
Seit die italienische Privatbahn Italo sich anschickt, der Deutschen Bahn auf den Gleisen Deutschlands Konkurrenz zu machen, könnten ähnliche Pläne der Staatsbahn Trenitalia nun ins Stocken geraten. Jedenfalls ist der Antreiber hinter diesem Vorhaben, Stefano Donnarumma, von seinem Amt als Vorstandsvorsitzender des Bahnkonzerns Ferrovie dello Stato (FS) zurückgetreten.
Der italienische Verkehrsminister und stellvertretende Ministerpräsident Matteo Salvini hat es so gewollt, denn in jüngerer Zeit haben Zugausfälle, Verspätungen und Pannen den Unmut der Italiener stark anschwellen lassen. Donnarumma musste sich den Vorwurf gefallen lassen, das von Medien und Zugreisenden beschworene „Bahnchaos“ nicht in den Griff zu bekommen.
Der vor zwei Jahren angetretene Bahnchef, der vorher ein teilstaatliches Energieunternehmen leitete, verwies als Erklärung vor allem auf das große, mit dem Verkehrsministerium abgesprochene Investitionsprogramm, das zu 1300 Baustellen im Lande führte. Besonders auf die Ferienzeit im Sommer konzentriert man das Programm, um die Berufspendler zu schonen, etwa eine mehrwöchige Unterbrechung der Hochgeschwindigkeitsstrecke Mailand–Genua oder Mailand–Bologna. Auch Verkehrsminister Salvini verteidigte die Investitionspläne, weil sie das Bahnnetz zukunftsfest machten, doch er brauchte ein politisches Opfer. Mehrere Rücktritte im FS-Verwaltungsrat schwächten zudem die Position von Donnarumma.
25 Milliarden Euro vom EU-Wiederaufbauplan
Der verschmähte Bahnchef rühmte sich dennoch seiner Bilanz in den vergangenen beiden Jahren. So bekam FS im Rahmen des europäischen Wiederaufbauplanes 25 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt, um das Gleisnetz, Signalanlagen und Bahnhöfe auf Vordermann zu bringen. Mehr als 20 Milliarden Euro seien davon investiert worden, teilte Donnarumma auf der Plattform Linkedin mit. Insgesamt habe er in zwei Jahren für die Umsetzung von Investitionen in Höhe von fast 36 Milliarden Euro gesorgt.
Die Hochgeschwindigkeitszüge seien nun pünktlicher. Gut 77 Prozent, drei Prozentpunkte mehr als zwei Jahre zuvor, seien nur maximal zehn Minuten verspätet. Daten der Verbraucherorganisation Altroconsumo weisen allerdings eine Verschlechterung aus.
Was aus den von Donnarumma angekündigten Konkurrenzplänen zur Deutschen Bahn wird, weiß man heute am FS-Konzernsitz nicht zu sagen. Sie hatten der Deutschen Bahn sehr missfallen, die darauf verwies, dass man kaum gleichzeitig im Wettbewerb stehen und kooperieren könne. Denn Zusammenarbeit ist weiter geplant: FS bestätigt, dass der Trenitalia-Hochgeschwindigkeitszug Frecciarossa vom nächsten Jahr an in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn und der österreichischen ÖBB von Rom über Mailand nach München fahren werde. 2028 soll die Strecke nach Berlin und im Süden nach Neapel verlängert werden.
Das italienische Bahnnetz ist teilweise auch Opfer seines eigenen Erfolges in Form stark gestiegener Nachfrage. So gab es zwischen Mailand und Rom im Jahr 2009 täglich nur 45 Züge, heute sind es 160. Claudio Brenna, Dozent an der Universität Bocconi, kritisiert, dass man in den vergangenen Jahren vor allem dort investiert habe, wo es technisch leicht war, nicht dort, wo der größte Bedarf herrscht, wie etwa am Bahnhof Mailand mit seinen ausgelasteten Kapazitäten. Zudem müsste die FS-Gleisgesellschaft RFI bei Ausfällen ihre Reaktionsgeschwindigkeit für Reparaturen wesentlich erhöhen.
Die Nachfolge von Donnarumma ist noch nicht geregelt. Als ein chancenreicher Kandidat gilt der Chef der FS-Tochtergesellschaft Trenitalia, Gianpiero Strisciuglio, auch wenn ihn ein Bahnunfall vor drei Jahren, bei dem fünf Arbeiter ums Leben kamen, juristisch belasten könnte.
