Das Penthouse im 23. Stock eines Hochhauses, in dem Moya die Pizza abliefert, ist ein unheimlicher Ort. Der junge Mann, der ihr die Tür öffnet, wirkt überdreht und mit Drogen vollgepumpt; die Wohnung ist eine mit Planen abgedeckte Baustelle. Auf dem Weg zurück versteckt sich Moya vor zwei patrouillierenden Polizisten, landet im Keller und wird wenig später Zeugin, wie zwei Männer in Plastikoveralls eine Leiche abtransportieren. Sie steigt panisch aufs Rad, einer der Täter fährt sie an, sie verliert ihren Ausweis. Am nächsten Morgen wird eine Leiche am Fluss gefunden. Es ist Ruben, dem Moya abends zuvor die Pizza in die Hand gedrückt hatte.
Das ist ein atemloser Thrillerauftakt, wie man ihn sich vorstellt. Die Nachtaufnahmen des Kameramanns Tobias Dengler und der Schnitt von Cécile Welter ziehen sofort in Bann, vermitteln das Gefühl der Bedrohung, das Moya ohnehin begleitet. Sie ist illegal in der Schweiz. Mit einem zehnjährigen Jungen, den sie als ihren Sohn ausgibt, hält sie sich bei einer Freundin versteckt, für die sie heimlich die Pizza-Schichten fährt. Was das für sie und ihre Freundin bedeutet, kann man sich denken: Sie stehen jetzt auf der Liste der Mörder, die den jungen Ruben (Yves Weckemann) grausam zugerichtet haben.
Die Kommisarinnen sagen Binsenweisheiten auf
Auftritt der Kommissarinnen Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) – und schon ist alles anders. „Fünfzig Jahre Ehe, und dann ersticht sie ihn im Schlaf“, sagt Ott. „Sie hatte viel Geduld“, gibt Kollegin Grandjean sarkastisch zurück. „Wir kommen immer zu spät. Wir tun, was wir können“, fährt Ott in einem Dialog fort, wie er in öffentlich-rechtlichen Krimis, dem „Tatort“ und dem „Polizeiruf“ insbesondere, Usus ist: Binsenweisheiten, Kalendersprüche, die Erklärung des Offensichtlichen und Sozial- und Asylkritik sieht das Drehbuch von Mathias Schnelting vor, das der Regisseur Claudio Fäh mal als Thriller, dann als Asyldrama inszeniert, ohne dass sich das eine mit dem anderen nahtlos verbände.

Erläutert der IT-Kollege Noah Löwenherz (Aaron Arens), was er herausgefunden hat und was die Spurensicherung und die Gerichtsmedizin zu bieten haben, erklärt Kommissarin Ott noch einmal für alle, die nicht zugehört haben, was das bedeutet. Fährt ein Verdächtiger im Lamborghini davon, sagt Kommissarin Grandjean, der koste doppelt so viel, wie sie im Jahr verdiene. „Ja, das ist Zürich“, sagt Kollegin Ott.
Ja, das ist schade, dass es von solchen Sätzen wimmelt. Gäbe es sie nicht, könnte man leichter über die vielen unwahrscheinlichen Volten hinwegsehen, die der Fall nimmt, über platte Nebenstränge (der ermordete Ruben war ein Callboy, sein „Sugardaddy“ ist ein Richter) und über manche überdrehte Szene wie die, in der Kommissarin Grandjean einen Verdächtigen im Verhörraum herausfordert, als stünden die beiden im Ring und schlügen gleich aufeinander ein. Die Schauspieler hätten Besseres verdient, die Hauptdarstellerinnen Carol Schuler und Anna Pieri Zuercher, Aaron Arens als ihr nerdiger Kompagnon, Basil Eidenbenz als doppelgesichtiges Monster, dessen Präsenz sich allmählich steigert, und auch die aus Südafrika stammende Nambitha Ben-Mazwi in der Rolle der verfolgten Moya.
Die Täter hätten sich wie die „Könige der Nacht“ gefühlt, sagt die eine Kommissarin zur anderen. „Aber die Nacht ist nun vorbei.“ Fehlte nur noch das „Immer wieder geht die Sonne auf“ von Udo Jürgens. Doch damit kommt uns der Krimi dann zum Glück doch nicht, sondern mit einem kitschfrei-existenziellen Ende.
Der Tatort: Könige der Nacht läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.
