Als Lindy (Elizabeth Banks) morgens mit Höllenkopfschmerzen aufwacht, fühlt sich irgendwie alles anders an und trotzdem fatal vertraut. Das könnte am Alkohol liegen. Oder am emotionalen Kater, der vom Streit in der nie benutzten Showküche mit ihrem Ehemann übrig geblieben ist. In Betrieb ist hier bloß der Weinkühlschrank. Oder daran, dass sie selbst jetzt die Größe eines Martiniglases hat, 15 cm Höhe, um präzise zu sein.
Ihr Ehemann, der selbst ernannt geniale Wissenschaftler Les Littlejohn (Matthew Macfadyen), hat sie geschrumpft. Am Rückverwandlungsverfahren arbeitet er noch. Und nein, das ist keine Metapher. Obwohl es selbstredend auch eine Metapher sein soll in der Gesellschaftskomödie „The Miniature Wife“ nach der Kurzgeschichte von Manuel Gonzalez. Aus Versehen hat Les seine Frau verkleinert, beziehungsweise als Kollateralschaden auf dem Weg zum Nobelpreis. Also vorsätzlich? Große Männer, Männer wie Elon Musk, Alexander Karp oder Warren Buffet, Männer, wie sie als potentielle Paarungspartner in einer Excelliste sortiert bei Les’ neuer Ko-Laborleiterin auftauchen, können eben auf die Größe ihrer Partnerin keine Rücksicht nehmen.
„Mein Regenbogen beginnt mit Schwarz“
Bei den Littlejohns spielte sich in den vergangenen 15 Jahren, über die uns die Serie von Jennifer Ames und Steve Turner in ausgedehnten Rückblenden informiert, der Klassiker ab: Je größer er wurde, je wichtiger er sich nahm, schließlich meinte, durch seinen Erfindungsgeist das Welthungerproblem zu lösen, umso mehr verschwand sie in seinem Schatten. In den Augen der anderen wurde sie zu „Lady Tomate“, denn seinen einzigen nennenswerten Erfolg hatte Les als Züchter eines robusten (aber geschmacklosen) Nachtschattengewächses. Sein Projekt, Maiskolben zu minimieren und am Ort des Verzehrs wieder zu vergrößern, steckt noch in den Kinderschuhen – und kurz vor der Pleite. Falls ein großkotziger, aber höchst kindischer Investor das Mega-Experiment nicht weiter finanziert.
Inzwischen feiern, noch vor der physischen Verkleinerung, Lindy und Les im Restaurant den erfolgreichen Abschluss ihrer Paartherapie, wie jedes Jahr. Als Zeichen wollen sie ihr Ehegelübde erneuern. Er stellt in Aussicht, nach anderthalb Dekaden in der Provinzhölle endlich wieder nach New York zurückzuziehen. Lindy hatte eigentlich nur eingewilligt, für zwei bis drei Jahre nach St. Louis zu ziehen, wegen seiner Arbeit, und ihre Karriere so lange auf Eis zu legen. Nun schreibt sie, die Pulitzerpreisträgerin, kein Wort mehr. Was ist auch ein One-Hit-Wonder-Roman, ein autofiktionaler Erguss wie ihr Bestseller „Mein Regenbogen beginnt mit Schwarz“ gegen die Lösung der Menschheitsprobleme?
Während des jährlichen Charity-Empfangs in der Littlejohn’schen Protzvilla kurz vor Weihnachten kommt es zum Eklat. Der „phantastische Les“, der eine Auktion seiner Memorabilia veranstaltet, versteigert nicht nur sein Physiker-Diplom, sondern auch seine John-Cougar-Mellencamp-Klettbörse, in der noch sein Highschool-Ausweis steckt. Im Nebensatz erfährt man, dass er es am MIT nicht geschafft hat. Matthew Macfadyen gibt ihm die hektische Energie eines von der eigenen Bedeutung Berauschten, aber innerlich Verzwergten, der gegen die Welt und insbesondere gegen seine Frau kämpft. Bei der letzten Charity-Party hat Lindy sich daneben benommen, als sie im Pool zeigen wollte, wie Les über Wasser läuft.
Hat er also seine Frau nur aus Versehen verkleinert und hält sie nun in einem angeblich zu ihrer eigenen Sicherheit abgesperrten Puppenhaus, damit sie nichts Komisches mehr machen kann? Wenn es ein Versehen gewesen ist und kein Experiment oder der Versuch, totale Kontrolle zu bekommen, warum hat er dann lange vorher ihre Kleidung geschrumpft, ist der Mini-Kühlschrank voll mit edlen Mini-Miniaturtropfen und hängen überall im Puppenhaus Post-its mit Anweisungen?
„The Miniature Wife“ ist eine über weite Strecken überdramatisierte Ehekomödie, will aber noch viel mehr sein als das und ist am Ende nichts von allem so richtig. Beabsichtigt ist ein Zeitporträt, eine aktuelle Version der „Comedy of Manners“, mithin Sittenkomödie oder Gesellschaftskritik im satirischen Brennglas. Leider wirkt die Serie wie eine Jane-Austen-Aktualisierung mit durchgedrücktem Gaspedal. Die inhaltliche Verbreiterung der Handlung mit ihren nach Aufmerksamkeit schreienden Nebensträngen, ihrer Wissenschaftshybris-Kritik und der Kritik des New Yorker Verlagswesens führt dazu, dass für das Unterfangen, Machtverhältnisse in der Ehe auf den satirischen Punkt zu bringen, kaum Raum bleibt.
Man kann sich natürlich allerhand dazudenken: Ibsens „Nora oder Ein Puppenheim“, „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift, die Zimmerschlachten in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“. Wer in solcher Anschlussfähigkeit eine Tugend sieht, mag über die Längen der zehn Folgen hinwegsehen und darüber, dass Banks und Macfadyen schauspielerisch unterfordert sind. Man sieht nur in wenigen Momenten, was in dem Weltretter-Großkotz Les steckt: ein Minimann. Als er in der Rückblende bei Lindys Pulitzerpreisrede mit ihrer Tasche auf dem Schoss dasitzt und sie das Lob ihres Ehemanns glatt vergisst, entgleisen seine Gesichtszüge. Kurz darauf bemerkt sie ihren Fauxpas und holt die Würdigung nach. Wie ein Gesicht von jetzt auf gleich in den Erfolgsmodus geknipst werden kann, so etwas kann Macfadyen großartig zeigen.
Banks hingegen muss in ihrer Verzwergung wüten, mit Gegenständen werfen und als martiniglasgroße Ninja-Warriorin Fliegenmonster erlegen. Mehr und mehr verpuffen die Spezialeffekte. Als verrückter Professor im Labor à la Jerry Lewis ist Macfadyen nur halb so beeindruckend wie als Möchtegern-Machtmensch. Als ausrastende Mini-Ehefrau wirkt Banks eindimensional. Irgendwann fordert sie schreiend: „Keine Metaphern mehr!“ Da haben wir leider schon die Lust verloren an diesem verschenkten Geschlechterkampf.
The Miniature Wife läuft von Donnerstag an bei Sky Atlantic und Wow.
