Im politischen Berlin gibt es einige Traditionen. Obwohl sie immer wiederkehren, sind sie geeignet, etwas über unsere Zeit zu sagen. Denn sie verändern sich mit ihr. Zu den bekanntesten Traditionen zählt die Spargelfahrt des Seeheimer Kreises, also des konservativen Flügels der SPD-Bundestagsfraktion. Es gab sie schon in Bonn, auf dem Rhein, und gibt sie nun in Berlin, auf Seen des Umlandes, dieses Jahr auf dem Tegeler See.
Dienstag, 18 Uhr: Bundestagsabgeordnete, Mitarbeiter, Journalisten, Kameraleute steigen vom Holzsteg auf das Ausflugsschiff. Fünfzig Euro waren vorher zu entrichten, immerhin wird gleich Spargel serviert, und das Schiff wird zwei Stunden über die Wasser schippern. Das hat seinen Preis; den Rest zahlen Sponsoren, die eine Tafel ausweist.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Dieses Jahr ist das Interesse an der Fahrt besonders groß, weil besondere Gäste mitfahren: CSU-Chef Markus Söder zum Beispiel, CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann oder CDU-Außenminister Johann Wadephul. Dass sie alle dabei sind, kann als Geste des guten Willens von Union und SPD verstanden werden, in der Regierungskoalition zusammenzuhalten. Ein lustiger gemeinsamer Abend ist ja immer auch Teambuilding.
Das hat die Regierung gerade bitter nötig. Alle Augen richten sich auf Söder: Wird er sticheln oder schmeicheln? Eher Zweiteres, nicht ganz ohne Ersteres. Die Schmeichel-Passagen werden von manchen Sozialdemokraten als scheinheilig empfunden. Auf der Bühne werbe Söder salbungsvoll für Zusammenhalt – aber im Hintergrund spalte er. Na, egal, erst mal ein Bier.

So schnell es geht, wechseln die Gäste von den Tischen aufs Oberdeck. Die Tische und Stühle stehen nämlich sehr eng, damit möglichst viele in den Raum passen. Auf manchen Tellern liegt da noch fast der gesamte Spargel – jedem wurde die gleiche Portion serviert, dazu ein Schnitzel und Kartoffeln auf Ausflugsschiffniveau. In Berlin-Mitte isst man deutlich besser. Aber hier geht es ja nicht um Völlerei, sondern ums Zusammensein.
Genau den gegenteiligen Eindruck werden in den Tagen darauf einige erwecken, die auf dem Schiff nicht dabei waren. Auf der Plattform X höhnen „Nius“-Leute, rechte Trolle mit Phantasienamen und die üblichen Die-da-oben-Schimpfer auf Grundlage eines beschnittenen Schnappschusses von Bord, dass SPD-Chef Lars Klingbeil sich den Teller ja sehr voll gemacht habe. Das provoziert unzählige Kommentare, in denen sich Volkszorn und Verachtung entladen.
Die auf dem Schiff wissen davon noch nichts. Sie reden, hören zu, schauen übers Wasser, und ein paar singen sogar, zusammen mit einem Akkordeonspieler, der alte Lieder spielt. „Hamburger Nächte sind lang“. Berliner Nächte allerdings auch. Die nächsten Wochen werden Union und SPD um Reformen kämpfen. Noch mal tief Seeluft holen. Dann sind alle wieder an Land.
