Sven Steffes-Holländer ist Facharzt für Psychotherapie und Sozialmedizin sowie Chefarzt der Heiligenfeld Klinik in Berlin. Regelmäßig trifft er Menschen, die durch ihre berufliche Arbeit traumatisiert wurden, etwa Polizeiangehörige, Feuerwehrleute und Rettungssanitäter. Hier erzählt er, warum Gewalt gegen Einsatzkräfte seit Jahren zunimmt.
Herr Steffes-Holländer, Zahlen des Bundeskriminalamts von 2024 zeigen, dass die Gewalttaten gegen Polizisten in zehn Jahren um fast 39 Prozent zugenommen haben. Bei Rettungskräften wurden mit rund 2900 Betroffenen die höchsten Opferzahlen seit 2018 erfasst. Sie schreiben in Ihrem Buch, Gewalt sei ein systemischer Bestandteil des Berufsalltags von Einsatzkräften geworden – warum?
Ich sehe die zunehmende Gewalt als gesellschaftliches Symptom dafür, dass Autorität und Institutionen an Legitimation verloren haben. Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst repräsentieren im Moment des Einsatzes staatliche Institutionen. Genau diese Repräsentation zieht die Wut derjenigen auf sich, die diesen Staat ablehnen, sich ausgegrenzt oder im Stich gelassen fühlen. Psychologisch betrachtet wird eine Einsatzkraft zur Projektionsfläche für Frustrationen, etwa Ohnmachtserfahrungen oder soziale Abstiegsängste und für ein diffuses Misstrauen gegenüber allem, was Regeln setzt.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Inwiefern führt das zu Gewalt?
Häufig zeigt sich, dass Menschen in Uniform entmenschlicht werden. Sie werden auf ihre Rolle als Symbol für den Staat reduziert und verlieren ihren Status als fühlende Individuen. Täter fühlen sich dadurch legitimiert, Gewalt anzuwenden. Denn Gewalt gegen einen Menschen mit Namen und einer Lebensgeschichte fühlt sich anders an als gegen eine Funktion. Gleichzeitig sinkt die Hemmschwelle im öffentlichen Raum insgesamt.
Ein Faktor sind die sozialen Medien. Sie trainieren uns auf Empörung, Zuspitzung und Enthemmung, weil dadurch Aufmerksamkeit generiert wird. Diese Dynamik senkt die Schwelle, auch im direkten Kontakt aggressiv zu werden. Das können wir auch in der Politik beobachten. Gleichzeitig verbreiten sich Ausschnitte, die einen Einsatz auf eine zupackende Hand eines anonymen Menschen in Uniform reduzieren, ohne Gesicht und vor allem ohne den Kontext der Sequenz.
Sie sagen, Gewalt gegen Einsatzkräfte ist ein Angriff auf das solidarische Zusammenleben. Wie meinen Sie das?
Nehmen wir als Beispiel die Polizei. Sie handelt nach dem Gesetz, unabhängig von ihrem eigenen Wertesystem. Ihre Legitimation ist der gesellschaftliche Konsens darüber, dass diese Regeln unser Zusammenleben organisieren. Mit Entsolidarisierung meine ich Gesellschaften, in denen das Recht des Stärkeren gilt. Derer, die eine Waffe besitzen oder ihre Interessen am skrupellosesten verfolgen. Wenn eine Gesellschaft aufhört, die Polizei als Teil der demokratischen Gewaltenteilung zu betrachten, bewegt sie sich in diese Richtung.

Welche Formen der Gewalt treffen Mitarbeitende der Polizei besonders häufig?
Polizeikräfte erleben am häufigsten körperlichen Widerstand bei Festnahmen und Kontrollen. Das fängt mit Wegstoßen und Festhalten an und geht bis zu Schlägen und Tritten. Hinzu kommt der Einsatz von Waffen wie Flaschen und Steinen, etwa bei Demonstrationen. Verbal dominieren Beleidigungen, Bedrohungen und zunehmend auch Diffamierungen in den sozialen Medien. Oft werden Ausschnitte aus Einsätzen verbreitet, die aus dem Kontext gerissen sind. Dabei erscheint die Einsatzkraft als übergriffig, obgleich sie mit ihrem Handeln auf eine vorangegangene Aggression reagierte. Diese Fragmentierung ist eine der wirksamsten Formen der Täter-Opfer-Umkehr.
Wie ist es bei der Feuerwehr?
Die Feuerwehr wird häufig daran gehindert, an ihren Einsatzort zu gelangen, indem ihre Wagen blockiert oder die Einsatzkräfte bedrängt werden. Im Vergleich zur Polizei wirkt sie weniger bedrohlich, weil sie keine Waffen trägt. Das senkt die Hemmschwelle. Hinzu kommt, dass Feuerwehreinsätze Aufmerksamkeit erregen. Rauch, Blaulicht und Lärm ziehen Schaulustige an. Je mehr Menschen zuschauen, desto eher findet sich jemand, der die Situation zur Selbstinszenierung nutzt oder um Spannung abzuladen.
Welche Aspekte spielen bei Rettungsdiensten eine Rolle?
Rettungskräfte erleben oft Gewalt durch Menschen, die sie versorgen, etwa weil diese psychisch krank sind, unter Alkohol, Drogen oder Entzug stehen. Es geht also selten um eine gezielte Aggression. Außerdem erleben Rettungskräfte häufig familiäre Konflikte. Wenn Rettungskräfte zum Beispiel bei häuslicher Gewalt einschreiten, kann es passieren, dass die Stimmung kippt und sich die Familie gegen den Rettungsdienst solidarisiert. Er wird dann als Eindringling wahrgenommen.
Sie kümmern sich auch um Einsatzkräfte der Berliner Polizei. Können Sie einen Fall schildern, der für Polizisten besonders belastend war?
Ein belastender Einsatz war Silvester 2022 auf das Jahr 2023 im Berliner Bezirk Neukölln. Dort gab es bürgerkriegsähnliche Zustände, in denen wahllos mit Feuerwerkskörpern auf Menschen geschossen wurde. Viele Beamte erlitten Verbrennungen. Besonders belastend war auch die Erfahrung, einer großen, aufgebrachten Menge gegenüberzustehen, die als anonyme Masse auftrat und jede individuelle Handlungsstrategie ins Leere laufen ließ. Diese Ohnmacht im Einsatz selbst wirkt oft länger nach als die körperliche Verletzung.
Welche Folgen haben Einsätze, bei denen es zu Gewalt kommt, auf die Psyche der Betroffenen?
Ich unterscheide zwischen einer akuten Belastungsreaktion unmittelbar nach dem Ereignis und einer längerfristigen Traumafolge. Sie baut sich durch wiederholte Erfahrungen auf. Gerade Letzteres halte ich für unterschätzt. Selten wirft eine Beleidigung eine Einsatzkraft aus der Bahn. Es geht um die Summe an Grenzüberschreitungen, die sich über Jahre hinweg ins Gedächtnis einschreiben. Mögliche Folgen davon sind etwa die posttraumatische Belastungsstörung, der Verlust von Vertrauen in die eigene Wirksamkeit oder das Gute im Menschen. Außerdem erhöhen Traumata das Risiko, an Depressionen, Sucht oder Angststörungen zu erkranken.
Was braucht es, um die Gewalt gegenüber Einsatzkräften zu reduzieren?
Im öffentlichen Diskurs braucht es mehr Berichte, die den Menschen hinter der Uniform zeigen, seine Motivation, seine Erschöpfung nach einer langen Schicht. Je stärker die Öffentlichkeit Einsatzkräfte als Individuen wahrnimmt, desto schwerer fällt es, Gewalt gegen sie auszuüben. Die Organisationen brauchen Nachsorge und Briefings nach belastenden Einsätzen. Bislang ist das in den verschiedenen Bundesländern unterschiedlich ausgeprägt, weil die Polizei Ländersache ist. Wer seine Grenzen anspricht, sollte das als Stärke erleben dürfen, nicht als Karriererisiko. Da hat sich in den letzten Jahrzehnten schon etwas getan. Entscheidend ist auch, dass Anzeigen leichter fallen. Viele verzichten darauf, weil die Zeit fehlt oder die Einsatzkraft das Verfahren schreckt. Eine bundesweit einheitliche Erfassung würde die Datenlage verbessern und politische Reaktionen erleichtern.
Wo sehen Sie die Verantwortung einer einzelnen Person, sich zu engagieren?
Zivilcourage ist sehr wichtig. Wer sich mit Opfern solidarisiert, kann aggressive Gruppendynamiken unterbrechen. Das Bewusstsein für die Rolle von helfenden Berufen könnte schon in der Schule nähergebracht werden. Außerdem kann jeder Einzelne Inhalte, die Einsatzkräfte bloßstellen oder verhöhnen, in den sozialen Medien melden. Wer Einsatzkräften mit Respekt begegnet, bekräftigt damit den gesellschaftlichen Konsens, auf dem ihre Legitimation beruht.
