Sebastian Kasten greift nach seinem Handy. Er scrollt in der Liste seiner Anrufe. Welche Nummer war noch mal die des Fährunternehmens AG Ems? Ist ja schon ein paar Wochen her, dass er sie das letzte Mal gebraucht hat. Eine Handynummer muss es sein. Kasten scrollt und scrollt, dann drückt er.
„Hallo“, sagt er, „Sebastian Kasten hier vom TuS Borkum. Könntet ihr gleich vielleicht kurz auf uns warten? Wir sollten genau pünktlich am Anleger ankommen.“
Draußen scheint die Sonne. Grüne Felder ziehen vorbei, der Bus überholt Radfahrer auf ihren E-Bikes, hält an einer Ampel.
„Wir sind jetzt gleich da“, sagt Kasten. „Wir fahren mit dem Bus in Emden Ort rein.“
„Sind doch Matjestage in Emden“
Kasten verzieht das Gesicht und schaut aus dem Fenster. Eine Tankstelle, ein Blumencenter, ein Autohändler. Die nächste Ampel ist wieder rot.
„Wir sind zehn Leute“, sagt Kasten. „Wir sind auch wirklich pünktlich da. Geht nur um eine oder zwei Minuten.“
Er hört zu, nickt, legt auf. Seine Teamkollegen schauen in fragend an.
„Dann geht es wohl ab in die Kneipe“, sagt einer der Spieler.
„Sind doch Matjestage in Emden“, sagt ein anderer. „Da gehen wir hin.“
„Wenn ich jetzt auch noch bis 19.30 Uhr auf die nächste Fähre warten muss“, sagt der Nächste, „ist das der schlimmste Sonntag meines Lebens.“
Sechs Stunden vorher, kurz nach zehn Uhr am Fähranleger Borkum an einem Sonntagmorgen im Mai. Die Möwen fliegen kreischend über den Hafen. Ein Taxi sammelt Touristen mit riesigen Koffern ein. Die Inselbahn fährt, vom Ort kommend, langsam ein. Tagestouristen verlassen den Katamaran, der Kapitän weist sie auf die letzte Rückfahrt nach Emden am späten Nachmittag hin. Das Wasser um den Hafen ist glatt, der blaue Himmel voller weißer Schleierwolken, als hätte er sich noch nicht entschieden, ob es an diesem Tag Gewitter geben wird. In der Schlange zum Katamaran stehen die Spieler des TuS Borkum. Sie tragen schwarze Poloshirts mit der Aufschrift des Vereins auf dem Rücken, vor ihren Füßen stehen Taschen und ein Ballsack.

„Und?“, fragt einer der Spieler. „Wie sind wir heute so aufgestellt?“
„Ganz o. k. eigentlich“, sagt ein anderer. „Zumindest für ein Auswärtsspiel.“
Die Gangway wird geöffnet. Die Borkumer legen ihre Taschen und den Ballsack neben Koffer und Reisetaschen, setzen sich ans Ende des Innenraums.
„Und?“, fragt Sebastian Kasten, der heute den Spielertrainer Eike Müller vertritt, „wo wird gespielt?“ Jemand packt Karten aus, acht oder neun Spieler legen Münzen auf den Tisch, einer erzählt von der vergangenen Nacht, andere schauen auf ihre Handys, während die Fähre ablegt.
Schlechte Auswärtsbilanz
Die Borkumer müssen heute nach Großheide, einer kleinen Gemeinde im Landkreis Aurich in Ostfriesland. Dafür fahren sie zuerst eine Stunde mit dem Katamaran nach Emden, von dort dann mit dem Bus eine Dreiviertelstunde nach Großheide weiter. Wenn sie Glück haben, sind sie am frühen Abend wieder zurück auf Borkum. Für Borkum geht es bei diesem letzten Spiel der Saison um nichts mehr, für den Gegner schon.

„Wenn die aufsteigen wollen, muss Großheide heute zwei Tore mehr als Leezdorf schießen“, sagt Mittelfeldspieler Lukas Rau, der auf seinem Handy die Tabelle anschaut. „Hätte richtig Bock, das denen zu vermiesen.“
Die anderen nicken, ja, dann hätte sich die Fahrt wenigstens gelohnt. Nur: Auswärts ist der TuS Borkum schlecht. In der Heimtabelle der Ostfrieslandklasse belegt der Inselverein in dieser Saison den fünften Platz. In der Auswärtstabelle sind sie Vorletzter.
Borkum liegt in der Nordsee, näher am niederländischen als am deutschen Festland. Borkum ist die westlichste der Ostfriesischen Inseln, ein Streifen aus Dünen und Grasland und endlos langen Stränden. Lange Zeit war Borkum, nach dem Ende des Walfangs, ein armer Ort. Dann, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, begann der Badetourismus. Heute leben die Menschen auf der Insel fast vollständig vom Tourismus, im Jahr 2025 machten mehr als 300.000 Touristen Urlaub auf Borkum, viele im Sommer, aber lange nicht mehr nur.
Borkum ist die vielleicht bodenständigste Insel Deutschlands, mit vielen Traditionen und Vereinen, von denen der größte der seit 1890 bestehende TuS Borkum ist. Beim TuS kann man Bogenschießen und Handball spielen, man kann Turnen und Leichtathletik betreiben, am wichtigsten ist am Ende aber doch immer: der Fußball. Alle Spieler des TuS Borkum kommen von der Insel, niemand wechselt zum Fußballspielen aufs Festland.
Heimspiele hinter den Dünen
30 Spiele in der Saison haben die Borkumer, die Heimspiele auf dem eigenen Kunstrasen direkt hinter den Dünen mit 200 Zuschauern: Die sind großartig. Die Auswärtsfahrten: eher nicht so. Zu jedem Spiel müssen sie mit der Fähre anreisen. Im Sommer ist das noch erträglich, dann fährt regelmäßig der Katamaran, der eine Stunde bis nach Emden braucht. Schlimm wird’s im Winter, dann müssen die Borkumer Spieler zweieinhalb Stunden mit der Autofähre fahren, oft brechen sie sonntagmorgens um sieben Uhr auf, spielen um zehn Uhr, damit sie am Nachmittag noch das letzte Schiff zurück auf die Insel bekommen. „Wir müssen uns auf die Fährzeiten einstellen“, sagt Sebastian Kasten. „Das kann dann auch mal bedeuten, dass du am Anleger ankommst, in den Bus springst, dich im Bus umziehst, direkt auf den Platz gehst, dich in den ersten zehn Minuten des Spiels warm machst, in der Halbzeit deine Taschen zurück in den Bus bringst, damit du direkt nach Abpfiff – ohne Duschen – wieder zurück zur Fähre fahren kannst.“
Manche Auswärtsfahrten der Borkumer dauern zehn Stunden. Bezahlt werden sie aus den Einnahmen des Jugendgästehauses, das der Verein auf der Insel betreibt. Für eine Mannschaft in der Kreisklasse ist das viel Aufwand. Auch deswegen gibt es in Deutschland kaum noch Inselfußballteams. Baltrum, Spiekeroog und Langeoog haben seit Jahren keine Mannschaft mehr für den Spielbetrieb gemeldet. Der TSV Juist hat 2018 das letzte Mal gespielt. Es bleiben Borkum, Norderney und der TuS Wangerooge, der in der vierten Kreisklasse antritt.

Der Katamaran trifft pünktlich in Emden ein. Der Bus wartet bereits auf die Borkumer. Sie schmeißen ihre Taschen in den Kofferraum, setzen sich. In der Zusammensetzung, in der sie heute unterwegs sind, waren sie in dieser Saison noch nie bei einem Spiel. Aber das gilt für jedes Auswärtsspiel. 41 unterschiedliche Spieler, sagt Kasten, habe man in dieser Saison bereits eingesetzt. Vielleicht sei das sogar ein Rekord. Viele Spieler arbeiten in der Gastronomie, einen ganzen Sonntag für ein Kreisliga-Spiel draufgeben? Das ist nicht drin. Die Spieler sind dann meistens nur zu Hause dabei. Andere müssen für das Studium oder ihren Job von der Insel, können nicht trainieren und kommen nur unregelmäßig zu den Spielen. Immer wieder hört jemand auf, weil der Aufwand zu groß ist – und steht ein paar Monate später doch wieder auf dem Platz.
Vor Kasten sitzt Markus Schnippa. Schnippa, der für die Stadtwerke in Borkum arbeitet, hat das Fußballspielen eigentlich vor einer Weile aufgegeben, hat stattdessen die B-Junioren des TuS Borkum trainiert. Doch dann, als es vor ein paar Wochen personell richtig eng wurde, ist er vom Rücktritt zurückgetreten. „Es ist etwas anderes, für einen Inselverein zu spielen“, sagt Schnippa. „Man kann nicht einfach den Verein wechseln, es ist eine stärkere Identifikation. Und letztendlich muss einem klar sein, dass man die Insel repräsentiert.“
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Viele der Borkumer Spieler haben bereits in der Jugend für den TuS gespielt, Sebastian Kasten auch. Er ist auf Borkum aufgewachsen, dann fürs Abitur und Studium aufs Festland gegangen. Jetzt ist er wieder zurück, als Lehrer für Englisch und Geschichte an der Inselschule. Mehr als 200 Schülerinnen und Schüler sind dort, eine Berufsschule gibt es auch, nur die, die Abitur machen wollen, müssen von der Insel runter, wechseln zum Beispiel aufs Internat in Esens.
„Ich bin einfach gerne auf der Insel“, sagt Kasten. „Die meisten von denen, mit denen ich in der Jugend gespielt habe, sind auch noch da.“ Kasten wird im Sommer aber erst mal selbst gehen, Reisen mit seiner Freundin in Südamerika. Dem TuS Borkum wird dann ein weiterer zuverlässiger Spieler fehlen.
Schon zur Halbzeit steht der Sieg fest
In Großheide läuft Musik zum Aufwärmen. Der Rasen ist kurz geschnitten und trocken. Kasten erinnert sich an den Borkumer Rasen aus seiner Jugendzeit, früher kamen jeden Sommer Profiklubs zum Trainingslager und schickten ein paar Monate vorher ihren Greenkeeper zur Platzpflege. Inzwischen kommen die Bundesligisten nicht mehr nach Borkum und der TuS spielt auf Kunstrasen.

Die Spieler stellen ihre Taschen in der Kabine ab und setzen sich auf die Spielerbank. Das wäre witzig, sagen sie, wenn wir Großheide heute den Aufstieg vermiesen. Einen richtigen Rivalen in der Liga hat Borkum nicht, viel zu weit ist alles weg, das war anders, als der Klub vor zwei Jahren zum ersten Mal seit sechs Jahrzehnten in einer Staffel, also einer Untergruppe in der Liga, mit dem TuS Norderney spielte. Zum Derby begleiteten Hunderte Fans die Mannschaft nach Norderney, manche von ihnen waren noch nie auf der Nachbarinsel gewesen. Zurück ging es mit einer Klatsche, Norderney stieg am Ende der Saison auf, das nächste Derby lässt also auf sich warten.
In Großheide scheint die Sonne heiß auf den Platz, der Schiedsrichter pfeift an, schnell wird klar, dass die Borkumer hier ihre Auswärtsbilanz nicht aufbessern werden. Schon zur Halbzeit steht der Sieg der Gastgeber fest, nach dem Seitenwechsel wird es deutlich. An der Seitenlinie überlegen die Spieler, wie es wohl in der nächsten Saison mit dem neuen Trainer weitergehen wird. Will der, dass wir wirklich alle zweimal die Woche trainieren? Treibt der den Schlendrian aus? Wer ist er überhaupt, ist der nicht auch erst seit Kurzem auf der Insel? Und arbeitet sonst als DJ oder so?
„Keine Ahnung, ob der versteht, dass wir kein Festlandverein sind“, sagt einer. „Hier läuft alles ein bisschen anders. Als Spieler hast du vielleicht mehr Macht bei einem Inselklub. Gegen wen willst du denn auch ausgetauscht werden?“

Nach dem Spiel verschwinden die Borkumer unter die Dusche, dann rasch in den Bus, ein Blick auf die Uhr, es ist 16 Uhr: Das könnte knapp werden. Um 16:45 Uhr legt die Fähre ab.
Auf der Rückfahrt ist es still. Niemand spricht die Frage aus, die offensichtlich in der Luft liegt: Warum tut man sich das an, einen ganzen Sonntag zu verschwenden, um irgendwo am Ende der Welt ein Tor nach dem anderen zu kassieren?

Um 16:42 Uhr erreicht der Bus den Hafen von Emden. „Das schaffen wir locker“, sagt Kasten. Doch dann geht die Schranke am Bahngleis vor dem Fährableger runter.
„Scheiße“, sagt Kasten. „Soll ich noch mal anrufen?“
„Das wäre eine Katastrophe, wenn wir jetzt hier noch drei Stunden warten müssen“, ruft einer aus der letzten Reihe.
Kasten wählt die Nummer des Fährunternehmens. „Wir sind wirklich sofort da“, sagt er. „Wir stehen an der Schranke.“
Ganz kurz, bekommt er als Antwort, könne die Fähre noch warten.
Die Schranke öffnet sich. Der Bus hält direkt am Kai. Die Spieler holen ihre Taschen aus dem Gepäckraum und eilen zum Katamaran. Wenig später legt das Schiff dröhnend ab. Touristen filmen die Abfahrt von der Reling, Wasser spritzt hoch. Drinnen sitzen die Spieler des TuS Borkum, auf dem Weg zurück auf die Insel.
Der Weg nach Borkum
Anreise Von Emden, das mit dem Zug zu erreichen ist, gibt es täglich mehrere Verbindungen nach Borkum. Der Katamaran braucht eine Stunde, die Fähre etwa zwei. Tickets können online oder direkt am Anleger gekauft werden. Die Inselbahn bringt einen vom Borkumer Anleger direkt in den Ort.
Übernachten kann man zum Beispiel im Strandhotel Hohenzollern, im Arthotel Bakker, im Nordsee-Hotel oder in einer der zahlreichen Ferienwohnungen.
Pizza gibt es in der Pizzeria Il Faro, die Giuseppe Rapana, Rekordtorschütze des TuS Borkum, betreibt.
Fußball Wer die Borkumer Fußballer selbst in Aktion erleben möchte: Ab Ende August finden wieder Heimspiele des TuS statt, meistens sonntags um 13.30 Uhr.
