Zwei Konstanten bestimmten bislang das Sportlerleben von Emmanouil Karalis. Der Sirtaki als Untermalung seiner Auftritte – und zweite Plätze bei allen Wettkämpfen. Immer, wenn der 26 Jahre alte Stabhochspringer aus Athen irgendwo in dieser Leichtathletik-Welt zum Anlauf ansetzt, wird die inoffizielle griechische Nationalhymne eingespielt, die einst der große Mikis Theodorakis als Filmmusik für die legendäre Filmfigur „Alexis Sorbas“ komponiert hat.
Und fast immer, wenn das Stabhochspringen auf seiner höchsten Stufe angekommen ist, muss Karalis anschließend einem noch Besseren applaudieren: dem schwedischen Überflieger Armand Duplantis. „Ich könnte Weltrekord springen und würde trotzdem Zweiter werden“, sagte Karalis vor dem Diamond-League-Finale in Brüssel.
Duplantis spürt eine Irritation und tritt nicht an
Doch diesmal kommt es anders. Kurz vor dem Wettkampf gibt Duplantis bekannt, auf den Wettkampf zu verzichten. Er habe beim Einspringen „eine Irritation“ an der Leiste gespürt und sei zudem nach den vergangenen Wettkämpfen erschöpft. „Ich hasse es“, sagt der diesmal verhinderte Champion – aber er könne leider nicht antreten. Karalis umarmt ihn als Zeichen des Trostes. Und schwingt sich auf, nun endlich einmal selbst zu siegen.
5,52 Meter springt er locker im ersten Versuch. Die nächste Höhe lässt er aus. Bei 5,82 reißt er überraschend. Vor dem zweiten Versuch wird dann endlich der Sirtaki eingespielt – prompt fliegt Karalis haushoch über die Latte. Dann 5,92 Meter: das Publikum klatscht im Takt von Theodorakis mit – Karalis springt meisterhaft.
Der Australier Kurtis Marschall scheitert dreimal an dieser Höhe, wird mit 5,82 Metern Dritter. Sondre Guttormsen aus Norwegen hebt sich einen Versuch über 6,02 Meter auf, kann sie aber nicht überwinden. Karalis hat gewonnen. 6,12 Meter lässt er als Zugabe auflegen: Meetingrekord. Zweimal reißt er knapp, doch im dritten Versuch gehört das König-Baudouin-Stadion ihm. Alle Augen auf einen: Karalis läuft an, der Sirtaki nimmt Fahrt auf, Karalis springt, der Sirtaki steigert sich, Karalis springt drüber. Ganz Brüssel tanzt Sirtaki. Und Karalis ist nebenbei 30.000 US-Dollar (25.828 Euro) reicher.
Karalis treibt Duplantis an – und umgekehrt
Emmanouil Karalis, genannt „Manolo“, wurde von seinem Vater Charis, einem ehemaligen Zehnkämpfer, zur Leichtathletik gebracht. In seiner Heimat ist er seit Jahren unangefochten – und auch im weltweiten Wettbewerb hat sich der Mann mit dem schwarzen Haarzopf zu einem absoluten Topmann aufgeschwungen.
Bei allen Großereignissen der jüngeren Vergangenheit stand er auf dem Siegerpodest: bei den Europameisterschaften 2024 und 2026, der Weltmeisterschaft 2025 sowie den Hallen-Weltmeisterschaften 2025 und 2026 gewann er jeweils Silber, bei Olympia 2024 immerhin Bronze.
Das Problem: sein fast exakt gleichaltriger Kollege Armand Duplantis, genannt „Mondo“. Karalis ist im Oktober 1999 geboren, Duplantis im November 1999. Zwei, die sich kennen; zwei, die sich mögen; zwei, die sich stets zu neuen Höchstleistungen antreiben. Und einer, der bislang immer siegte.
Selbst 6,20 Meter reichten nicht zum Sieg
Vor Wochenfrist meisterte Karalis beim Meeting „Weltklasse Zürich“ 6,20 Meter und avancierte damit zum zweitbesten Stabhochspringer der Leichtathletik-Geschichte. Weder der legendäre Ukrainer Sergej Bubka (Bestleistung 6,15) noch der famose Franzose Renaud Lavillenie (6,16) kamen jemals so hoch hinaus wie der Grieche aus Kifissia.
Gewonnen hat er in Zürich dennoch nicht: Duplantis sprang 6,25 Meter. Anschließend versuchten sich beide an der Weltrekordhöhe von 6,32 Metern – doch noch wollte die Latte nicht liegenbleiben. „Es ist fantastisch, wie hoch die Athleten heutzutage springen“, sagte Karalis – und meinte vor allem sich und seinen liebsten Konkurrenten. Der Stabhochsprung, so seine Eigenbeobachtung, erlebe eine goldene Ära – wovon alle Beteiligten profitieren.

Sechs-Meter-Sprünge sind mittlerweile Standard. Für Duplantis ohnehin: der in den USA geborene Schwede hat in seiner Karriere schon 16 Wettbewerbe mit Resultaten von 6,20 Metern oder höher abgeschlossen. Sein scheibchenweise gesteigerter Weltrekord, der ihm jeweils 100.000 Dollar Prämie einbrachte, liegt derzeit bei 6,31 Metern.
Der Sirtaki als Hymne mit Wiedererkennungswert
Wer nun glaubt, der hochbegabte Karalis verzweifele an seinem höchst begabten „Schattenspender“, wird von dem ebenso lebensfrohen wie -klugen Griechen eines Besseren belehrt. „Ich bin total begeistert, mit einem Burschen wie ihm zusammen zu springen“, erzählte er den F.A.Z. schon vor Jahresfrist. „Er pusht mich, ich pushe ihn, gemeinsam werden wir besser“. Ein Lob, das Duplantis unmittelbar zurückgibt: „Er macht mich zu einem besseren Springer.“
Und sie mögen sich auch persönlich: „Er ist ein Freund von mir. Ich hoffe, ich werde mit ihm noch den Rest meiner Karriere zusammen springen“, sagt der Grieche über den Schweden und blickt schon voller Freude voraus: „Wenn wir älter sind, werden wir viel Spaß zusammen haben und gemeinsam zurückschauen.“ Und vielleicht Sirtaki tanzen?
Dieser etwas schleppende Rundtanz, der langsam beginnt und sich nach und nach steigert, hat mit Stabhochspringen eigentlich nicht viel gemeinsam. Doch Karalis outet sich als Fan. „Es ist DIE griechische Hymne – jeder kennt sie“. Und genau deshalb habe er sie als Auftrittsmusik ausgewählt: „Ich liebe Sirtaki“.
Die Resultate der Deutschen in Brüssel
Kugelstoßerin Yemisi Mabry hat beim Finale der Diamond League in Brüssel mit einer Weite von 19,59 Meter ebenso Platz vier belegt wie Shanice Craft im Diskuswerfen (62,64 Meter). Deren Disziplinkollege Henrik Janssen wurde Sechster (66,30 Meter). Lea Meyer erreichte über 3000 Meter Hindernis in 9:22,91 Minuten den neunten Rang. Robert Farken (3:32,11 Minuten) wurde Neunter über 1500 Meter.
