Ich kam im Frühsommer 1993 zum ersten Mal als sechzehnjähriger Telemark-Skifahrer ins Stryn Summer Ski Center. Ich kann mich noch gut an den gemischten Geruch von verbranntem Benzin, warmem Asphalt, Grillrauch, Sonnencreme und verschwitzten Skischuhen erinnern, als ich auf dem Parkplatz aus dem Auto stieg – 1080 Meter über unserem Alltag.
Wir waren früh am Morgen von der Stadt Ålesund an der Westküste losgefahren, hatten die Fähre zwischen Linge und Eidsdal genommen, waren am weltberühmten Geirangerfjord vorbeigekommen und unter mächtigen Schneegraten hindurch auf dem Weg hinauf zum Sommerskizentrum – während aus den Lautsprechern Pearl Jams Debütalbum „Ten“ dröhnte, allerdings ohne Bass. Ich hatte Ultra-Bultra-Ski mit fluoreszierend pinker Lauffläche, schwarze Asolo-Morgedal-Lederstiefel und eine Gore-Tex-Latzhose in Lila – gekauft, nachdem ich drei Monate lang mein Geld vom Zeitungsaustragen gespart hatte. An jenem sommerlichen Morgen gingen wir zum Ticketschalter, umgeben von dem Gefühl, dass das Leben etwas Magisches für uns parat hielt.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Auch heute noch ist das Stryn Summer Ski Center wie eine Quelle ewiger Jugend, wie ein Elixier, wie eine Energiebombe. Man kann an einem Samstag im Mai oder an einem Sonntag im Juni hierherkommen und 30 Jahre seines Lebens vergessen. Man vergisst die ersten grauen Haare. Man vergisst die kleinen Fältchen. Man vergisst die Tiefpunkte des Lebens. Wenn man im Sessellift sitzt, die Skispitzen über dem Tystigbreen-Gletscher baumeln und die Sonne ins Gesicht strahlt, dann erinnert man sich nur noch an die Höhepunkte. Wenn du irgendwelche dunklen Gedanken hattest, wird das grelle Licht sie überstrahlen. Das steht in keiner Broschüre. Das steht in keinem offiziellen Dokument. Das ist nicht von Psychologen bestätigt. Aber es ist wahr.

In der Broschüre steht dagegen Folgendes: Das Stryn Summer Ski Center ist ein kleines, im Sommer betriebenes Skigebiet auf dem Berg Strynefjellet in Norwegen, 45 Kilometer östlich des kleinen Dorfes Stryn. Der Skilift führt direkt neben der Straße „Gamle Strynefjellsvegen“, die selbst eine beliebte Touristenattraktion ist, nach oben. Die Straße wird normalerweise im Mai geöffnet und bereits im Oktober wieder gesperrt. Das Skigebiet öffnet in der Regel, wenn diese Straße für die Saison freigegeben wird – bis der Schnee so weit geschmolzen ist, dass man nicht mehr Ski oder Snowboard fahren kann.
„Winter is best in summer“ – das steht auch noch in der Broschüre, denn so lautet schon lange der Slogan des Stryn Summer Ski Centers. Das ist so treffend formuliert, dass der Urheber eine Medaille von der Gemeinde Stryn, ein Diplom von einem Dichterverein und eine Trophäe von der norwegischen Reisebranche erhalten sollte.
Wintersport ganz ohne Kälte und Wind
Und es trifft auch die Stimmung des Stryn-Festivals, das das norwegische Skimagazin „Fri Flyt“ jedes Jahr organisiert. Dann versammeln sich Skifahrer, Skater, Mountainbiker, Snowboarder, Kletterer und Paddler auf dem kleinen Campingplatz Folven, der im Tal direkt unterhalb des Sommerskizentrums liegt, zu mehreren Tagen voller spannender Aktivitäten, Kurse, Vorträge, Konzerte und Partys.

„Das Stryn-Festival ist wie eine kleine Auszeit vom Alltag“, sagt Fien van Zwieten, die junge Skifahrerin, die dafür bekannt ist, in den hohen Bergen Rückwärtssalti zu springen. „Man kommt durch die Tore des Folven-Campingplatzes und trifft auf eine Welle aus Gelächter, Ski- und Kletterfreaks und alles dazwischen. Die Leute laufen barfuß herum und faulenzen im Gras. Wir teilen Essen und Bier, treffen alte und neue Freunde, duschen in eiskaltem Wasser.“ Fien erklärt, dass diese jährlichen Festivaltage hauptsächlich aus schweißtreibendem Sommerskifahren bestehen – während aus den Lautsprechern alte Rocksongs in voller Lautstärke dröhnen. „Die Leute sind sonnenverbrannt und megaglücklich darüber“, erzählt Fien und lacht.
Tatsächlich kann man in Stryn Wintersport ganz ohne Kälte und Wind betreiben. Außerdem wird es nicht dunkel. Die Sonne geht gegen vier Uhr auf und gegen 23 Uhr unter. Der Tag ist so lang, dass man ein ganzes Leben hineinpacken kann. Man kann in Shorts und Flanellhemd Ski fahren, zwei Stunden, drei Stunden – und dann auf der sonnigen Terrasse des Skizentrums Mittag essen. Man könnte später am Tag mit dem Mountainbiken weitermachen, sich mit Freunden treffen, an einem riesigen Felsen bouldern. Man kann über den Campingplatz schlendern, in einem Liegestuhl sitzen und über griechische Philosophie oder den Preis eines Pints Bier diskutieren. Man kann die Zutaten für das Abendessen auf einem großen Grill auslegen und planen, welche Abfahrt man am nächsten Tag fahren möchte.
Anreise Nach Stryn kommt man am besten per Flugzeug nach Ålesund und weiter per Mietwagen, ca. zwei Stunden nach Stryn.
