
„Wollen wir dann Freitagabend eigentlich feiern gehen?“, wirft mir meine Freundin entgegen. Ganz ungezwungen stellt sie diese Frage, nippt an ihrem Durstlöscher und schiebt ihre Sonnenbrille weiter auf die Nase. An mir prallt diese Leichtigkeit ab, dafür türmen sich Gedanken in mir auf, und wenn ich nicht aufpasse, da bin ich sicher, überrollen sie mich irgendwann. Die Sonne klatscht in mein Gesicht, es ist heiß. Nein, denke ich, und lasse die Stille zwischen uns anschwellen. Nein, wir wollen nicht feiern gehen. Also, eigentlich schon. Aber wir können eben nicht.
„Nee, du, lass mal. Ich muss da leider arbeiten“, presse ich schließlich hervor und klinge genervter, als ich eigentlich will. Dabei spricht nur der blanke Neid aus mir. Denn eigentlich würde ich gern Vollzeitstudentin sein. Eine, die, nachdem sie vier Stunden in der Bibliothek war, Freizeit hat. Eine, die Freitagabend spontan feiern gehen kann, ohne darüber nachzudenken, dass sie arbeiten muss.
Doch das kann ich eben nicht. Denn ich habe nicht den einen klassischen Studentenjob, in dem ich zweimal die Woche ein paar Stunden arbeite und mir damit ein bisschen Geld für die nächste WG-Party verdiene. Ich habe gleich mehrere Jobs. Mit unterschiedlichen Arbeitszeiten, unterschiedlichen Aufgaben, unterschiedlichen Deadlines.
Einfach nur zu studieren, reicht nicht
Denn wenn wir Studis eines wissen, dann, dass es schon lange nicht mehr reicht, einfach nur zu studieren. Man soll Berufserfahrung sammeln, Praktika machen, sich ausprobieren und Kontakte knüpfen. Am besten weiß man schon während des Studiums, was man später einmal machen möchte, und beginnt gleichzeitig möglichst früh damit, den Lebenslauf für einen Beruf zu optimieren, von dem man noch gar nicht weiß, ob man ihn überhaupt will.
Und während all das immer selbstverständlicher wird, wird das Leben nebenbei nur noch teurer: Mieten, die inzwischen so hoch sind wie mein gesamter Monatsverdienst, Gurken, die doppelt so viel kosten wie noch vor zehn Jahren, und Zugtickets, bei deren Preis mir kurz übel wird.
Also arbeite ich. Nicht nur ein bisschen nebenbei, sondern ziemlich viel. Und das Verrückte daran ist: Ich beschwere mich nicht einmal besonders gern darüber. Ich mag meine Jobs. Ich verdiene mein eigenes Geld und sammle genau die Berufserfahrung, von der uns während des Studiums immer gesagt wird, wie wichtig sie später einmal sein wird.
Da ist diese permanente Müdigkeit
Nur mein Studium rutscht dabei immer weiter nach hinten. Zwar bin ich auf dem Papier noch Studentin. Ich zahle Studiengebühren und gehe manchmal in die Mensa, um die angepriesene 1,90-Euro-Tagessuppe zu essen, die sich dann doch immer als mittelmäßig herausstellt. Ich kann also durchaus Beweise dafür vorlegen, dass ich noch Studentin bin.
In meinem Kopf allerdings ist das Studium längst nicht mehr der Mittelpunkt meines Alltags. Denn schließlich findet es nur statt, wenn gerade nichts anderes stattfindet. Ich lese Texte für meine Masterarbeit zwischen zwei Arbeitsschichten, schreibe Essays im Zug und beantworte Mails auf dem Weg zur Unibib.
Sollte dann doch gerade mal nichts anstehen, passiert häufig Folgendes: Ich öffne das Dokument meiner Masterarbeit, lese ein bisschen darin, denke sehr viel darüber nach, was irgendwann noch verbessert werden sollte, und dann mache ich etwas anderes.
Meistens etwas, bei dem ich mich ausruhen kann. Denn da ist diese permanente Müdigkeit, die sich überall hineinschleicht. In den ersten Kaffee am Morgen. In die fünf Minuten, die man länger im Bett liegen bleibt. In die Entscheidung, ob man heute wirklich noch was für die Uni machen muss oder ob man es auch morgen machen kann. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag. Das Problem ist nur: Morgen ist meistens schon voll.
Jonglage mit Arbeitszeiten, Masterarbeit, Deadlines
Und gleichzeitig weiß ich natürlich, dass ich mir für das Studium auch Zeit nehmen muss. Ich habe mich schließlich dafür entschieden. Ich will meinen Abschluss machen, ich will meine Masterarbeit schreiben. In meinem Kopf existiert deshalb die Vorstellung einer Studentin, die mehrmals die Woche in der Bibliothek sitzt, ihre Arbeit schreibt und irgendwann zufrieden nach Hause geht. Ich kenne diese Studentin. Ich bin nur nicht besonders oft sie.
Stattdessen jongliere ich mit Arbeitszeiten, Masterarbeit und Deadlines und versuche dabei, möglichst keine der drei Kugeln fallen zu lassen. Vielleicht muss ich allerdings irgendwann akzeptieren, dass sie nicht alle gleichzeitig in der Luft bleiben können. Dass es Zeiten geben wird, in denen die Arbeit mehr Platz einnimmt, und andere, in denen ich mich wieder stärker auf mein Studium konzentriere. Das heißt nicht, dass mir das eine wichtiger ist als das andere. Sondern viel eher, dass manches bei mir einfach etwas länger dauert. Was eigentlich auch kein Problem ist, solange ich irgendwann trotzdem dort ankomme, wo ich hinmöchte.
Meine Freundin sitzt noch immer neben mir, die Sonnenbrille auf der Nase, den Durstlöscher in der Hand. Die Sonne steht inzwischen etwas tiefer, und für einen Moment wirkt alles wieder leichter. „Vielleicht können wir nächste Woche auch einfach ein bisschen gemeinsam arbeiten?“, sage ich in diese Leichtigkeit hinein und halte kurz die Luft an. „Klar, ich habe auch noch einiges zu tun“, sagt sie schließlich, lächelt und wendet sich wieder der Sonne zu. Danach bleibt es still zwischen uns. Gemeinsam bleiben wir in der Sonne sitzen und machen Pause.
