
Von den insgesamt 105.000 Mitarbeitern trifft es bei Siemens Energy 17.000. Sie arbeiten in der Sparte für Industrielösungen und haben die Entscheidung des Aufsichtsrats am Dienstagabend wohl nicht begrüßt. Denn ihre Sparte beabsichtigt der Vorstand des Energietechnikkonzerns abzuspalten und irgendwann zu verkaufen.
Das Kontrollgremium segnete das Vorhaben ab, obwohl in den vergangenen Monaten die Arbeitnehmerseite dagegen war. Nun kann Siemens Energy mit den Vorbereitungen der rechtlichen Verselbstständigung der Sparte Transformation of Industry beginnen.
Ziel sei die Schaffung eines starken und unabhängigen Unternehmens für industrielle Energielösungen. „Wenn wir unsere Struktur nicht verändern, begrenzen wir die Möglichkeiten von Transformation of Industry“, ließ sich der Vorstandsvorsitzende Christian Bruch in der Mitteilung zitieren. Der derzeitige Investitionsschwerpunkt von Siemens Energy liege auf der Stromerzeugung und der Stromübertragung. „Dort erzielen Investitionen kurzfristig höhere Erträge“, begründete Bruch die Abspaltung.
Signifikante Minderheitsbeteiligung
Mit der künftigen Aufstellung will der Vorstand der Sparte für Industrielösungen mehr unternehmerische Flexibilität und zusätzliche Möglichkeiten für weiteres Wachstum eröffnen – von der Hereinnahme externer Investoren bis hin zu einer möglichen Kapitalmarkttransaktion. Siemens Energy beabsichtige, den Bereich zu „entkonsolidieren“ und gleichzeitig eine wesentliche Minderheitsbeteiligung zur Unterstützung der weiteren Unternehmensentwicklung beizubehalten.
Bis es zu einem Verkauf kommt, dürfte noch einige Zeit vergehen. Die Nachrichtenagentur Bloomberg hatte als mögliche Interessenten Beteiligungsgesellschaften genannt. Dazu zählten CVC, EQT, Bain Capital, Brookfield und KKR. Die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs unterstützt Siemens Energy in diesem Prozess. Die Sparte soll Bloomberg zufolge einen Wert von zehn Milliarden Euro haben.
Transformation of Industry kam im Geschäftsjahr 2024/25 (per 30. September) auf einen Umsatz von 5,7 Milliarden Euro. Damit ist die Sparte deutlich kleiner als die zuletzt so stark wachsenden Bereiche Gasenergie und Netzübertragung. Im Gasgeschäft betrug der Umsatz 2024/25 ungefähr zwölf Milliarden Euro und in der Netztechnik etwa elf Milliarden Euro. Zudem ist die Industriesparte weniger profitabel. Ihre Gewinnmarge soll im bald zu Ende gehenden Geschäftsjahr 2025/26 zwischen elf und 13 Prozent liegen.
Im Gasgeschäft erwartet der Vorstand dagegen eine Marge von 14 bis 16 Prozent und in der Netztechnik von 16 bis 18 Prozent. Die Industriesparte wird im Vorstand von Anne-Laure de Chammard verantwortet. Ihre Sparte hat in den ersten neun Monaten die Profitabilität gegenüber dem Vorjahreszeitraum von 11,4 auf 12,8 Prozent verbessert. Doch Bruch dürfte das nicht reichen, weil er das knappe Kapital den stärker wachsenden und profitableren Bereichen zuordnen will.
Gamesa unter Profitabilitätsdruck
Auch das Sorgenkind, die Windkrafteinheit Gamesa, setzt er unter Druck. In den kommenden Jahren will Bruch auf die Entwicklung der Profitabilität achten. Im dritten Quartal hatte Gamesa den ersten Gewinn seit dem Jahr 2022 erzielt. „Sollte die Sparte eine deutlich schwächere Rendite erreichen als unsere anderen Einheiten und wir keine Perspektiven für eine Besserung sehen, dann müssen wir uns natürlich Gedanken machen, ob und wie der Bereich dauerhaft ein Teil von Siemens Energy sein kann“, hatte Bruch in diesem Sommer deutlich gemacht. Bei Gamesa will er vor dem Jahr 2030 ein klares Bild haben.
Die Sparte Transformation of Industry wächst zwar, kann aber nicht mit dem Gasgeschäft und der Netztechnik mithalten. Das Gasgeschäft soll 2025/26 zwischen 16 und 18 Prozent den Umsatz steigern und die Netztechnik sogar zwischen 19 und 21 Prozent. Für die Industriesparte erwartet der Vorstand dagegen nur fünf bis sieben Prozent Umsatzwachstum.
Die Sparte versorgt Industrieunternehmen mit effizienten und nachhaltigen Energielösungen. Sie stellt unter anderem Dampfturbinen, Kompressoren und Anlagen für die Wasserstoffproduktion her. Kunden sind Unternehmen der energieintensiven Industrie, die sich klimaschonender aufstellen wollen. Für de Chammard steht die Industrie im Mittelpunkt der Energiewende.
