Der deutsche Franziskanerorden hat ein Komplettversagen
im Umgang mit sexualisierter Gewalt eingeräumt. Bei der Vorstellung einer Aufarbeitungsstudie
bat Provinzialminister Markus Fuhrmann alle Betroffenen um Vergebung “für
die entsetzlichen Taten”. Ein Verschweigen solcher Verbrechen dürfe es nie
wieder geben.
In der wissenschaftlichen Studie ermittelten
Sozialpsychologen vom IPP-Institut mehr als 100 Betroffene sexualisierter
Gewalt seit 1945. Als Tatverdächtige seien 98 Ordensmänner namentlich
identifiziert worden. Dies entspreche bei einer Gesamtzahl von 2.500
Franziskanern im Betrachtungszeitraum einer Täterquote von vier Prozent.
Studienautor Peter Caspari sagte, das Dunkelfeld sei
“um ein Vielfaches größer”. Dazu gebe es weitreichende Hinweise. 75
Prozent der Betroffenen sind laut Studie männlich, die Mehrheit war zu
Tatbeginn zwischen 10 und 15 Jahre alt. Die meisten Übergriffe geschahen in
pädagogischen Einrichtungen. Laut dem Insititut ist ein Großteil der
Tatverdächtigen, in der Regel Ordensbrüder, bereits verstorben.
Kein einziges Strafverfahren
Für die Standorte Vossenack und Dorsten
(Nordrhein-Westfalen) Ottbergen (Niedersachsen) sowie Vlodrop in den
Niederlanden liegen der Studie zufolge Hinweise auf jahrelange sexualisierte
Gewalt an Jungen vor. Bei der Hälfte aller dokumentierten Fälle handle es sich
um schwere Gewalt.
“Es ist kein Fall bekannt, in dem ein Mitbruder
sexuellen Missbrauch aufdeckte”, sagte Caspari. Bis 2011 hätten sich
Ordensverantwortliche in keiner Weise für das Schicksal Betroffener
interessiert. Bis 2010 sei auch kein einziges Strafverfahren oder eine
kirchenrechtliche Sanktion proaktiv veranlasst worden. Insgesamt habe der
Prozess der Aufarbeitung “viel zu spät” begonnen.
Als begünstigende, ordensspezifische Faktoren für die
Übergriffe werden in der Studie unter anderem der Umgang mit Gehorsam und
Keuschheit, eine ungeklärte Sexualität, psychische und physische Erkrankungen
sowie ein früher Ordenseintritt genannt. Sexualisierter Gewalt im Orden sei bis
in die 2010er-Jahre verleugnet worden. Die Folgen für die Betroffenen sind
gravierend: Viele hätten, zum Teil lebenslang, mit psychischen
Folgeerkrankungen zu kämpfen.
Betroffene sprechen von Verantwortungslosigkeit
Die Studie sei mehr als überfällig gewesen, sagte der Betroffenenvertreter
Peter Krosch. Er hatte als Kind in Vossenack in Nordrhein-Westfalen, wo die
Franziskaner ein Gymnasium und ein Internat betreiben, in den 1970er- und
1980er-Jahren sexualisierte Gewalt erlebt. Der Ordensleitung warf er zeitliche
Verschleppung, eine jahrelange Vertuschungspraxis und Wegducken vor. “Diese
Verantwortungslosigkeit eines ganzen Systems nun schwarz auf weiß noch einmal
nachlesen zu können, macht mich noch immer fassungslos.”
Alle Ordensangehörige hätten zu seiner Zeit in Vossenack von
den Taten gewusst, “die Übergriffe waren immer Thema unter uns Jungs” im
Internat, sagte Krosch. Achim Görke, ebenfalls Betroffener in Vossenack in den
1970er Jahren und Mitglied der Begleitgruppe für die Studie, sagte, er habe 50
Jahre gebraucht, um über das Erlebte sprechen zu können. Die Studie sei für ihn
eine wichtige Stütze, um zu wissen, dass er nicht allein sei. Die Schilderung
der Fälle in Vossenack nehmen 60 der insgesamt 450 Seiten starken Studie ein.
Orden kündigt weitere Maßnahmen an
Die Studie sei kein Abschluss, sondern ein entscheidender
Schritt im Prozess der Aufarbeitung, sagte Fuhrmann weiter. Mithilfe der
Studienergebnisse sollen “weitere Maßnahmen” entwickelt und umgesetzt werden,
um Machtmissbrauch und Übergriffe zu verhindern oder bei Übergriffen
entsprechend einzugreifen.
Der Franziskanerorden, der sich auf den Heiligen Franz von
Assisi beruft, ist laut eigenen Angaben mit rund 13.600 Mitgliedern der
weltweit drittgrößte Orden der katholischen Kirche. In Deutschland leben rund
200 Franziskaner in mehr als 20 Klöstern. Hauptsitz der Deutschen
Franziskanerprovinz ist München.
