In der Fußgängerzone sind es Luftballons und Kugelschreiber, an Weihnachten meist Socken und in Darmstadt Straßenbahnen. Die Rede ist natürlich von Geschenken. Die Straßenbahn-Triebwagen der Baureihe 12 (ST12) stehen in Darmstadt kurz vor der Ausmusterung. Das stadteigene Verkehrsunternehmen, die Heag Mobilo, möchte diese Bahnen nun unentgeltlich abgeben.
Nach und nach sollen neue Straßenbahnen der Generation ST15, auch „Tina“ genannt, kurz für „Total integrierter Niederflurantrieb“, in den nächsten Monaten in Darmstadt in Betrieb gehen. Die neuen Bahnen verdrängen dann die ST12, die seit 1991 über die Straßen der Stadt rollen. Diese haben das Ende ihrer Lebensdauer erreicht, sagen die Verkehrsbetriebe. Der Verschleiß sei sehr hoch, und Ersatzteile seien kaum noch zu bekommen.
„Wenn man etwas braucht, muss man es entweder aus einem bereits ausgemusterten Fahrzeug herausholen oder nachbauen“, sagt Christian Greb. Er ist Bus- und Straßenbahnfahrer und kennt die Wagen der ST12 schon seit vielen Jahren. Zurzeit fahren noch sechs Bahnen dieser Baureihe durch Darmstadt, fünf im Linienbetrieb und ein Fahrschulwagen. Der Fahrschulwagen werde in den Museumsbestand übergehen. Fünf Bahnen seien also zu verschenken.
Ein Technologiebruch
Greb werden die ST12 fehlen. Die alten Fahrzeuge liegen ihm am Herzen, auch wenn sie weniger Komfort bieten. Viele Dinge, die bei den modernen Bahnen die Software übernehme, müssten bei der ST12 noch vom Fahrer erledigt werden, sagt Greb. „Ich mag es, wenn die Bahn macht, was ich will. Bei unseren neuesten Fahrzeugen sind schon viele Funktionen automatisiert.“ Auch wenn sie sehr bequem seien, fühle er sich in den neuesten Bahnen manchmal wie in einem Simulator. „Das Gefühl, direkt mit der Schiene verbunden zu sein, nimmt einem der Computer ab.“

Die Ausmusterung der ST12 bedeute einen „Technologiebruch“, sagt Greb. Denn die Wagen sind die letzten Straßenbahnen mit Gleichstrommotoren, die in Darmstadt noch im Regelbetrieb fahren. Zudem sind sie auch die letzten Hochflurbahnen, das heißt, sie haben noch keinen ebenerdigen Einstieg. Im Linienbetrieb werden sie daher fast ausschließlich in Kombination mit einem niederflurigen Anhänger eingesetzt. Gerade wegen der Stufen am Einstieg sind die Bahnen aber heute kaum noch weiterzuvermitteln. Wurden bei der letzten Ausmusterungswelle im Jahr 2007 noch Straßenbahnen nach Rumänien abgegeben, wolle heutzutage auch dort niemand mehr alte Bahnen aus Deutschland haben, die nicht barrierefrei seien, heißt es bei Heag Mobilo.
„Eigentlich können wir die Bahnen nur noch verschrotten oder verschenken“, war das Fazit des Verkehrsunternehmens. Das teilte man auch so in der Lokalzeitung „Darmstädter Echo“ mit. Ganz ernst gemeint war das aber wohl nicht. Zu dem Zeitpunkt rechnete bei den Verkehrsbetrieben noch niemand wirklich damit, dass man die Bahnen wirklich verschenken kann. Doch nach und nach trudelten infolge der Berichterstattung immer mehr Anfragen bei dem kommunalen Unternehmen ein. Mittlerweile sind es mehr als 60.
Ein Herz für Bus und Bahn
Christian Greb ist seit 2009 bei der Heag Mobilo. „Schon in der vierten Klasse wollte ich Busfahrer werden“, sagt er. Auch sein Schülerpraktikum habe er bei seinem heimischen Verkehrsbetrieb in Osthessen gemacht. Eigentlich kam er dann für ein Lehramtsstudium nach Darmstadt. „Dann hat mich die Straßenbahn angelacht.“ Während einer Betriebsbesichtigung, bei der er eigentlich „nur mal so hereinschnuppern“ wollte, sagte ihm ein Mitarbeiter, dass noch studentische Aushilfen gesucht würden – Bewerbungsschluss am folgenden Montag. „Ich habe dann meine Eltern angerufen und gesagt, ich würde dann mal einen Aushilfsjob als Straßenbahnfahrer annehmen.“ Die Begeisterung hielt sich zunächst in Grenzen.

Schließlich wechselte er ganz zu den Verkehrsbetrieben und fing dort eine Ausbildung an. „Das Interesse für mein Studium hat immer mehr nachgelassen. Mein Herz war hier.“ Später machte er auch den Busführerschein. Nach neun Jahren im Fahrdienst ging es für Greb in den Innendienst. Er wurde Ausbilder in der Betriebsfahrschule für Bus und Bahn. „Jetzt bin ich ja irgendwie doch im Lehramt gelandet. So schließt sich der Kreis“, sagt er. Seine Leidenschaft hat Greb allerdings nicht aufgegeben. Am Wochenende fährt er weiterhin Bus und im Schülerverkehr Bahn. Auf diesen Verstärkerfahrten sei er auch häufig mit den ST12 unterwegs.
Geschenkt heißt nicht kostenlos
Interesse an diesen Straßenbahnen haben sowohl Privatpersonen als auch Unternehmen und Vereine angemeldet. Wer diese Anfragen gestellt hat und welche Ideen die Interessenten haben, möchte die Heag Mobilo nicht mitteilen. Man wolle jede Anfrage genau prüfen, und es solle nicht der Eindruck entstehen, dass manche Projekte herausgehoben behandelt würden. Die konkrete Auswahl der Projekte, die eine der fünf ST12 bekommen, sowie die Ausflottung der Bahnen lägen ohnehin noch einige Monate in der Zukunft.
Was die Verkehrsbetriebe allerdings sagen können, ist, dass das große Interesse an den alten Straßenbahnen sie sehr freue und überrascht habe. Es sei schön, dass die Bahnen ein zweites Leben bekommen. Das Verschenken der Bahnen sei natürlich im Vergleich zu einer Verschrottung mit einem Mehraufwand verbunden, für den der kommunale Betrieb nicht aufkommen könne. Daher komme auf die Beschenkten mitsamt der Straßenbahn einiges zu.

Zum einen seien dies Transportkosten, die sich vermutlich im niedrigen fünfstelligen Bereich bewegen werden. Die Bahn an sich werde zwar verschenkt, für die Kosten der Überführung müsse jedoch der neue Besitzer aufkommen. Auf der anderen Seite müsse bedacht werden, dass jede Bahn 35 Tonnen wiege. Daher sei es vermutlich nicht ratsam, sie ohne Unterbau in den Garten auf den grünen Rasen zu stellen. Es bedarf eines geeigneten Ortes. Auch vor diesem Hintergrund wollen die Verkehrsbetriebe jeden Vorschlag überprüfen. Dem größten Teil der Interessenten seien diese Umstände des Verschenkens jedoch bewusst.
„Ich bin halt ein Nostalgiker“
„Zum Glück eine alte Bahn“, sagte eine Schülerin im Winter beim Einsteigen in seine ST12 zu ihrer Freundin, erinnert sich Greb. Denn in den alten Bahnen ist es immer mollig warm. Wenn die Heizung laufe, dann laufe sie. „Im Winter kann man hier mit T-Shirt sitzen“, sagt er. Nur mollig warm ist es leider auch im Sommer, denn eine Klimaanlage haben die ST12 nicht. „Da schwitzt du dir einen.“ Vor- und Nachteil liegen bei den alten Modellen oft nah beieinander – gemütlicher Charme versus fehlenden Komfort. Bequem sind auch die dicken, blau-bunten Polster, die im Innenraum den peppigen Flair des letzten Jahrhunderts versprühen. Hygienisch sei das nach heutigen Standards aber nicht mehr.
Auch der Fahrer hat noch keine vom Fahrgastraum abgeschlossene Kabine. Der Führerstand ist offen. In den modernen „Tinas“ habe der Fahrer hingegen sogar eine eigene Einstiegstür. „Da kommt man sich manchmal vor wie eine Schaufensterpuppe“, sagt Greb. Er vermisse, dass es so keine Gespräche mehr mit den Fahrgästen gebe. Auf der anderen Seite biete die separate Fahrerkabine mehr Sicherheit. Während die Berührungspunkte bei ihm im Schülerverkehr unproblematisch seien, könne es vor allem nachts auch mal anders sein.
„Alles ist natürlich Geschmackssache“, sagt Greb. Jeder Fahrer habe so wie jeder Fahrgast auch ganz persönliche Vorlieben. „Das ist ganz querbeet. Viele Kollegen finden die neuen Bahnen super und genießen die Ruhe in der Kabine.“ Auch Christian Greb komme eigentlich ganz gut mit ihnen aus. „Aber meine Präferenz liegt nun mal bei älteren Fahrzeugen. Das ist eine persönliche Sache. Ich bin halt ein Nostalgiker.“
