Vor einer Woche erst ist Jürgen Frei 85 Jahre alt geworden, an diesem Sonntag läuft er das Treppenhaus des Messeturms hoch – und zwar fünfmal. Frei steht schon verschwitzt im Keller des Messeturms, als sich andere Läufer erst noch ihre Startnummer abholen. Einmal hat er da schon die 213 Höhenmeter hinter sich gebracht. Es ist der 17. Sky Run im Messeturm, und Frei ist jedes Mal gerannt, natürlich immer mehrfach.
Als er nach seinem zweiten Lauf über die Ziellinie im 61. Stock joggt, lächelt er noch immer und setzt sich auf eine Bierbank in einem Raum mit unverputzten Wänden. Er trinkt einen Schluck Wasser, schaut zufrieden auf seine Uhr und spricht mit seinem Sitznachbarn. Frei trägt Lederhandschuhe, die man eher am Lenkrad eines Oldtimers erwarten würde als bei einer Sportveranstaltung. Das aber hat mit seinem Alter nichts zu tun, nur mit Weisheit: Er schont so seine Hände, mit denen er sich am Treppengeländer hochzieht, um seine Beine zu entlasten.
Christian Riedl gewinnt den Turmlauf zum achten Mal
Nach dem dritten Lauf hebt Frei seine Hände hoch über seinen Kopf, jubelt und setzt sich schnell wieder auf die Bierbank: „Natürlich spürt man die Beine ein bisschen“, sagt er. Das Wichtigste sei, dass man sich seine Kraft einteile, deswegen lege er alle zehn Stockwerke eine kurze Pause ein. Zwischen 16 und 18 Minuten braucht Frei so für jeden Lauf. Zum Vergleich: Christian Riedl, der den Lauf am Sonntag zum achten Mal gewonnen hat, benötigte sieben Minuten und 25 Sekunden; Annemarie Wilhelm, die schnellste Frau, war acht Minuten und 59 Sekunden schnell.

Mit dem Aufzug fährt Frei aus dem 61. Stock wieder nach unten, redet dort mit Bekannten und Freunden. Eine Frau winkt ihm zum Abschied und sagt „bis nächstes Jahr“. Im Erdgeschoss ist es voll geworden: 1209 Menschen laufen heute das Treppenhaus des Messeturms hoch. Nur 22 von ihnen sind Multiclimber wie Frei, laufen also mehrmals. Vor dem Start stehen jetzt Gruppen von Feuerwehrleuten und Rettungskräften in Arbeitskleidung. Mehr als die Hälfte aller Teilnehmer sind Feuerwehrleute, sie erklimmen den Turm in Jacke, Helm und Stiefeln – einige von ihnen sogar mit Atemmaske und Sauerstoffflasche.
Zwischendrin startet Frei abermals, läuft leichtfüßig über den roten Teppich, der zum Eingang des Treppenhauses führt. Er winkt den Cheerleadern zu, die ihn und die anderen Teilnehmer anfeuern. Frei sagt, er sei schon 38 Türme in Frankfurt hochgerannt und zweimal das Empire State Building. Einige der Teilnehmer sind ähnlich begeistert vom Turmlauf wie er, sie reden über Turmläufe in Rottweil, Wien und von einem in Köln, der in zwei Wochen stattfindet. Auch Frei will an dem Turmlauf in Köln teilnehmen. Auf die Frage, was ihm am Turnlaufen gefalle, antwortet er: „Ich brauche das, um gesünder zu altern.“ Mit 94 Jahren will er noch einmal die Treppen des Empire State Building erklimmen.
Wer den Gesprächen mit seinen Bekannten zuhört, merkt, dass ihm die Gemeinschaft gefällt. Das geht auch vielen anderen Teilnehmern so: Ein junger Mann, der eine Ausbildung zum Rettungssanitäter macht, sagt, seine Kollegen hätten ihn gefragt, ob er mitlaufen wolle. Ein Feuerwehrmann bietet einem anderen nach getaner Arbeit eine Zigarette an. Und auch andere Firmen laufen mit, man sieht unter anderem T-Shirts der Wisag und der Commerzbank.
Der Erlös des Laufs kommt dem Leichtathletik Förderverein Hessen zugute. Am Geländer stehen deshalb Mitarbeiter mit grünen Caps des Fördervereins, so auch bei der Siegerehrung. Die Cheerleader tanzen, bevor die Sieger bekannt gegeben werden. Frei hat in seiner Altersgruppe gewonnen, natürlich, ein Mann überreicht ihm die Siegerurkunde. Frei lächelt und umarmt die Läufer, die neben ihm stehen, während das Publikum klatscht.
