Von Hamburg oder Berlin aus wirkt Saarbrücken wie Provinz. An der Grundschule des sozial stark gemischten Stadtteils Rastpfuhl kommt allerdings unweigerlich die Frage auf, wie provinziell es hier tatsächlich ist: So viel von der Welt in einer Schule mit rund 200 Schülern und 15 Lehrkräften muss man in den Speckgürteln und „besseren Vierteln“ der Großstädte, wo man sich für besonders weltgewandt hält, erst einmal finden.
Eva Ruffing, die Leiterin der Freiwilligen Ganztagsgrundschule Rastpfuhl, steht am Fenster und reicht zwei Obdachlosen Wasserflaschen. „Es sind immer ein paar hier, wir haben ein gutes Verhältnis“, sagt sie. „Und wenn wir für unsere ganzen Muggelchen vor den Ferien ein Eis kaufen gehen, fragen wir die Jungs immer, ob sie auch eins wollen.“ Die Obdachlosen seien freundlich und hilfsbereit und schleppten schon mal ein paar schwere Kisten. Es sei doch wichtig, dass sie den Kontakt zur Gesellschaft nicht verlören, meint Ruffing. „Sie sind ein Teil davon.“
Für Ruffing ist Schule sehr viel mehr als Deutsch und Mathe, sie ist ein Lebensraum für alle, die in ihr tätig sind und zu ihr beitragen. In ihrer Schule sind das noch einige Personen mehr als die Schüler und die fest angestellten Mitarbeiter. Zum Beispiel kommen jedes Schuljahr vier bis fünf Künstler ganz regelmäßig in den Kunstunterricht. Und so zieren viele Kunstwerke die Wände der gepflegten Schulflure. Man habe schon viele verborgene Talente entdeckt; gleichzeitig schule die künstlerische Tätigkeit die Feinmotorik und fördere die Kreativität, sagt Ruffing, die früher mal Kunst und Design studieren wollte.

Die zierliche Frau mit den wachen hellen Augen ist ein Energiebündel, eloquent, empathisch, unverstellt. „Ich liebe meinen Beruf“, sagt sie, und es klingt kein bisschen floskelhaft. Als sie 17 Jahre war, habe ihr die Mutter ihrer damaligen Jugendliebe, eine Lehrerin, dringend geraten, diesen Beruf zu ergreifen, und sie regelmäßig mit in die Schule genommen. Etwas verlegen vermutet Ruffing, ihre offene herzliche Art sei der Grund für diesen Rat gewesen; und dass sie sehr organisiert sei und gern plane. Natürlich könne sie gut mit Kindern umgehen; das sollte für eine Lehrkraft selbstverständlich sein. Ruffing erinnert sich an eine frühere Stelle als Klassenlehrerin ebenfalls in einem sozial belasteten Saarbrücker Bezirk. Dort habe sie morgens erst mal 20 Brote geschmiert, für die Kinder, die ohne Frühstück in die Schule gekommen seien.
Rund 90 Prozent der Kinder an der Rastpfuhler Schule haben ausländische Wurzeln; viele kommen aus sozial belasteten Familien. „Wir haben hier alle Hautfarben, sehr viele Sprachen. Wir haben hochbegabte Kinder, wir haben Kinder, die nichts sprechen, Kinder, die Gehprobleme haben, Kinder, die später aufs Sportgymnasium gehen.“ Diese enorme Heterogenität verlange von ihrem Team und ihr einen „Riesenspagat, weil du natürlich mit allem umgehen musst“.
Man hat diese Herausforderung offensichtlich vollumfänglich angenommen. Nach einer glücklichen Landschule, falls es sie überhaupt noch gebe, hat sich Ruffing in den mehr als zwanzig Jahren, in denen sie im Schuldienst ist, davon elf als Leiterin ihrer jetzigen Schule, noch nie gesehnt. „Wir versuchen, ganz viele Bedürfnisse abzudecken und den Kindern viel von der Welt zu zeigen, und lassen sie die Welt zu erkunden.“

Die Saarbrückerin ist behütet in einem bildungsbürgerlichen Elternhaus aufgewachsen. Nun sei es ihr wichtig, dass die Kinder morgens für ein paar Stunden des Tages eine beschützte Welt beträten, nicht alle kehrten am Nachmittag in eine solche zurück. „Sie sollen sich hier sicher fühlen.“ Und gut gewappnet sein für die weiterführenden Schulen, wo viele eine raue Welt erwarte.
In Projekten bereitet die Schule die Kinder auf die Welt vor. „Jeden Mittwoch ist Projekttag“, erklärt Ruffing. Mit der Ausgestaltung habe sie sich etwa ein Dreivierteljahr beschäftigt. „Das war harte Arbeit.“ Sie liest aus dem Plan vor, der an der Wand hängt: Wald- und Erlebnistage, ein Entspannungstraining mit einer Yogalehrerin, in dem es auch um buddhistische Kultur geht; ein Pony-Projekt, „weil wir ja viel mit Tieren arbeiten“. Auch Schulhund Archie ist ständig vor Ort und tröstet schon mal ein Kind, das Angst vor einer Klassenarbeit hat, indem er seinen Kopf in dessen Schoß legt. Ruffing schwärmt vom Kochprojekt; an elf Terminen kochen Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel Gerichte aus dem Heimatland, etwa albanisch, italienisch, bulgarisch, chinesisch, türkisch, algerisch, bosnisch, arabisch oder saarländisch.
Weiter geht es mit „Globales Lernen, fair handeln“. Man werde sich online mit einer Schule auf Sansibar über Fairtrade austauschen und später Fairtrade-Läden in Saarbrücken besuchen. In einem Projekt werde über Menschenwürde und Demokratie gesprochen. „Daraus wird sich ein Schülerparlament entwickeln, das nachmittags tagt.“ Man wolle mit ihm auch den Landtag besuchen, „um dort Gehör zu finden“. Eine große Rolle spielt Bewegung, von Yoga und Tanz über Wing Chun und Karate bis hin zu Fußball. „Ein hochbegabtes Kind wird in diesen tollen Projekten genauso gefördert wie ein Kind, das im sozial-emotionalen Bereich oder im Lernen große Defizite hat.“

„Sie nervt alle“, sagt Schulrätin Silke Möckl, die für die Schulaufsicht zuständig ist und an diesem Tag nach den Sommerferien die Schule besucht – und meint das anerkennend. Man arbeite seit Jahren vertrauensvoll zusammen. Wenn Ruffing etwas wolle, etwa vom Ministerium, dann habe sie einen sehr langen Atem. „Ich bin ein Riesennerv, ein Riesendickkopf“, sagt die Schulleiterin selbst. Wolle man so viele Ideen verwirklichen, brauche man Unterstützung und Geld. Bei Geldgebern sei sie wohlbekannt, habe schon viele Sponsoren gewonnen. Sehr hilfreich sei auch die Förderung durch das Startchancen-Programm von Bund und Ländern. An ihm nehmen rund 4000 Schulen mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Schüler teil.
„Sie kann gut leiten, hat viele tolle Ideen, ist sehr motiviert, offen, direkt und dynamisch, aber auch reflektiert“, berichtet Schulsozialarbeiterin Inga Abel. Ein „Das machen wir doch schon immer so“ habe sie noch nie von ihr gehört. „Man kann immer zu mir kommen“, sagt Ruffing. Konflikte würden ehrlich und respektvoll ausgetragen, sagen beide. „Das leben wir den Kindern vor.“

Habe sie eine Idee, stelle sie es den Kollegen, die diese verwirklichen müssten, frei, ob sie das machen wollten. „Hier wird keinem vermittelt, ich bin der oberste Boss, und es muss auf mich gehört werden.“ Im Kollegium verlasse man sich vertrauensvoll aufeinander; Versetzungsanträge würden „seltenst“ gestellt. „Wenn morgens jemand reinkommt und es ihm schlecht geht, es irgendein Problem oder eine Sorge gibt, meine Tür steht offen.“
Mit ihrem Beamtengehalt der Stufe A13 ist Ruffing grundsätzlich zufrieden. Ihr Mann, der selbständig sei, sage zwar, in der freien Wirtschaft könnte sie zwei- bis dreimal so viel verdienen. Doch sie schätzt die gute Absicherung einer Beamtin mit Blick auf Krankheit und Rente. Gerecht fände sie es aber, wenn Zulagen je nach sozialer Zusammensetzung der Schülerschaft gezahlt würden. Am Tag arbeite sie 10 bis 16 oder 17 Stunden. Das schaffe sie ohne Burnout-Gefahr, weil sie an den Wochenenden konsequent nicht arbeite und in den Ferien wirklich Ferien mache. Zum Ende des Schuljahres sei sie aber schon müde.
Seit wenigen Jahren kämen mehr Kinder aus bildungsbürgerlichen Familien, erzählt Ruffing, etwa der Nachwuchs ausländischer Ärzte; am Rastpfuhl gibt es eine große Klinik. „Es spricht sich herum, was wir hier machen.“ Den Eltern sage sie, dass ihre Kinder hier die Welt kennenlernen werden und zum Ende des vierten Schuljahres wüssten, wie man mit anderen Menschen umgehe. „Sie sind dann auf den nächsten Schritt in die Gesellschaft vorbereitet.“
