Wer sich von der Innenstadt Roms Richtung Südwesten aufmacht, Wohngegenden, Büroviertel, Industriegebiete und Schnellstraßen hinter sich lässt, stößt am Rande der italienischen Hauptstadt im Stadtteil Corviale auf eine architektonische Ausnahmesiedlung: den Serpentone. Wie eine ausgestreckte Riesenschlange zieht sich der neunstöckige Wohnkomplex über einen Kilometer hin: graue Fassade, nackter Beton und schmale Fensterbänder an einem Haus, das fünf verschiedene Bushaltestellen braucht. Serpentone ist Europas längstes Wohnhaus – und einer seiner größten Sanierungsfälle.
Es ist ein Sommertag im Ferienmonat August, die Busse bleiben weitgehend leer. Die Fahrer halten an der Endstation und machen Pause in der Kneipe namens „Panoramica 2000“. Wendet man die Augen von dem Betonkoloss ab, eröffnet sich ein überraschend schöner Panoramablick auf die Wälder und Felder der Region Lazio. Drinnen in der Bar gibt es Bier und vertrocknete Frühstückshörnchen. „Wir können Ihnen auch eine Pizza in den Ofen tun“, bietet der junge Mann hinter der Theke an. Wie viele seiner Gäste wohnt er selbst in dem Riesenbau und erzählt etwa, welche Aufzüge gerade funktionieren und welche kaputt sind.
Vor der Kneipe entlang der monströsen Fassade der Riesenschlange weht eine frische Brise. Die Grillen zirpen, irgendwo kräht ein Hahn. Ein schöner Blumengarten ziert den Fußgängerweg an der Straße Marino Mazzacurati, benannt nach einem Maler und Bildhauer. In einem Glaskasten warten gebrauchte Bücher auf neue Leser. Die Idylle hat allerdings ihre Grenzen. Die Umgebung wird immer ungepflegter, je näher man dem Sozialbau kommt. Müllreste unter den Bänken vor dem „Lotto uno“, der Parzelle eins, nehmen ebenso zu wie die Graffiti. Zettel mit Ankündigungen längst vergangener Veranstaltungen vergilben an den Wänden.
Friedliche Natur drum herum
Der Serpentone stammt aus den Siebzigerjahren, als Architekten, inspiriert von Le Corbusiers Unité d’habitation, im sozialen Wohnungsbau vor allem mit dem Betonmischer experimentierten und Großbauten entwarfen, die in sich wie kleine Städte funktionieren sollten. Sie suchten nach einer neuen Ordnung als Kontrapunkt zum chaotischen und ungeregelten Wohnungswachstum des privaten Marktes. Um dies zu erreichen und die Baukosten niedrig zu halten, setzte man auf komplette Standardisierung.

Der Architekt Mario Fiorentino hatte den Komplex als Antwort auf Wohnungsnot, Bevölkerungswachstum sowie illegale und verstreute Siedlungen in Rom entworfen. Im Serpentone liegen Wohnungen an langen inneren Fluren, die um offene Schächte herumführen und den Blick bis auf den Grund freigeben. Die Wohnungen, die zwischen 70 und 130 Quadratmeter groß sind, waren in der Spitze für vier bis fünf Personen ausgelegt. Anfangs lebten 8500 Menschen hier. „Es ist das größte Sozialbauprojekt, das jemals in Italien gebaut wurde“, sagt die Architektin Sara Braschi, die im Auftrag einer römischen Universität die Entwicklung der Siedlung studiert.
Verfall und Zusammenhalt
Was ist aus den hehren Zielen von damals geworden? Auf Bänken in der Nähe eines Aufzugsschachtes sitzen ein paar Bewohner und plaudern. Eine ältere Dame mit Krücke erzählt, dass „es sich hier eigentlich gut leben lässt“. Sie wohnt schon seit den achtziger Jahren in der Siedlung. Die Luft sei besser als in der Innenstadt, einiges habe sich zuletzt gebessert: Vier Buslinien führten nun hierher, eine Krankenstation mit ärztlicher Vertretung, eine Apotheke und ein Einkaufszentrum haben aufgemacht, und ein sehr aktives Seniorenzentrum gebe es auch. Eine andere Dame, die ihren Hund ausführt, fügt hinzu, dass unter den Bewohnern viel Hilfsbereitschaft herrsche. „Ein Freund in der Innenstadt erzählt mir, dass sie sich in seinem Mietshaus überhaupt nicht kennen.“ Immer mal wieder legen die Bewohner auch selbst Hand an, räumen Abfall weg oder übermalen Graffiti.
Sie fühle sich auch sicher, ergänzt die Dame mit der Krücke – „die Katastrophenberichte in den Medien stimmen nicht“. Früher hätten sie hier mit Drogen gehandelt, doch das sei längst vorbei. In der Tat fühlt man sich in der Gegend auch als Besucher nicht bedroht. Von den typischen jungen Spähern etwa, die im Auftrag von Drogenbanden sozial brenzlige Siedlungen überwachen, ist hier nichts zu sehen. Vielleicht auch, weil sich eine Polizeistation genau auf mittlerer Höhe des Serpentone-Baus befindet. „In anderen Gegenden wie Tor Bella Monaca im Osten von Rom ist die Lage viel schwieriger“, berichtet Federico Ricci, ein Soziologe, der für die Stadt Rom arbeitet.
Wie aber sieht es im Inneren aus? In der Parzelle eins geht man durch eine Gasse voller verbeulter Briefkästen auf die Aufzüge zu. Als sich eine Lifttür öffnet, wehen unangenehme Gerüche. Die Scheibe einer Tür ist eingeschlagen, zwei von vier Aufzügen sind defekt. Die Spiegel im Inneren sind zerkratzt oder vollgeschmiert. In den oberen Stockwerken pfeift der Wind durch offene Flure. Tauben versucht man vergebens durch löchrige Netze fernzuhalten. Die Schächte, um die man die Wohnungen gebaut hat, nutzen manche offenbar als Abfallgrube. Unten liegen aufgerissene Müllsäcke, alte Kleider, ein Fahrrad, eine Matratze.

Blumentöpfe und Gartenzwerg als Gegenwehr gegen Eintönigkeit
Die gelb gestrichenen Wände, die nur von den dunklen Wohnungstüren unterbrochen werden, strahlen eine beklemmende Monotonie aus. Baulich könnte die Riesenschlange an Prora auf der Insel Rügen erinnern, jenes gigantische Ferienheim von Hitlers Organisation „Kraft durch Freude“. Hier in Rom ging es einst jedoch nicht um Urlaubsunterbringung und schon gar nicht um Nazi-Ideologie, sondern um den als progressiv verstandenen Versuch, im Sinne Le Corbusiers eine effiziente Wohnmaschine zu schaffen. Der ursprüngliche Wohnraum bot eine höhere Qualität als die Baracken, in denen viele Familien zuvor gelebt hatten. Der Preis dafür war jedoch Standardisierung und Gleichförmigkeit. Auf einem Flur hat jemand ein Stück Gartenzaun vor seine Wohnung montiert; ein anderer Mieter versucht es mit Gartenzwergen, Blumentöpfen oder einer Glastür. Es ist eine gut gemeinte Gegenwehr gegen die übermächtige Eintönigkeit. Sie wirkt trostlos, weil die Architekten sie derart in die Länge gezogen haben.
Nach dem Rundgang durch die Riesenschlange ist man froh, wieder draußen zu sein. Der Kontrast zur Umgebung könnte kaum größer sein. Ein paar Meter von dem Betonriesen entfernt befindet sich etwa ein Fußballverein mit einem nagelneuen Klubhaus und drei leuchtend grünen Fußballfeldern. Stars der römischen Profiklubs und auch der Staatspräsident Sergio Mattarella schauten hier schon vorbei, denn es handelt sich um ein Sozialprojekt. Jungs und Mädchen sollen nicht nur Fußball spielen lernen, sondern auch Fairness und Teamgeist. Damit würden sie laut der Werbebotschaften zu „intelligenteren und bewussteren Erwachsenen“ heranwachsen. „Miracoli F.C.“ nennt sich der Klub, als wolle er soziale Wunder herbeizwingen.
Mehr als 100 Millionen Fördergeld von der EU
Unterstützt von EU-Geldern hat sich die Kommunalverwaltung in den vergangenen Jahren heftig ins Zeug gelegt. Zwei nahe liegende Parks, einer davon in einem Naturschutzgebiet, wurden neugestaltet. Ein Zentrum für Unternehmensgründer entstand ebenso wie ein Bürgerzentrum für insgesamt knapp 13 Millionen Euro. Räume für Künstler und ein Amphitheater sowie eine Bibliothek wurden renoviert, und ein Flügel des Sozialwohnungskomplexes erhielt eine effizientere Energienutzung.
Insgesamt bekam die Stadt Rom für solche Arbeiten aus dem während der Pandemie lancierten europäischen Wiederaufbauplan knapp 58 Millionen Euro. Zudem investierte die Sozialbauverwaltung der Region Lazio, Ater, weitere 50 Millionen Euro aus dem EU-Wiederaufbauplan in neue Fenster und Isolierungsmaßnahmen der übrigen Wohnungen. Die Stadt Rom, die Region und vor allem Europa investierten alles in allem die hohe Summe von 118 Millionen Euro in die Renovierungsarbeiten.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Eine besondere Rolle spielte dabei immer das vierte Stockwerk. Soziale, kommerzielle und kulturelle Angebote, die aus einer Schlaf- eine Wohnstadt machen, sollten dort ursprünglich untergebracht werden. Doch Geschäfte und Treffpunkte kamen nie. Das Umfeld war nicht attraktiv genug, und die italienische Bürokratie machte es ihnen nicht leicht. Nach und nach bemächtigten sich stattdessen neue Bewohner dieser Flächen, mauerten Wände, zogen Türen ein und hofften, durch diese Besetzung eines Tages reguläre Mieter werden zu können.
Die Zahl der Bewohner ist drastisch gesunken
Das ist inzwischen geschehen – nach vielen Jahren. Die Verhältnisse im vierten Stockwerk sind heute weitgehend legalisiert. Wohnungen wurden geprüft und renoviert. Und nach Angaben der Behörden haben die Bewohner auch Geld nachgezahlt, um ihre Besetzung nachträglich vergessen zu machen. Wie viel, bleibt ihr Geheimnis.
Schnell ging es nie zu in Corviale. Der Bau des ganzen Wohnkomplexes brauchte mehr als sieben Jahre, bis 1982 die ersten Mieter einziehen konnten. Eine Grundschule mit zusätzlichen Mittelschulklassen war mehr als elf Jahre geschlossen, bevor sie nach einer umfassenden Sanierung im September 2022 wieder eröffnet wurde.
Während das Angebot im Umfeld wuchs, wurde die Zahl der Bewohner indes kleiner. Nach vierzig Jahren hat sie sich mehr als halbiert. Heute leben geschätzt nur noch 3500 bis 4000 Menschen hier. Das ist nicht mit Wegzug aus Abneigung zu erklären, sondern mit der demographischen Entwicklung hin zu kleineren Familien und Singlehaushalten. „Die Wohnungen sind in der Spitze für vier bis fünf Personen ausgelegt, doch diesen Stand erreicht man schon lange nicht mehr“, sagt Architektin Braschi.
Manche zahlen gar keine Miete
Ein Grund fürs Bleiben sind die niedrigen Mieten. Sie kosten maximal etwa 500 Euro, können aber auch nur neun Euro im Monat betragen, je nach Einkommens- und Vermögenslage der Einwohner. Dennoch seien sieben von zehn Mietern mit der Miete oder den Nebenkosten säumig, berichtet die Wohnungsorganisation Ater. Nicht wenige würden gar keine Miete zahlen.
Alle paar Jahre verschickt die Sozialbehörde Briefe, damit die Bewohner ihre Wohnschulden begleichen. Mieterverbände und Gewerkschaften gehen dann regelmäßig auf die Barrikaden. Der Sturm legt sich daraufhin meist schnell wieder. Herausgeworfen wird aus dem Serpentone niemand. Ob zu Recht oder nicht, die Siedlung gilt schon als unterste Stufe. „Es sind noch viele Bewohner der ersten Stunde da“, berichtet die Architektin Braschi. Manche haben das Wohnrecht an ihre Kinder weitergegeben.
Marco Palma, ein Lokalpolitiker von Melonis Regierungspartei Fratelli d’Italia, der sich angesichts der Mitte-links-Mehrheit der Stadtverwaltung in der Opposition sieht, hält mit Kritik nicht hinterm Berg. Man müsste grundsätzlich über einen Neuanfang nachdenken, findet er. „Seit Jahrzehnten investiert die Politik öffentliche Gelder in eine Wohnsiedlung, die bereits 15 oder 20 Jahre nach ihrem Bau gesellschaftlich überholt war.“ Sein Vorschlag lautet, Justizbehörden aus verschiedenen Stadtteilen in der Siedlung unterzubringen und die Bewohner in umliegende Sozialwohnungen umzusiedeln, die sie auch kaufen dürften. Woher der zusätzliche Wohnraum kommen solle, erschließt sich allerdings nicht auf Anhieb. Ans Abreißen und Neubauen hat indes niemand ernsthaft gedacht. Wo sollte man all die Leute in der Zwischenzeit unterbringen, fragt die Sprecherin von Ater. Stattdessen wurde die Fassade unter Denkmalschutz gestellt, obwohl sie eigentlich nur viel Banalität ausstrahlt.

Der Serpentone als Sinnbild problematischer Großwohnsiedlungen
Der Lokalpolitiker Palma kritisiert auch die fehlende Sauberkeit. „Wir erleben systematische Reinigungen immer nur dann, wenn Behördenvertreter zu Besuch kommen.“ Einige Mieter, die aus Lagern der Roma stammten, würden sich nicht an die nötigen Standards halten, schimpft der rechte Politiker obendrein.
Wie auch immer die politischen Gruppierungen von links oder rechts die Lage einschätzen: Der Serpentone ist wegen seiner Größe, seiner Isolation sowie baulicher und sozialer Probleme zum Sinnbild problematischer Großwohnsiedlungen geworden. Heute versucht man, mit viel Geld die architektonischen Sünden der Vergangenheit vergessen zu machen, indem das Umfeld eine maximale Aufwertung erfährt. Der Koloss aus Beton bleibt als Kern des Problems bestehen.
