
Von dem mRNA-Spezialisten Curevac stehen noch die Gebäude. Sonst wird von dem Tübinger Unternehmen voraussichtlich wenig übrig bleiben. Die Schließung aller Curevac-Standorte bis Ende nächsten Jahres, darunter auch Wiesbaden, ist besiegelt. Das hat das Mainzer Biotechnologieunternehmen Biontech, das Curevac erst Ende 2025 übernommen hatte, am Montagnachmittag bestätigt. Ebenso konnte kein Käufer für die Biontech-Werke im hessischen Marburg und Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz gefunden werden. Die rund 1800 Beschäftigten stehen damit vor dem Jobverlust.
Für sie läuft ein Betroffenenprogramm, das mitunter die Abfindungszahlungen regelt. In einem internen Schreiben des Betriebsrates an die Belegschaft, das der F.A.Z. vorliegt, heißt es, dass die von den Schließungen betroffenen Beschäftigten „bessere Konditionen“ erhalten sollen und im Oktober angesprochen werden. In Deutschland gilt als grobe Faustregel bei Abfindungen bei einer betriebsbedingten Kündigung ein Faktor von etwa 0,5 Bruttomonatsgehältern pro Jahr der Betriebszugehörigkeit. Der Faktor der Abfindungen, die Biontech zahlt, soll weit darüber liegen und zusätzliche Prämien, etwa für Mitarbeiter mit Kindern, umfassen, heißt es aus dem Unternehmensumfeld.
Boris Palmer will „weiterkämpfen“
Biontech begründet die gescheiterten Verkaufsverhandlungen mit dem schwierigen Markt- und Investitionsumfeld und verweist auf vertrauliche Gespräche. Nach Informationen der F.A.Z. sollen die Rahmenbedingungen der Interessenten für das Tübinger Werk weit unter den sogenannten Ramp-Down-Kosten, also den Aufwendungen, die bei der Stilllegung eines Standorts anfallen, gelegen haben. Gleichzeitig habe es keine Jobgarantien für Mitarbeiter oder einen nachhaltigen Plan für die Weiterführung des Standorts gegeben, wie eine mit der Angelegenheit vertraute Person berichtet.
Anders stellt Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) den Sachverhalt dar. „Es wurden Käufer gefunden, sogar drei,“ sagt der Politiker im Gespräch mit der F.A.Z. Zwar würde den Beschäftigten ein Abfindungsprogramm vorgestellt, nach Palmers Auffassung bedeute das aber nicht, dass der Standort endgültig dicht gemacht würde. „Ich werde weiter dafür kämpfen, dass die seriösen Kaufangebote zu Ende geprüft werden“, betont Palmer, der seinerseits mit den Bietern „intensive Gespräche“ geführt habe. Der Politiker hält die Begründung des Mainzer Unternehmens für vorgeschoben und glaubt an eine aktive Entscheidung Biontechs, die Kaufangebote nicht ernst nehmen zu wollen. „Damit bin ich nicht einverstanden.“
Hoerr: Curevac-Verlust schwächt Verteidigungsfähigkeit
Auch Curevac-Gründer Ingmar Hoerr mag nicht glauben, dass das Ende seines Unternehmens feststehen soll, obwohl er damit gerechnet habe. Hoerr hoffte bis zuletzt auf eine Lösung. „Natürlich nicht mehr in dem breiten Spektrum wie vorher.“ Mit Blick auf die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands gingen jedoch wertvolle Assets verloren. So könnte der RNA-Printer Curevacs in kurzer Zeit Impfstoffe herstellen, sollte ein aggressiver, Covid-ähnlicher Erreger das Land erneut lahmlegen. Enttäuscht ist Hoerr damit auch von der Politik, die zusehe, wie das Tübinger Unternehmen „beerdigt wird“. Die in Baden-Württemberg eingesetzte Taskforce habe nichts bewirkt.
„Man hätte andere Unternehmen ins Boot holen können, um ein Konsortium aufzubauen. Es ist ja nicht so, dass wir nur Geld verlangen vom Staat, sondern der Staat kann auch eine gewisse Kontrolle aufbauen, vielleicht sogar mit Rüstungsunternehmen wie Rheinmetall zusammen“, erklärt Hoerr seine Vision. Er betont, dass Aktionäre mit der Übernahme Curevacs durch Biontech hinters Licht geführt worden seien und es einzig darum ging, den kostspieligen Patentstreit zwischen beiden Unternehmen beizulegen.
Die bevorstehenden Schließungen in Marburg und Idar-Oberstein spiegeln derweil den strategischen Wechsel Biontechs wider. Während in Marburg bislang vor allem die Herstellung des Covid-19-Impfstoffs und dafür notwendiger Plasmid-DNA angesiedelt war, entwickelte das Unternehmen im rheinland-pfälzischen Werk Therapeutika für frühe klinische Entwicklungsphasen. Beides, sowohl der Corona-Impfstoff Comirnaty als auch frühphasige Programme im Bereich der Krebsforschung, wird künftig nicht mehr im Fokus von Biontech liegen. So plant das Unternehmen, bis 2030 mehrere zugelassene Produkte zu entwickeln und aus den fortgeschrittenen Krebswirkstoffen in der Pipeline ein profitables Geschäft aufzubauen.
Biontech-Gründer führen harte Verhandlungen
Einige der frühphasigen Kandidaten dürften, gebunden an Lizenzverträge, indes in dem neu gegründeten Start-up Arife SE der Biontech-Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci aufgehen. Dieses wird, wie aus dem Unternehmensregister hervorgeht, seinen Sitz künftig ebenfalls in Mainz haben und sich mit der Erforschung, Entwicklung sowie Herstellung und Vermarktung von pharmazeutischen Produkten befassen. Als Vorstand ist Michael Maximilian Kring eingetragen, der im Jahr 2010 zum Finanzvorstand bei Biontech berufen wurde und den Posten bis 2014 innehatte. Zuletzt verantwortete Kring die Finanzen bei dem Mainzer Biotech-Start-up Actitrexx, das sich auf heilende Zelltherapien spezialisiert.
Bevor Şahin und Türeci geplant zum Ende des Jahres bei Biontech ausscheiden werden, laufen harte Verhandlungen mit dem Vorstand und Aufsichtsrat. Wie lange diese dauern werden, ist nicht bekannt. Da die Patente und Technologieplattformen allesamt bei Biontech liegen, wie Aufsichtsratschef Helmut Jeggele noch auf der Hauptversammlung im Mai betonte, ist jedoch nicht zu befürchten, dass geistiges Eigentum gänzlich abwandert. Die Verhandlung der Lizenzen und damit einhergehenden Zahlungen machen die Gespräche jedoch kompliziert. Ein Zerwürfnis oder gar Scheitern der Verhandlungen, wie es zuletzt das „Handelsblatt“ berichtete, ist nach Informationen der F.A.Z. jedoch nicht in Sicht. Auch der Betriebsrat von Biontech äußerte sich in dem internen Schreiben kritisch. In der E-Mail heißt es wörtlich, dass „kursierende Gerüchte“ mit Vorsicht genossen werden sollten, „da die Lage noch nicht abschließend geklärt ist“.
Da Arife als Unternehmen völlig unabhängig agiert, ist auch denkbar, dass sich Şahin und Türeci nach Assets umschauen, die außerhalb der Biontech-Pipeline liegen.
Dass Mitarbeiter von Biontech in die Neugründung übersiedeln könnten und damit Know-how verloren gehen könnte, hatte Jeggle im Mai ebenfalls verneint. Dies scheint weiterhin Bestand zu haben. Wer einen laufenden Vertrag bei Biontech hat, wird im Unternehmen bleiben, es sei denn, jemand entscheidet sich aktiv, das Unternehmen zu verlassen und bei Arife anzuheuern.
