
Christoph Busch hat etwas geschafft, woran viele Eltern verzweifeln: Sein zehnjähriger Sohn darf noch kein eigenes Handy haben – und zumindest zu Hause scheint er sich daran auch zu halten. Mehr noch: Soziale Medien wie Tiktok oder Instagram sind ebenfalls tabu. Doch der Juraprofessor der Universität Osnabrück fragt sich, wie lange das noch funktioniert. „Für eine Familie wäre es sehr hilfreich, wenn der Staat klare Leitplanken setzt“, sagt er und sieht gute Argumente für ein Verbot von sozialen Medien für unter 14-Jährige.
Damit spricht Busch derzeit vielen Eltern aus der Seele. Die deutliche Mehrheit der Befragten in sechs europäischen Ländern sprach sich in einer Yougov-Umfrage für ein Verbot von sozialen Medien für Kinder und Jugendliche im Alter von weniger als 16 Jahren aus. In Deutschland waren es sogar fast drei Viertel. Nach dem Verbot in Australien könnten unter anderem Griechenland, Spanien, Frankreich und Großbritannien nachziehen. Der gerade zurückgetretene britische Premierminister Keir Starmer kündigte kürzlich eine Regelung an, die vom Frühjahr 2027 an für Plattformen wie Tiktok, Snapchat und Instagram gelten soll.
Hierzulande spricht sich die SPD für ein Verbot für unter 14-Jährige aus – auch die CDU zeigte sich zunächst offen dafür. Unionsfraktionsvize Anja Weisgerber hingegen machte sich am Montag gegenüber der „Augsburger Allgemeinen“ für eine individuelle Altersgrenze für jede einzelne Plattform stark. Was alle Ansätze gemeinsam haben: Im Kern geht es darum, das Risiko einer psychischen Erkrankung, von Mobbing und sozialem Druck zu reduzieren. Die vom Familienministerium einberufene „Expertenkommission Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ will in dieser Woche ihre Empfehlungen dazu übergeben. Doch gibt es Alternativen, die Kinder und Jugendliche sogar effektiver schützen könnten?
Rau: „Wir können die Verantwortung nicht allein auf Jugendliche verlagern“
Ähnlich wie der deutsche Ethikrat sieht Franco Rau ein Verbot kritisch. Er ist Professor für Schulpädagogik mit Schwerpunkt Digitalisierung im Unterricht an der Universität Erlangen-Nürnberg und kritisiert: „Die Verbotsdebatte um soziale Medien ist eine Scheindebatte.“ Denn: „Damit tun wir so, als könnten wir einen Vorhang über all die Gefahren ziehen und dann wäre das Problem gelöst.“
Echte Sensibilität für die Risiken im Internet könne nur im Unterricht geschaffen werden, ist er überzeugt. Außerdem komme es weniger auf die reine Nutzungsdauer von sozialen Medien an. Vielmehr seien der Inhalt und der Umgang damit entscheidend – „und darüber müssen Lehrkräfte mit den Schülern sprechen und einen verantwortungsvollen Umgang einüben“. Eine Möglichkeit für ihn wäre, das Fach Medienbildung in allen Bundesländern einzuführen, in dem Kinder und Jugendliche den reflektierten Umgang mit digitalen Medien lernten.
Ein Verbot ginge aus seiner Sicht an der Realität vorbei. „Wir können die Verantwortung nicht allein auf Jugendliche verlagern“, sagt er. Neben Bildungsangeboten braucht es seiner Meinung nach auch klare Vorgaben für Plattformbetreiber: mehr Transparenz darüber, wie Daten verarbeitet werden, sowie strengere Grenzen für manipulative Designpraktiken wie „Dark Patterns“.
Recht auf Meinungsfreiheit und Teilhabe
Mehr Medienkompetenz fordert auch Stephan Dreyer, der am Leibniz-Institut für Medienforschung forscht. Ein Verbot wäre aus seiner Sicht unverhältnismäßig. „Bei Tabak und Pornos sagen wir völlig zu Recht, dass Minderjährige damit nichts zu tun haben sollten“, sagt er. Hier bestehe ein klarer Zusammenhang zwischen Konsum und Schaden. Hinsichtlich sozialer Medien sei die Situation viel komplizierter: „Trotz aller Kritik sind das Plattformen, auf denen Meinungsfreiheit und Teilhabe gelebt werden“, sagt er: „Es ist ungerecht, den Kindern dieses Recht zu nehmen, wenn nicht eindeutig ist, was genau an sozialen Medien eigentlich gefährlich ist.“
Was er außerdem betont: Gänzlich untätig bleibe die Europäische Kommission nicht. Im Februar ist sie gegen Tiktok vorgegangen. Die chinesische Videoapp verstoße wegen süchtig machender Designs gegen das DSA. Zu den kritisierten Funktionen zählen unendliches Scrollen, automatische Wiedergabe von Videos, Push-Benachrichtigungen und stark personalisierte Empfehlungssysteme. „Tiktok scheint keine angemessenen, verhältnismäßigen und wirksamen Maßnahmen zu ergreifen, um die Risiken zu mindern, die sich aus seinem süchtig machenden Design ergeben“, hieß es in der Mitteilung.
Auch Meta, dem Mutterkonzern von Facebook und Instagram, warf die Kommission vor, zu wenig für Jugendschutz zu tun. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) kündigte an, Vorschriften zu verschärfen. Außerdem stellte die EU für Anfang 2027 eine neue App vor, mithilfe derer eine sichere Altersprüfung möglich sein soll. Diese EUDI-Wallet ist für viele ein starkes Gegenargument, dass ein mögliches Verbot von sozialen Medien wegen mangelnder Altersprüfung wirkungslos sei.
Dreyer: „Es ist sinnlos, Kinder schützen zu wollen, ohne auch die Eltern zu schützen“
Die App findet Dreyer sinnvoll, von einem Verbot hält er trotzdem nichts. Er schlägt sogenannte Basis-Accounts vor. Wenn sich ein Nutzer für Tiktok oder Instagram anmeldet, sind Funktionen wie automatische Wiedergabe, personalisierte Werbung, Push-Benachrichtigungen und endloses Scrollen standardmäßig deaktiviert – für alle, auch für Erwachsene. „Für Kinder sind diese Funktionen besonders gefährlich, aber auch für ihre Eltern“, sagt er. „Es ist sinnlos, Kinder schützen zu wollen, ohne auch die Eltern zu schützen.“
Der Vorteil der veränderten Standardeinstellungen: „Wir wissen aus der Forschung, dass Menschen daran nur selten etwas ändern“, sagt er. „Dieser Schritt wirkt also fast wie ein Verbot gewisser Funktionen, ist aber keins.“ Wer Funktionen über die Standardeinstellung hinaus ändern wolle, müsse sein Alter mithilfe der App der EU nachweisen. Uneingeschränkte Nutzung sollte nur für Erwachsene verfügbar sein. Zusammen mit mehr Medienkompetenz in den Schulen hält er diese Maßnahmen für gerechter und effektiver zugleich.
Juraprofessor Busch widerspricht. „Heute interessiert sich mein Sohn für Lego und Bücher“, sagt der Vorsitzende des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen (SVRV), der die Bundesregierung berät. Aber es könnte bald der Zeitpunkt kommen, an dem sein Sohn sagt: „Papa, alle meine Freunde sind auf Tiktok, ich will das auch.“ Busch meint: „Ich wäre langfristig überfordert.“ Eine Altersgrenze schaffe Klarheit und könne Eltern dabei unterstützen, Regeln im Umgang mit sozialen Medien durchzusetzen.
Der Fachmann für die EU-Regulierung von Onlineplattformen ist sich der rechtlichen Probleme eines nationalen Verbots bewusst. Ende März äußerte der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags in einem Gutachten Zweifel daran, ob eine nationale Regelung unter anderem mit EU-Recht vereinbar sein könnte. Schließlich beinhaltet schon das Gesetz über digitale Dienste (DSA) Kinder- und Jugendschutz auf Onlineplattformen.
Ist ein nationales Verbot rechtlich möglich?
Busch glaubt dennoch, dass ein nationales Verbot rechtlich möglich wäre. Davon geht offenbar unter anderem die französische Regierung aus. Das geplante französische Verbot adressiert laut Busch nicht Instagram, Tiktok und Co., sondern verbietet Kindern den Zugang zu den Plattformen. Aus juristischer Sicht mache das einen Unterschied. „Eine Regelung, die sich an die Kinder und nicht an die Plattformen richtet, dürfte mit dem EU-Recht vereinbar sein“, sagt er. Ob diese Argumentation vor dem Europäischen Gerichtshof Bestand haben wird, sei allerdings offen. Für den Binnenmarkt wäre eine einheitliche Regelung auf EU-Ebene sinnvoll, ist er überzeugt.
Im Zweifel sollte die Bundesregierung selbst aktiv werden, sagt Isabel Brandhorst. Die Psychologin und Therapeutin leitet die Forschungsgruppe Internetnutzungsstörungen am Universitätsklinikum Tübingen und behandelt selbst betroffene Jugendliche. Ihr wichtigstes Argument für ein Verbot: „Wir müssen allen, Kindern, Eltern und Lehrkräften, klarmachen, dass Social-Media-Sucht ein ernstes Problem ist.“ Sie erlebe regelmäßig, dass Jugendliche sagen: „Klar bin ich süchtig nach Tiktok, aber das sind doch fast alle, wo ist das Problem?“ Ein Verbot könne möglicherweise dazu beitragen, mehr Bewusstsein dafür zu schaffen.
Aus ihrer Sicht fehlt in der Gesellschaft das Verständnis dafür, was Tiktok, Facebook, Instagram und Co. tatsächlich wollen. „Es handelt sich nicht um gemeinnützige Vereine, die Menschen einfach nur zusammenbringen möchten“, sagt sie: „Das sind profitmaximierende Unternehmen, die meinem Empfinden nach ohne Rücksicht auf die mentale Gesundheit die Nutzungsdauer und damit die Werbeeinnahmen in die Höhe treiben wollen.“
Psychische Leiden junger Menschen haben viele Ursachen
Für sie rechtfertigen Forschungsergebnisse ein Verbot. Vor allem junge Menschen seien gefährdet, die sich mehr als ältere sozial verglichen. Unrealistische Schönheitsideale wie makellose Haut und ein schlanker oder durchtrainierter Körper könnten sich negativ auf den Selbstwert auswirken. Es gebe einen Zusammenhang zwischen der Nutzung von Social Media und psychischen Krankheiten. Und die Häufigkeit der mentalen Erkrankungen habe unter Jugendlichen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.
Doch genau an dieser Stelle setzen einige Forscherinnen und Forscher große Fragezeichen. Geht es Kindern und Jugendlichen wirklich schlechter, weil sie soziale Medien konsumieren? Oder leiden junge Menschen aus anderen Gründen, und soziale Medien sind ein Werkzeug, um mit diesen negativen Gefühlen umzugehen?
Brandhorst gibt zu, dass soziale Medien die direkte Ursache von psychischen Erkrankungen seien, lasse sich nicht zweifelsfrei belegen. „Die Zahl psychischer Erkrankungen von Minderjährigen hat schon vor Facebook und Co. zugenommen“, sagt sie. Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit angesichts von Klimawandel, sozialer Ungleichheit, Kriegen und Extremismus seien weitere Einflussfaktoren.
Dass es für viele Minderjährige ein Kinderspiel ist, ein Verbot zu umgehen, ist ihr bewusst. In Australien bleibt die Mehrheit der unter 16-Jährigen nach wie vor online – auch weil bisher eine effektive Altersprüfung fehlt. Das überzeugt sie aber nicht.
Ein Verbot sei nur im Paket aus mehr Verantwortung der Plattformbetreiber, besserer Aufklärung in Familien und mehr Medienbildung in den Schulen wirksam. „Wir brauchen Unterricht, der Medienkompetenz und das Erlernen von emotionalen Fähigkeiten miteinander verbindet“, fordert sie: „Wer weder versteht, wie ein Algorithmus funktioniert, noch mit Gefühlen wie Trauer und Wut umgehen kann, kann im Internet zu einem leichten Opfer werden.“ Dies gelte nicht nur in sozialen Medien.
Matthias Sutter ist Verhaltensökonom an der Universität Bonn und betont: Ob ein Verbot wirkt, hängt nicht nur von der individuellen Einstellung eines Jugendlichen ab, sondern vor allem vom Gleichgewicht in einer Gruppe. In einer Umfrage mit 835 australischen Jugendlichen gaben 44 Prozent an, diejenigen für unbeliebter zu halten, die das Verbot befolgten – nur fünf Prozent hielten diese für beliebter. Sutter sagt: Solange es als „uncool“ gelte, das Verbot zu befolgen, verfehle es sein Ziel.
