusern, auf Komposthaufen und in Müll nach Nahrung.

Unerwartete Begegnungen wie mit Jeff und Mallory Wilson bleiben nicht aus. In Colorado erlegten Jäger in diesem Jahr schon etwa 300 Bären, die in Häuser eingebrochen waren und deren Bewohner gefährdeten. Im Verdauungstrakt eines 18 Jahre alten Bären fanden sie Dutzende Plastiktüten. Auch in Wyoming forderten die Behörden Hausbesitzer auf, Lebensmittel und Müll bärensicher zu verschließen.
„Der Bär hört mit den Einbrüchen leider nicht wieder auf“
„Hitze und Trockenheit sowie weniger Beeren tragen dazu bei, dass die Tiere aus entlegenen Bergregionen in das Flachland kommen“, sagte Dan Thompson, bei der Wildbehörde des Cowboy State verantwortlich für Großraubtiere, der Plattform Wyofile. Die früher unübliche Nachbarschaft von Menschen und den etwa 450.000 Schwarzbären in den Vereinigten Staaten erhöhe auch die Wahrscheinlichkeit von Angriffen.
Während Bundesstaaten wie Kalifornien, North Carolina und New York die Jagdsaison verlängern oder die Zahl der zum Abschuss freigegeben Bären erhöhen, stehen die früher fast ausgerotteten Tiere in Bundesstaaten wie Connecticut weiterhin unter Schutz. Laut „Washington Post“ registrierten die Behörden des eher dicht besiedelten Constitution State im Nordosten der Vereinigten Staaten seit Beginn des Jahres etwa 60 Einbrüche hungriger Bären.
Eine Ausnahme musste die Behörde für Fisch und Wildtiere bei der Schwarzbärin White Paw machen. Nachdem die Bärin jahrelang Speisekammern, Garagen und Autos in Connecticut heimgesucht und dabei wiederholt Bewohner vertrieben hatte, wurde die „Problembärin“ erlegt. „Wenn ein Bär sich daran gewöhnt hat, in Häuser einzusteigen, hört er damit leider nicht wieder auf“, sagte Dave Wattles, Biologe bei der Behörde für Fisch und Wildtiere in Massachusetts. „Er setzt das Verhalten ohne Ende fort.“
