„Findet ihr sehr dünne junge Frauen auch sexy? So dünn, dass man bereits die Rippen am Oberkörper sieht“, fragt eine Nutzerin im Onlineforum Gutefrage.net. Ja, natürlich, das sei etwas, „was ein(en) Mann zu 99 % so richtig erregt“, kommentiert ein Mann. Ein paar Nutzer weisen darauf hin, dass Magersucht nicht gut sei. Und dann ist da noch die Antwort von Sabine: „Es ist völlig normal, sich unsicher zu fühlen“, schreibt sie. „Wenn du magst, reden wir darüber, wie du dich beim Dating selbstbewusster fühlst und welche Eigenschaften dir wirklich wichtig sind.“
Ihr Accountname und das „Experten“-Siegel verraten: Sabine Dohme ist eine digitale Streetworkerin vom ANAD Versorgungszentrum Essstörungen in München. Das heißt, sie ist als Sozialarbeiterin statt auf öffentlichen Plätzen im Netz unterwegs. Stößt sie in Chats auf Fragen oder Beiträge, die auf essgestörtes Verhalten hindeuten, schreibt sie Usern, bietet Hilfe an, verweist auf Beratung oder Wohngruppen von ANAD. „Ich kann in den Foren niemanden von einer Essstörung wegbringen“, sagt sie. „Aber ich kann begleiten, ich kann Informationen streuen, und ich kann Hilfsmaßnahmen aufzeigen.“
Essstörungen als „Erbe der Pandemie“
Der Bedarf ist da. Essstörungen haben besonders bei Mädchen und jungen Frauen in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Nach Daten der Krankenkasse DAK bekamen in Deutschland 2024 rund 23.000 jugendliche Mädchen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren diese Diagnose – knapp 40 Prozent mehr als 2019. Auch bei Mädchen zwischen zehn und 14 Jahren war das Niveau zuletzt erhöht. Die Zahl der Klinikeinweisungen wegen schwerer Essstörungen bei zehn- bis 17-jährigen Mädchen verdoppelte sich binnen 20 Jahren auf 6000 Patientinnen (im Jahr 2023). Sie machen laut Statistischem Bundesamt fast die Hälfte aller stationär wegen Essstörungen behandelten Personen aus.

Gründe für den starken Anstieg gibt es einige. Der Leiter des Klinikums Stuttgart, Jan Steffen Jürgensen, spricht von einem „Erbe der Pandemie“. Isolation, Schulschließungen und mehr Zeit in sozialen Medien hätten die Ängste vieler Mädchen verstärkt. „Hier sind Mädchen vulnerabler als Jungen“, sagte Jürgensen. „Sie sehen Körperbilder, Glücks- und Zufriedenheitsideale, die kaum erfüllt werden können. Das erhöht das Stresslevel und kann die Ausprägung psychischer Erkrankungen vertiefen.“
Auch die Modeindustrie und soziale Medien haben einen großen Einfluss. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) in Köln warnt vor einem bedenklichen Schlankheitsideal, das durch soziale Medien gefördert werde. Viele Kinder und Jugendliche folgten täglich Influencerinnen, die sich mit Filtern und speziellen Programmen künstlich aufhübschten. Dass etwa eine Schauspielerin – optisch an der Grenze zur Magersucht – eine Saftkur für eine schlanke Bikinifigur anpreise, hält Dohme für inakzeptabel: „Wenn man 600.000 Followerinnen hat, trägt man auch eine Verantwortung, der man gerecht werden muss.“
Höherer Druck durch die Abnehmspritze
Vielen gehe es aber einfach nur um Geld und Aufmerksamkeit. Selbsternannte Fitnesscoaches, Abnehmtrainer und vermeintliche Ernährungsexperten könnten in sozialen Medien sehr leicht allerlei Halbwahrheiten verbreiten, Influencer könnten problematische Körperbilder zementieren, sagt Dohme. Auch die Abnehmspritze erhöhe den Druck. Stars, die vor einigen Jahren noch an Body-Positivity-Kampagnen mitwirkten, würden jetzt plötzlich dünn. „Mein Frust ist sehr groß“, sagt Dohme.
Dennoch versucht sie, dagegenzuhalten. Sie beantwortet Fragen in Foren, postet auf den Kanälen der Beratungsstelle und meldet gefährliche Inhalte bei den Plattformbetreibern. Kommentiert sie die Beiträge von Influencern, weist sie auf schädliches Verhalten hin. Aber während sie nur eine halbe Stelle hat, hätten viele Influencer ganze Marketingteams im Hintergrund. „Ich kratze an der Spitze des Eisbergs, trage ganz vorsichtig vielleicht ab und zu mal ein Flöckchen beiseite“, sagt Dohme. Eigentlich müsste aber viel intensiver vorgegangen werden.
Je weniger Prävention, desto größer die Probleme
Laut der JIM-Studie 2025 (Jugend, Information, Medien) der Medienanstalt Baden-Württemberg besitzen 95 Prozent der Jugendlichen ein Smartphone. Die tägliche Bildschirmzeit allein am Smartphone beträgt bei Zwölf- bis 13-Jährigen knapp drei Stunden, bei volljährigen Jugendlichen mehr als viereinhalb Stunden. Insbesondere Youtube, Instagram und Tiktok sind bei Jugendlichen beliebt, die meisten sind täglich auf diesen Plattformen unterwegs.
Dass trotzdem so wenige Mittel für digitales Streetworking zur Verfügung stünden, sei fatal, so Dohme. „Umso weniger Geld wir in die Prävention stecken, umso größer wird das Problem“, sagt sie. Ihre Stelle sei vom bayerischen Gesundheitsministerium noch bis Ende 2027 finanziert. „Was danach passiert, wissen wir alle nicht.“
In ihren Wohngruppen in München könnten sie aktuell 72 Personen unterbringen. Bis zu 800 Beratungsgespräche schafften sie mit anderthalb Stellen jährlich. Manche Beiträge in den Onlineforen und auf den Onlineplattformen erreichten aber Tausende. Gerade seien sie und eine ehrenamtliche Mitarbeiterin dabei, noch einen Tiktok-Kanal aufzubauen. An Präventionsangeboten in den sozialen Medien führe kein Weg vorbei. Das müssten auch die Gesellschaft und Politik endlich verstehen.
