Die Antwort auf die Frage, wie viel erste Liga noch in Holstein Kiel steckt, erstreckt sich über das gesamte Gespräch mit Olaf Rebbe. Die mittelbaren Folgen des Bundesliga-Abenteuers der Spielzeit 2024/25 hatten die stolze KSV im März 2025 nämlich in die Abgründe der zweiten Liga geschleudert. 2:3 gegen den 1. FC Nürnberg, Platz 17 am 26. Spieltag. Der Flirt mit dem Desaster ließ die Kieler in die Niederungen der dritten Liga schauen.
Holstein wäre nicht der erste Verein gewesen, der den Ausflug nach oben teuer bezahlt. Gedanklich noch Bundesligaklub, im Alltag aber in den Mühlen der zweiten Liga gefangen und dann die Treppen immer weiter heruntergepurzelt – das hat der SC Paderborn zwischen 2014 und 2016 erlebt.
Rebbe, seit April 2024 Geschäftsführer Sport bei Holstein, bewies Mut, setzte Aufstiegstrainer Marcel Rapp vor die Tür und installierte Tim Walter. Der holte aus den letzten sechs Spielen der Saison 15 Punkte und festigte die KSV dort, wo sich der einzige Profiklub aus Schleswig-Holstein seit 2017 heimisch fühlt.
„Natürlich ist bei uns der Wunsch nach mehr da“
„Die Menschen hier erwarten, dass wir ein guter Zweitligist sind“, sagt Rebbe. Dass das mit einem Jahresbudget von 13 Millionen keine Selbstverständlichkeit ist, möchte er nicht immer wieder herausposaunen. Er formuliert es mit Blick auf Konkurrenten wie Wolfsburg, Hannover oder Bochum lieber so: „Anderswo wachsen die Bäume höher in den Himmel.“ Rebbe selbst hat in Wolfsburg (sehr viel Geld) und Nürnberg (sehr viel Tradition) gearbeitet.
Er meint aber auch den FC St. Pauli, Gegner an diesem Freitag auf der Baustelle Holstein-Stadion – freier Blick auf die Tristesse ehemaliger Park- und Trainingsplätze. 3000 Zuschauer weniger als zuvor. Ein echter Stimmungskiller, mit dem sich die Mannschaft, Trainer Walter und Rebbe bis 2027 arrangieren müssen. „Ein neues, wettbewerbsfähiges Stadion ist für Holstein Kiel lebensnotwendig“, sagt Olaf Rebbe.
Im Leben als stattlicher Zweitligaklub im Süden des nördlichsten Bundeslandes steckt durchaus Spielraum; so hat die KSV im nahen Projensdorf ein Trainingszentrum, von dem der FC St. Pauli nur träumen kann. Das sieht Rebbe täglich; er schaut aus seinem Büro direkt auf die schmucke Anlage in Waldnähe.
„Natürlich ist bei uns allen der Wunsch nach mehr da. Dieses Mehr hieße Bundesliga. Aber um mehr zu sein als ein solider Zweitligist, müssen wir überperformen – alle, über eine gesamte Saison. Wir haben viele Spieler mit dem Potential, mal in der ersten Liga anzukommen“, sagt Rebbe.

An diesem Freitag kehrt auch Marcel Rapp ins Holstein-Stadion zurück, nach mehr als als vier Jahren in Kiel nun als Trainer des FC St. Pauli. In Schleswig Holstein ist der Badener zu einem namhaften Coach geworden. Beim FC St. geht es nun wieder darum – wie einst in Kiel –, einen Klub nach Kaderumbruch möglichst mit dem Aufstieg zu krönen.
Bornemann weiß, wie man in der 2. Liga ein Meisterteam baut
Nach enttäuschender Schlussphase musste St. Pauli unter Trainer Alexander Blessin die Liga verlassen. Nun soll ohne Fünf und mit konstruktivem statt destruktivem Fußball angegriffen werden: mit Jackson Irvine, Hauke Wahl, Nikola Vasilj, Danel Sinani und James Sands ging eine komplette Achse verloren. Vielleicht kommen Eric Smith und Joel Fujita bis Ende August hinzu. Jeder hatte einen anderen Grund, St. Pauli zu verlassen. Irvine, vier seiner fünf Jahre Anführer und Posterboy, hätte man gern gehalten.
Mit der Mannschaft, die unter dem mutigen Trainer Fabian Hürzeler Fußball-Deutschland verzückte, hat die neue Elf nichts mehr gemein – eine normale Entwicklung im Fußball, findet Andreas Bornemann: „Teams unterliegen Lebenszyklen. Wir starten jetzt einen neuen.“ Das klingt nüchterner, als es gemeint ist. Aber der erfahrene Geschäftsleiter Sport hat die besten Jahre der jüngeren Vergangenheit eingeläutet, als er Ende 2022 dem namenlosen Hürzeler vertraute. Daraus wurde das Meisterteam, das sich zwei Jahre in der Bundesliga hielt. Er weiß also, wie es geht.
Nun sollen Spieler an ihr Limit kommen, die Bornemann als Scharnierspieler zwischen den Ligen geholt hat; Martijn Kaars, Louis Oppie, David Nemeth, Mathias Rasmussen. Zu gut für die zweite, zu schlecht für die erste Liga? Vielleicht. Langfristig geht es darum, dass unter Rapp wieder eine Balance zwischen Defensive und Offensive entsteht, nachdem Blessin St. Pauli das Betreten des gegnerischen Strafraums untersagt hatte.
Aufs Neue siehe sich Bornemann dem Vorwurf ausgesetzt, St. Pauli fehle es an Ambition: Weil nicht mit letztem Willen der Abstieg zu verhindern versucht wurde (auch, indem man Blessin entließ), weil nun in der zweiten Liga heilige Ruhe über dem Millerntor herrscht. Niemand stürmte am 16. Mai den Platz, keiner kettete sich auf der Budapester Straße fest, nachdem ein lebloses St. Pauli dem VfL Wolfsburg den Platz in der Relegation überließ.
Am ersten Spieltag gegen Fürth ging es weiter, als sei nichts gewesen. Bornemann sagt: „Zu den Ambitionen gehört auch, dass wir uns infrastrukturell verbessern. Wir modernisieren das Stadion, bauen Trainingsplätze für die Profis, verbessern die Möglichkeiten im Nachwuchsleistungszentrum – das sind Ambitionen. Bezogen auf den Abstieg trifft mich der Vorwurf persönlich, nicht alles gegeben zu haben. Wir hatten bis zum Schluss die Chance, die Liga erneut zu halten.“
So schön die erste Liga auch ist – wenn man sie schweren Herzens verlassen musste, gibt es hinterher viele Scherben aufzukehren. In Kiel. Und in Hamburg.
