Wir fahren quer durch den Süden Spaniens, über weite Strecken sind wir allein unterwegs. Landschaft im Breitformat. Kaum Autos, kaum ein Dorf. Geschwungene Hügel bis zum Horizont. Plötzlich steht da ein Stier. Erst nur als schwarze Silhouette weit weg. Je näher man kommt, desto größer wird er. Das ist der Osborne-Stier. Er prangte einmal auf Plakaten, als Werbung für die Brandy-Marke. Dann stellte man den ersten Stier an der Straße von Madrid nach Burgos auf. Vier Meter hoch, aus Holz.
Als Werbung am Straßenrand verboten wurde, reagierte Osborne pragmatisch: Der Schriftzug verschwand, der Stier blieb. Das Verkehrsministerium klagte auf Abriss, der Oberste Gerichtshof entschied dagegen. Heute ist der Stier 14 Meter hoch, aus schwarzem Stahl und vier Tonnen schwer. Knapp 100 dieser Stiere sind im Land verteilt. Während anderswo Kathedralen auf Hügeln thronen, ist es hier der Stier. Ein spanisches Nationalsymbol.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Dann kommen wir nach Ronda. Eine Stadt, die über einer 120 Meter tiefen Schlucht liegt. Eine Brücke darüber verbindet Alt- und Neustadt. Ein paar Schritte entfernt steht eine der schönsten Stierkampfarenen Spaniens. Erbaut wurde sie 1785. Heute ist sie ein Museum. Besucher schlendern über den Sand, fotografieren die Tribünen und stellen sich dorthin, wo früher Toreros einem mehrere Hundert Kilo schweren Stier gegenüberstanden.
Hemingway, Ordóñez, Islero – der Stierkampf vereinte die Größten
Verboten ist der Stierkampf in Spanien zwar nicht. In Madrid, Sevilla, Valencia und anderen traditionellen Zentren finden weiterhin Corridas statt, vielerorts aber sind sie aus dem Alltag verschwunden. Was einmal Volksfest und Sport zugleich war, ist seit Jahrzehnten umstritten. Tierquälerei oder Teil der spanischen Kultur?

Toreros waren einmal Superstars wie Fußballspieler. Ihre Namen kannte das ganze Land. Antonio Ordóñez aus Ronda war einer der größten. Ernest Hemingway war mit ihm befreundet und dem Stierkampf und Ronda so eng verbunden wie Orson Welles, dessen Asche auf dem Landgut der Familie Ordóñez beigesetzt wurde. Berühmt waren nicht nur die Toreros. Auch die Kampfstiere. Islero zum Beispiel aus der Miura-Zucht bei Sevilla traf 1947 auf Manolete, den größten Torero seiner Zeit. Als Manolete zum tödlichen Stoß ansetzte, rammte Islero ihm das Horn in den Oberschenkel. Der Torero starb.
Wir sitzen in einer Kneipe an der Brücke von Ronda. Ringsum werden Burger und Steaks serviert. Und wir denken: Wäre schön, wenn Hemingway und Welles jetzt noch mal vorbeischauen würden. Man könnte mit ihnen ein wenig über den Stierkampf reden. Darüber, dass er in Spanien nicht verboten, aber vielerorts verpönt ist. Man könnte über Tierschutz reden. Und darüber, dass in spanischen Schlachthöfen jedes Jahr 2,4 Millionen Rinder getötet werden, während das Töten eines Stiers in der Arena nicht mehr hinnehmbar erscheint. Woran das liegt?
Daran, dass der Tod in der Arena zum Spektakel wird und Hunderte, Tausende zusehen? Daran, dass die Tiere im Schlachthof im Verborgenen sterben? Ethisch macht das offenbar einen Unterschied. Darüber könnte man mit Hemingway und Welles lange reden. Aber die beiden kommen nicht mehr. Am nächsten Morgen fahren wir weiter Richtung Sevilla, es dauert nicht lange, bis wieder einer dieser riesigen schwarzen Stiere am Horizont auftaucht. Erst klein, dann immer größer.
