
Manchmal, dichtet die Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo, „lastet die Frage nach dem Erinnern / wie ein Haufen Bügelwäsche in der Ecke“. Was das Erinnern so gefährlich macht, dass sie sogar fürchten muss, sich dabei zu verbrennen, sei ihr „Kontakt mit kultivierten Menschen, / belesenen Menschen, / gut situierten Menschen“, die „keine Bedenken zeigen – kein Zögern, wirklich keine Scham – / im höflichen Gespräch – mit mir – rassistische Worte zu verwenden“.
Im Dezember 2022 hat Sharon Dodua Otoo diese Zeilen zu einer Straßenumbenennung in Berlins Afrikanischem Viertel geschrieben. Jetzt ist im Verlag S. Fischer der zweite Roman der Schriftstellerin aus Berlin erschienen, die 1972 als Tochter von Einwanderern aus Ghana in London geboren wurde, vor zehn Jahren mit ihrer erst zweiten in deutscher Sprache verfassten Erzählung beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt auftrat und gleich mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde. „So, in etwa, ist es geschehen“ ist ein Buch über Fragen des Erinnerns und über das schwierige Auskommen mit kultivierten Menschen ohne Zögern und ohne Scham.
Und es ist eine Provokation: In dem Roman ermordet eine Frau ohne Reue einen Mann, der ihr nichts getan hat, eine Afrodeutsche den Projektleiter des Wohltätigkeitsvereins „Essen für Afrika“, eine Mitarbeiterin ihren Chef. Sharon Dodua Otoo beginnt ihre Erzählung mit dem stolzen Geständnis ihrer Heldin Amata Haller, dann gibt sie ihr Raum für ihre Erzählung und Rechtfertigung. Und doch schafft Otoo es, weder die Tat zu entschuldigen noch die Täterin als Monster darzustellen. Auch Amatas Opfer, ihr Chef Heinz Brockhaus, ist kein Unmensch. „Er ist auf jeden Fall ein Guter“, sagt die Autorin im Gespräch über ihren Roman, das in voller Länge im Bücher-Podcast der F.A.Z. vom 26. April zu hören ist: „Er wäre selbst erschüttert, würde er mal aufhören zu reden und zuhören.“
„Ich habe ihm einfach zugehört“
Heinz Brockhaus hat seiner Mitarbeiterin Amata aufgedrängt, sie mit dem Auto von Berlin nach Timmendorfer Strand zu bringen. Dort will sie ihre Mutter wie jedes Jahr zum gemeinsamen Gedenken an ihren Großvater treffen – nicht an dessen Geburts- oder Todestag, sondern an dem Tag, an dem er in der Lübecker Bucht als einer von wenigen eines der schrecklichen Ereignisse in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs überlebt hatte: den irrtümlichen Angriff britischer Bomber auf die Cap Arcona, ein Schiff, in dem Tausende Häftlinge, vor allem aus dem KZ Neuengamme, zusammengepfercht waren. Brockhaus, ein so hilf- wie taktloser, ein übergriffiger, empfindlicher, verständnisbedürftiger Mann, hört gar nicht mehr auf zu reden auf der Fahrt, in der Hitze des Wagens, an einem Tag voller Pannen, die Amatas Weg zu ihrem ganz persönlichen Haufen Bügelwäsche des Erinnerns zusätzlich erschweren. Der ungewollt von einem Smartphone aufgezeichnete Monolog bildet den zweiten Schwerpunkt des Romans. Amata bleibt nur ein Weg, ihren Chef zum Schweigen zu bringen.
„Ich habe ihm einfach zugehört und abgetippt, was er mir erzählt hat“, sagt Sharon Dodua Otoo über ihren Heinz Brockhaus: Sie wisse wohl, dass er zuweilen lächerlich wirkt, dabei habe sie sich nicht über ihn lustig machen wollen. Wesentlich schwerer sei ihr die Perspektive von Amata gefallen: Sie sollte nicht einfach nur als angry black woman erscheinen, dann aber auch wieder nicht zu nett – und doch nett genug, um mit ihr zu fühlen. Und um die Unausweichlichkeit ihres Verbrechens zu verstehen, das Sharon Dodua Otoo mit dem Zitat aus einer Fernsehserie umreißt: „Jeder ist ein Mörder. Man braucht nur einen guten Grund und einen schlechten Tag.“
Was Deutschland ausmacht
Ihr sei davon abgeraten worden, diesen Roman zu schreiben, erzählt Otoo. Die Provokation ist ihr durchaus bewusst. Aber wer das Buch aufmerksam liest, hat es nicht leicht mit der eigenen Empörung. Manche würden Amatas Wut und Verzweiflung nachvollziehen können, stellt sich die Autorin vor, manche ihre Geschichte sogar – ähnlich, wie man es bei der Lektüre von Horrorgeschichten erleben mag – mit einer gewissen Erleichterung lesen, andere nicht verstehen, wie es nur so weit kommen konnte.
Wie ist es nun mit dem Erinnern, dieser ebenso drängenden wie störanfälligen Anstrengung? Sharon Dodua Otoo schickt ihre Heldin und deren unerbittliche Mutter Jahr für Jahr am 3. Mai ins Getümmel einer Strandpromenade, an der so gar nichts an die Tausenden Opfer vor inzwischen achtzig Jahren erinnert, die hier durch die Bomben oder im eisigen Wasser der Ostsee umkamen – oder von Einheimischen erschossen oder erschlagen wurden, wenn sie sich an den Strand retten konnten. Sie stellt ihrer Amata eine Schwester gegenüber, die verächtlich auf den symbolischen Akt von Straßenumbenennungen und die Ziele von Amatas eigener Aktivistengruppe schaut. Dabei braucht Deutschland Gedenkorte, Lernorte, Geschichte ist unvollständig ohne die afrodeutsche Geschichte. Doch die Stimmung in Deutschland werde immer enger, gefährlicher, bedrohlicher, sagt Otoo: „Uns wird sprichwörtlich die Luft zum Atmen genommen.“
Sie sieht ihr Schreiben, auch das Erfinden von Figuren und Geschichten, als literarische Erinnerungsarbeit. Wo das Deutsche nur das Wort glücklich kennt, macht das Englische mit happy und lucky den Unterschied zwischen Gefühl und Zuschreibung. „Ich weiß immer nicht genau, was ich sage, wenn ich glücklich sage“, sagt Sharon Dodua Otoo, auf jeden Fall sei sie glücklich, mit Geschichten, die sie bewegen, Teil der literarischen Erzählung dessen zu sein, was Deutschland ausmacht.
