
Üblicherweise dienen Halbzeitpausen dem Publikum in einem Fußballstadion dazu, Emotionen zu sortieren, kurz durchzuatmen, und das war auch am Samstagabend beim sehenswerten 2:0 (2:0) von Borussia Dortmund gegen den Hamburger SV der Fall. Jedenfalls bis plötzlich eine mit satten Technobeats ausgestattete Version des Songs erklang, zu dem in dem Film „Alexis Sorbas“ der berühmte „Sirtaki“ getanzt wird. Nun sprangen und hüpften Tausende Dortmunder zu der gezupften Gitarre und huldigten ihrem neuen Heldenpaar: Konstantinos Karetsas, 18, und Giannis Konstantelias, 23.
Die beiden Griechen hatten innerhalb ihrer ersten 45 Bundesligaminuten tatsächlich mehr geschafft, als einfach nur eine Torvorlage zu liefern (Karetsas auf Serhou Guirassy, 8.) und ein Tor zu schießen. (Konstantelias, 45.+2). Sie haben den bleibenden Eindruck hinterlassen, das in der Vergangenheit schwankende fußballerische Niveau nachhaltig anheben zu können. „Die erste Halbzeit war top“, sagte der Dortmunder Kapitän Waldemar Anton. „Das war eine perfekte Halbzeit, wir haben alles umgesetzt, was wir umsetzen wollten.“
Später sollte dieses Spiel noch ganz andere Wendungen nehmen, weil sich Konstantelias womöglich schwer am Knie verletzte. Zudem hatte der junge Samuele Inacio zwei Minuten nach seiner Einwechslung nach einem brutalen Foul die Rote Karte (77.) gesehen und saß nach der Partie weinend in der Kabine, wie Trainer Niko Kovač berichtete. Am Ende musste Dortmund diesen Sieg im strömenden Regen mit Hingabe und Widerstandskraft ins Ziel retten, statt einen sommerlichen Sirtaki zu tanzen.
Das griechische Traumduo wird getrennt
Aber zuvor wurde sichtbar, was sich schon im Franz-Beckenbauer-Supercup gegen Bayern München angedeutet hatte, jedoch von der Übermacht des Gegners erdrückt worden war: Die beiden Griechen wollen immer den Ball, haben gute Ideen, sind torgefährlich und in der Lage, sich ohne langen Anlauf schnell an die Bundesliga anzupassen. „Die Beweglichkeit, die die beiden haben und trotzdem noch gefährlich sind, das ist eine große Qualität in dem Alter“, sagte Anton.
Keiner der beiden neigt nach allem, was bisher zu sehen war, nicht zu dieser Sorte Risikoaktion, die der nach Amsterdam gewechselte Julian Brandt immer wieder einstreute. Beide arbeiten im Gegensatz zum nach Barcelona verkauften Karim Adeyemi absolut zuverlässig für die Defensive. Und beide machen ihre Mitspieler besser. Gut sichtbar war das beim 1:0, als Karetsas als vorletztes Glied einer schnellen Ballstafette. Seine Präsenz führt zu Abspielmöglichkeiten, die vorher nicht vorhanden waren, und dann sehen auch andere wie Jobe Bellingham besser aus.
Konstantelias, der Mitte August für 26 Millionen Euro von PAOK Saloniki unter Vertrag genommen wurde, agierte etwas geradliniger in Richtung des Hamburger Tores, Karetsas spielt etwas verschnörkelter, „das ist das, was wir wollen“, sagte Kovač. Aber nach 52 Minuten wurde es plötzlich sehr still auf der Südtribüne und im Rest des Stadions.
Konstantelias sank nach einem Zweikampf mit Bakary Jatta nahe der Mittellinie auf den Boden, hielt sich zuerst das Knie und dann die Hände vors Gesicht. „Wir sollten heute noch ein bisschen vorsichtig sein, was wir kommunizieren“, sagte Sportdirektor Nils Book nach dem Abpfiff, aber als jemand den Worst Case „Kreuzbandriss“ erwähnte, erwiderte Book: „Die Sorge davor ist bestimmt da.“
Dortmund bringt den Sieg über die Zeit
Nun kam einiges zusammen: Der Hamburger SV wurde etwas stärker, die Dortmunder litten unter dem Schreck der Verletzung und Inacio sah die rote Karte, ohne ein einziges Mal den Ball berührt zu haben. Für einige Momente schien es möglich, dass dieses Spiel trotz der klar verlaufenen ersten Halbzeit kippen könnte.
Bereits vor dem Platzverweis hatte Hamburgs Patson Daka den Außenpfosten des Dortmunder Tores getroffen (67.), BVB-Keeper Kobel hielt einen gefährlichen Fernschuss von Albert Gronbeaek (79.), und Albert Sambi Lokonga setzte einen Volleyschuss aus guter Position über die Latte (81.). Ein Erfolg in der Bundesliga sei nur möglich, „wenn du am Anschlag bist, aber das waren wir nicht und deshalb geht das Ergebnis schon in Ordnung“, sagte Hamburgs Trainer Merlin Polzin, der aber mit der zweiten Halbzeit schon zufrieden war.
Der HSV wird seine Punkte gegen andere Gegner holen müssen, während dieser erste Spieltag beim BVB viel Zuversicht hinterlassen sollte. Denn es ist eine neue Energie im Spiel des BVB vorhanden, die sich nicht nur im verbesserten Spiel mit Ball zeigt.
Auch das Gegenpressing war vor allem in der ersten Halbzeit hervorragend, und Spieler wie Joane Gadou tragen viel zu einer hohen Grundintensität bei. Aber emotional bleibt die Sorge um Konstantelias, und sowohl Kovač als auch Book deuteten an, dass im Fall der Diagnose „Kreuzbandriss“ noch einmal ungeplante Transfermarktaktivitäten erforderlich werden könnten.
