
Einer jungen Frau antwortete Silvia Bovenschen einmal auf die Nachfrage, ob sie sich denn als Feministin begreife: Ja, das tue sie „uneingeschränkt“ – um lakonisch hinzuzufügen, sie halte das für „eine Frage der Intelligenz“. Dass das Verlangen nach eindeutiger Etikettierung sich an Bovenschens Adresse richtete, war insofern nicht unberechtigt, als die eigensinnige Denkerin sich in ihrem vielfältigen Schaffen seit den Siebzigerjahren zwischen Literaturwissenschaft und Kritischer Theorie, zwischen essayistischem und literarischem Schreiben zwar immer mit Bestimmtheit politischen Fragen, allen voran der des Geschlechterverhältnisses, widmete, sich jedoch stets der Vereinnahmung durch eine Bewegung oder Theorieschule entzog. Dass Bovenschen in dem Fall die Etikettierung dennoch bejahte, zeugte einerseits von ihrer Treue zum gesellschaftlichen Problem der Geschlechterfrage und andererseits von ihrer Lust an der Nuance: Indem sie die männlich konnotierte Domäne der „Intelligenz“ aufrief, durchkreuzte sie en passant männliche wie feministische Vorstellungen, die das Weibliche als binäres Gegenmodell des Männlichen entwerfen – spielerisch und ernst zugleich.
„Treue zur Nuance“, das war auch der schöne, dialektische Titel der Tagung im „Literaturforum im Brecht-Haus“, die für anderthalb Tage eingeladen hatte, sich dem Denken der 2017 verstorbenen Bovenschen zu widmen. Auch, wie der Organisator Robert Zwarg eingangs herausstellte, um ihre widerspruchsoffene Denkweise ins gegenwärtige Bewusstsein zurückzuholen – wobei ein Plädoyer für ein ambivalenzgeleitetes Denken deutlich hörbar wurde, das sich jenseits von vereinfachenden Identifizierungen, Befreiungsphantasmen und Gruppenzugehörigkeitssignalen verortet, die in den politischen Diskursen der Gegenwart so stark grassieren. Aufbauend auf Zwargs Rahmung von Bovenschen als einer Denkerin, die stets quer zu bedenklichen Essenzialisierungen der Geschlechter stand, rekonstruierte Pola Groß in ihrem Vortrag Bovenschens Auseinandersetzung mit der literaturwissenschaftlichen Frage, ob es eine genuin „weibliche Ästhetik“ geben könne.
Umkehr des Männlichen
Entwickelte sich in den Siebzigerjahren ein Feminismus, der als natürlich begriffene weibliche Qualitäten hochhielt, wie Sinnlichkeit, Zärtlichkeit oder das Strömende, so stand dahinter das Verlangen, einem dominanten männlichen Literaturkanon einen weiblichen entgegenzusetzen. Groß argumentierte, dass diese Operation einerseits auf dem binären Prinzip einer einfachen Umkehr des Männlichen beruhte und andererseits paradoxerweise häufig von einem naiven Egalitätsbestreben angetrieben sei. Gegen die Vorherrschaft des Rationalen würde das Sinnliche mobilisiert, gegen den männlichen Kanon ein qualitativ gleichberechtigter weiblicher behauptet – eine Denkweise, die sich in Gegenwartsfeminismen niederschlage, die aufriefen, nur noch Frauen zu lesen.
Und eine Figur der Umkehr, die sich im Übrigen analog zur klassisch männlichen Trope der Idealisierung des Weiblichen verhalte. Mit Bovenschen und Adorno, dessen Schülerin sie war, plädierte Groß dafür, dass feministische Kunst nicht idealisierend verstanden werden dürfe, sondern die Ambivalenz zum Ausdruck bringen müsse, weder autonom jenseits gesellschaftlicher Unterwerfung stehen zu können noch auf ein Moment der Unverfügbarkeit zu verzichten.
Doch war nicht allein ästhetische Theorie, sondern insbesondere die scharf beobachtende Zuwendung zu den Unverfügbarkeiten des Alltagslebens die Sache Bovenschens. Die Psychoanalytikerin Christine Kirchhoff widmete sich ihrer Studie „Über-Empfindlichkeiten. Spielformen der Idiosynkrasie“. Kirchhoff erinnerte, mit welcher Präzision Bovenschen sich – in guter psychoanalytischer Manier – dem scheinbar Unbedeutenden und Abseitigen zuwendete – insbesondere im Bereich der Sprache. Als Idiosynkrasien begreift sie eine übersteigerte und unwillkürliche Reaktion auf Ausdrücke des Alltags. „Einfach die Seele baumeln lassen“ – das mag für so manchen unaushaltbar klingen.
Auch von einem scheinbar unbedeutenden Phänomen würde Bovenschen eine Theorie entwickeln, die seine ganze Ambivalenz zwischen regressiven und produktiven Potentialen zu fassen versucht. Lande man bei einer Verfestigung idiosynkratischer Reaktionen beim ressentimentgeladenen Vorurteil, beispielsweise indem man für ihr Auftreten moralische Gründe erfindet, so erlaube der spielerische Umgang mit ihr das Erkunden der kränkenden Erfahrung, „nicht Herr im eigenen Haus zu sein“ – doch dafür brauche es Offenheit, Abstand vom Dogmatismus, also eine Frage der Intelligenz.
