Der erste Schritt ist am schwersten. Wer noch nie auf einem Stand-up-Paddleboard (SUP) stand, denkt nicht an Yoga, sondern daran, nicht ins Wasser zu fallen. Beim SUP-Yoga auf dem Main kommt noch ein Vorbehalt dazu: Viele haben das alte Bild vom „dreckigen“ Fluss im Kopf. „Ich hatte echt Angst, reinzufallen“, sagt Nicolas, der an einem heißen Sonntagvormittag am Mainufer in der Nähe der Osthafenbrücke zum Kurs erschienen ist.
Die Angst vor dem Sturz ins Wasser versucht Yogalehrerin Aylin Flasdick den Teilnehmern zu nehmen. „Das Wasser im Main ist nicht mehr so dreckig wie früher – ich selbst springe manchmal freiwillig rein“, sagt sie. Wobei Schwimmen im Main vor dem Frankfurter Stadtufer grundsätzlich untersagt ist, wegen der Strömungen nahe den Brückenpfeilern. Stand-up-Paddling gilt jedoch als Wassersport und ist erlaubt, Yoga auf dem Board entsprechend auch.
Yoga auf einem Stand-up-Paddleboard ist kein ganz neues Phänomen und wird inzwischen in vielen Städten angeboten, nachdem sich Stand-up-Paddling in gut zwei Jahrzehnten vom Nischensport zum Breitensport, auf Badeseen, Flüssen oder Kanälen, entwickelt hat. Beim SUP-Yoga wird die Yogamatte konsequent aufs Wasser verlegt, klassische Übungen werden auf einen bewegten Untergrund übertragen, der Körper arbeitet durchgängig an der Balance und ist gezwungen, konzentriert zu bleiben.
Viele Teilnehmer sind mit dem Fahrrad gekommen, stellen Helme und Rucksäcke neben die breiten Bretter, die auf dem Asphalt bereitliegen. Neben Nicolas sitzt seine Partnerin Sofia. „Aufgewärmt sind wir jetzt schon mal“, sagt sie und lacht. Durch die Fahrradfahrt seien beide ganz schön ins Schwitzen gekommen. „Mal eine außergewöhnliche Date-Idee“, findet Nicolas. SUP-Yoga haben beide noch nie ausprobiert, Sofia hat den Kurs im Internet entdeckt und Nicolas schlicht mit angemeldet. „Viel Überredenskunst war aber nicht nötig“, meint sie.
Ins Wasser fallen ist ausdrücklich erlaubt
Micha nimmt mit ihrer Tochter Carina und deren Freund Tobi am Yogakurs auf dem Wasser teil. Für Micha ist die Stunde ein Geburtstagsgeschenk. „Wir wollten ihr eine außergewöhnliche Yoga-Erfahrung schenken und haben zwischen Yoga auf dem Main und Yoga auf einem Hochhaus geschwankt, uns dann aber doch für diese Veranstaltung entschieden“, erzählt Carina. Ihre Eltern seien aus Nordrhein-Westfalen angereist, sie selbst lebe mit Tobi seit einigen Jahren in Frankfurt. Micha unterrichtet Yoga, war aber noch nie auf dem Wasser. „Ich bin gespannt, wie sich vertraute Übungen auf dem Brett anfühlen“, sagt sie. „Mein Mann wollte nicht mitmachen, dafür steht er jetzt am Ufer und macht Fotos von uns“, sagt Micha und winkt hinüber.

„Wir haben uns das perfekte Wetter ausgesucht“, bemerkt Aylin Flasdick, die Yogalehrerin. Es sind 33 Grad, die Sonne knallt auf den Main. Flasdick bietet SUP-Yoga auf dem Fluss seit fast zehn Jahren an. Die Idee kam ihr im Urlaub, als sie sah, wie viele Touristen auf Stand-up-Paddleboards über einen See fuhren. „Ich habe mir gedacht: Warum nicht auch Yoga drauf machen?“ Sie absolvierte eine Yogaausbildung und sprach Robin Kassel an, den Leiter von Main SUP. „Ich habe ihn gefragt, ob ich Yoga auf dem Wasser anbieten kann“, sagt sie. Kassel stimmte zu und begleitet die Kurse bis heute.
„Es kostet einiges an Überwindung, aufs Board zu steigen“

Die Boards, die am Mainwasenweg am südlichen Mainufer bereitliegen, sind speziell für Yoga ausgelegt, etwas dicker und stabiler als gewöhnliche Modelle. „Die Griffe sind an den Seiten – nicht wie sonst in der Mitte, damit man sich auf den Rücken legen kann“, erklärt Aylin Flasdick der Gruppe. Trotzdem sind Respekt und Vorfreude spürbar. „Für viele Kursteilnehmer kostet es einiges an Überwindung, aufs Board zu steigen, selbst wenn sie jahrelange Yoga-Erfahrung haben“, sagt die Lehrerin.
Um elf Uhr geht es los. Robin Kassel holt die Teilnehmer in zwei Gruppen mit einem großen Paddleboard ab und bringt sie an eine ruhigere Stelle gegenüber, in der Nähe der Osthafenbrücke. Dort werden neun Boards an der Spitze verbunden. „Das gibt genug Stabilität“, sagt Flasdick. Die Wasserfläche liegt etwas abseits vom Hafentrubel, große Boote dürfen hier nicht vorbeifahren, das Wasser ist nur leicht bewegt. „Man hört die Vögel zwitschern und das Wasser rauschen“, beschreibt sie diese Ecke des Mainufers.
Zunächst sitzen alle auf ihren Boards, die Füße im Wasser, die Hände auf den Knien. „Wir starten in Entspannung“, sagt Flasdick. Die Gruppe achtet auf die Atmung, soll „zu sich finden“.

Nach der Anfangsentspannung folgen einfache Übungen. „Ich starte immer erst mit leichten Übungen im Sitzen, bevor es an schwierige Übungen im Stehen geht“, sagt Aylin Flasdick. „Damit, falls jemand reinfällt, man nicht allzu lange nass mitmachen muss.“ An kühleren Tagen wie im Mai ist das entscheidend, heute wirkt das Wasser eher wie willkommene Abkühlung. Trotzdem erinnert sie die Gruppe daran, wie schnell ein Brett, sogar bei Übungen im Sitzen, kippen kann: „Passt auf, auch hier ist schon mal jemand reingefallen“, sagt sie bei zwei Übungen.
„SUP-Yoga stärkt die Tiefenmuskulatur und entspannt gleichzeitig“
Wichtig sind langsame, fließende Bewegungen und Körperspannung. „Man muss darauf achten, keine ruckartigen Bewegungen zu machen“, sagt Flasdick. Diese Prinzipien gelten auch auf der Matte, doch auf dem Wasser werden sie unvermeidlich. „Auf dem Wasser ist man gezwungen dazu, was dem Sinn von Yoga zugutekommt.“
SUP-Yoga erfordert laut Aylin Flasdick noch mehr Spannung als klassisches Yoga. Die Tiefenmuskulatur – kleine Muskeln entlang der Wirbelsäule – werde besonders gefordert. Sie stabilisierten die Wirbelkörper und beugten so etwa Rückenschmerzen vor. Bewusst anspannen könne man sie nicht. Bewegungen auf einem instabilen Untergrund wie dem Board seien ideal, um sie zu trainieren, so Flasdick. Eine gut trainierte Tiefenmuskulatur arbeite bei jeder Alltagsbewegung mit, stütze und schütze Gelenke und bremse deren Verschleiß.

„Auch ohne Yoga-Erfahrung kann man bei uns mitmachen“
Trotz dieses trainingsintensiven Charakters ist der Kurs ausdrücklich offen für Menschen ohne Vorerfahrung. „Auch wenn man noch gar keine Yoga-Erfahrung hat und nicht weiß, wie der herabschauende Hund aussieht, kann man bei uns mitmachen“, betont Flasdick. Yoga auf der Matte habe das Ziel, dass man sich auf sich selbst konzentriere. „Das funktioniert aber nicht immer“, sagt sie. „Das Board zwingt einen dazu, an nichts anderes zu denken – sonst fällt man ins Wasser.“
Ganz ohne unfreiwillige Abkühlung geht es dennoch nicht: Während einer der stehenden Übungen, dem „Krieger“, verliert eine Teilnehmerin das Gleichgewicht und fällt ins Wasser. Sie taucht kurz unter, klettert wieder auf ihr Board und lacht. „Einem musste es ja passieren“, sagt sie. „Das passiert eigentlich jedes Mal“, sagt Aylin Flasdick.

Besonders viel Spaß macht SUP-Yoga wegen des Gruppengefühls. Die Boards sind miteinander verbunden, die Teilnehmer sehen sich während des Kurses, jede Bewegung überträgt sich aufgrund der Verbindung der Boards auch ein wenig auf die anderen. „Beim SUP-Yoga nimmt man viel Rücksicht, denn wenn sich einer bewegt, spüren das alle anderen“, erläutert Flasdick. Deshalb ist es wichtig, sich auch zwischen den Übungen langsam zu bewegen. Das entschleunigt zusätzlich. Niemand kann sich einfach aus der Reihe lösen, der Kurs lebt vom gemeinsamen Rhythmus. Gerade bei Balanceübungen wie dem Baum – einer Haltung auf einem Bein, das andere am Standbein angewinkelt, die Arme erhoben – wird dieser Zusammenhalt spürbar. Die Teilnehmer reichen jeweils den Nachbarn die Hände, um den Baum zu stabilisieren. Wer die Position dann freihändig hält, wird von der Gruppe mit einem kurzen Applaus belohnt.
Die letzten Minuten gehören der Ruhe. Die Teilnehmer liegen mit dem Rücken auf den Boards, spüren das Schaukeln des Wassers und schließen die Augen. Viele steigen anschließend sichtbar entspannter vom Brett, als sie es betreten haben. „Man kann unglaublich gut loslassen“, sagt Carina später. Micha ergänzt, dass sie Yoga grundsätzlich am liebsten draußen praktiziere. „In der Natur unter freiem Himmel funktioniert das bei mir am besten“, sagt sie. Auf dem Main, zwischen Ufer, Brücke und bewachsener Halbinsel, habe sie sich „richtig in der Natur“ gefühlt. Sie überlegt, sich ein Stand-up-Paddleboard auszuleihen, um irgendwann allein Yoga auf dem Wasser zu machen.
