Im Schatten der Bäume bahnt sich Mulugeta Kenea den Weg durch seinen eigenen kleinen Wald. Vor fünf Jahren hat er die ersten Kaffeesetzlinge gepflanzt, inzwischen überragen ihn die Bäume um einen halben Meter. Immer wieder verfangen sich ihre Zweige in seinem blau karierten Hemd. An den meisten Sträuchern hängen schon keine Früchte mehr. Die Erntezeit geht zu Ende.
Jede Kaffeekirsche haben Kenea und seine Familie in den letzten Wochen per Hand gepflückt. Jetzt fehlen ihnen nur noch einige Sträucher, an denen sich Zweige unter der Last Hunderter hellroter Früchte biegen. Mit seiner Frau Mulu Tashome beginnt er in geübten Bewegungen, Kirsche um Kirsche in den Korb am Boden zu legen.
Von allein wäre Kenea nie auf die Idee gekommen, Kaffee anzupflanzen. Dabei ist Äthiopien dafür bekannt. Das Land gilt als Ursprungsland. Doch Kenea kommt aus Nono Benja im Westen Äthiopiens, das nicht zu den traditionellen Kaffeeregionen gehört. Anders als zum Beispiel Kaffa, wo im neunten Jahrhundert ein Hirte den ersten Kaffee entdeckt haben soll.
Mais und Hirse ernährten Keneas Familie nicht
Kenea setzte lange auf Monokulturen wie Mais und Hirse. Die Ernte hat nie ausgereicht, um seine Frau und seine sechs Kinder zu ernähren. Erst recht blieb nicht genug, um etwas auf dem Markt zu verkaufen. „Das war immer unsere größte Herausforderung“, sagt Kenea. „Die Arbeit, die wir in die Felder investiert haben, hat sich nie ausgezahlt.“ Extremes Wetter wie Dürren oder Schneefall beeinflussten die Ernten.

Kenea muss die Hände über den Kopf heben, um die Kaffeekirschen oben am Strauch zu erreichen. Nur stellenweise schaffen es Sonnenstrahlen durch das Dickicht der Bäume, die zwischen den Pflanzen hochragen. Akazien, afrikanische Kordien, Mango- und Papayabäume schirmen Kenea und Tashome von der Sonne ab. Draußen steigt die Temperatur seit den Morgenstunden. Sie hat die 30-Grad-Marke überschritten. Doch der Schatten der Bäume sorgt für angenehme Temperaturen.
Das kommt nicht nur Kenea zugute, sondern in erster Linie dem Kaffee. In Äthiopien wächst fast ausschließlich die Kaffeesorte Arabica. Sie ist besonders hitzeempfindlich und auf Schatten angewiesen. Ursprünglich wuchs sie deshalb in Wäldern. Wer sie gezielt anbauen möchte, muss erst Bäume pflanzen. Keneas und Tashomes eigener kleiner Wald ist dafür ein Beispiel.
Nach zwei Jahren deutlich mehr Verdienst mit Kaffee
Als die Nichtregierungsorganisation Menschen für Menschen auf Kenea zukam und ihm aufzeigte, wie viel Geld er mit Kaffee verdienen könnte, war er skeptisch. Kaffee braucht zwei Jahre vom Setzling bis zur ersten Bohne. Für den Subsistenzbauern eine Herausforderung. Wovon sollte er in der Zwischenzeit seine Familie ernähren? Aber er war bereit: „Nach zwei Jahren verdiente ich viel mehr Geld als je zuvor.“
Früher lebte die Familie von etwa acht Euro im Jahr, heute sind es rund 1600 Euro. Kenea kann nicht nur den Kaffee verkaufen, sondern auch Mangos und Papayas, die an den Obstbäumen dazwischen wachsen. Die Einnahmen reichen, um Lebensmittel zu kaufen, seine Kinder zur Schule zu schicken und Geld anzusparen.

Kaffee gilt in Äthiopien als Gelddruckmaschine. Wenn Kenea die getrockneten Kaffeekirschen auf dem nächsten Markt verkauft, werden sie wahrscheinlich ins Ausland exportiert. Äthiopien ist der drittgrößte Produzent für Arabica-Kaffee auf der Welt, mehr als ein Drittel aller Deviseneinnahmen stammen aus dem Kaffeeexport. Größter Abnehmer: die Europäische Union, allen voran Deutschland. Zumindest noch. Denn mit der EU-Entwaldungsverordnung sollen Ende des Jahres Regeln in Kraft treten, die Kaffeekleinbauern wie Kenea zurück in die Subsistenzwirtschaft drängen könnte.

Eine Brüsseler Abgeordnete tritt für Entwaldungsverordnung ein
5000 Kilometer Luftlinie von Nono Benja entfernt sitzt Christine Schneider in ihrem Abgeordnetenbüro in Straßburg. Von der warmen äthiopischen Sonne spürt sie an diesem verregneten Tag nichts. „Normalerweise habe ich eine wunderschöne Aussicht auf den Straßburger Münster“, sagt Christine Schneider. Die Videokamera erfasst nur die kahle, weiße Wand hinter ihr.
Doch Schneider lässt sich nicht die Laune verderben und freut sich an kleinen Dingen: „Ich sitze an meinem wunderschönen Holzschreibtisch.“ Zu Holz, sagt sie lächelnd, hatte sie schon immer eine besondere Beziehung. Sie stammt aus Landau, ist 54 Jahre alt und gelernte Tischlerin. Heute hat sie eine zentrale Rolle in den Neuverhandlungen um die EU-Entwaldungsverordnung: „Ich wollte schon immer illegale Entwaldung dort bekämpfen, wo sie tatsächlich stattfindet.“
Mit der Entwaldungsverordnung sollen nur noch Produkte in die EU importiert werden, für deren Anbau in den vergangenen Jahren kein Wald gerodet wurde. Mit Geolokalisation müssen Bauern und Landwirte die Position ihrer Felder erfassen. Satellitenbilder zeigen, ob vor dem Stichtag 31. Dezember 2020 auf der gemeldeten Fläche noch Wald stand. Das gilt auch für Kakao, Kautschuk, Rind, Palmöl, Soja – und Kaffee.
Unzufriedenheit mit dem Gesetz auch im EU-Parlament
Ursprünglich hätte das Gesetz schon 2024 in Kraft treten sollen. Mehrfach wurde es verschoben. „Es hat seinen Fokus aus dem Blick verloren“, sagt Schneider. Seit sieben Jahren sitzt die CDU-Abgeordnete im Europäischen Parlament, vorher war sie über 20 Jahre Mitglied im rheinlandpfälzischen Landtag. Die Entwaldungsverordnung verfolgte sie von Beginn an. Erst sollten statt Händlern und Produzenten alle Zwischenhändler entlang der Lieferketten dokumentieren. Die Folge: ein hoher Bürokratieaufwand und eine schier unüberwindbare Menge an Nachweisen.

„Einer der größten Webfehler dieses Gesetzes war es, dass wir keine ordentliche Gesetzesfolgenabschätzung hatten“, sagt Schneider. Der Starttermin verschob sich, Überarbeitung der Verordnung. Dieses Mal mit Schneider als Berichterstatterin der Europäischen Volkspartei (EVP). Ihr sind die Anliegen von Kleinbauern länger bekannt.
„Bei Produkten wie Kakao und Kaffee sind wir auf Importe aus ärmeren Ländern angewiesen. Doch die Kleinbauern dort werden mit Dokumentationspflichten zunichtegemacht. Das dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren“. Sie setzt sich dafür ein, dass nur noch Erstinverkehrbringer, also Händler und Importeure mit Sitz in der EU, Nachweise übermitteln müssen. „Damit soll die nachgelagerte Lieferkette entlastet werden“, sagt sie. Also zum Beispiel Kaffeekleinbauern wie Mulugeta Kenea.
Technische Anforderungen an Kleinbauern sind hoch
Ob das wirklich so passiert, stellen Experten infrage. Wahrscheinlicher ist es, dass Händler die Bringschuld für die Nachweise auf den Nächsten in der Lieferkette abwälzen. Bis die Kleinbauern darauf sitzen bleiben. In Äthiopien wird Kaffee von schätzungsweise 4,3 Millionen Kleinbauern auf Flächen von durchschnittlich weniger als einem Hektar produziert. Sie alle müssten ihre Felder mit Geolokalisation messen. Aber nur die wenigsten haben die Mittel dafür.
Die EU verspricht, dass Kleinbauern dafür nur ein GPS-fähiges Smartphone bräuchten. Für Mulugeta Kenea wäre das keine große Hilfe. Er besitzt weder ein Smartphone, noch hat er auf seinem Hof Internet oder Mobilfunk. Erschwerend kommt hinzu: Kenea begann früh, auf dem Feld seines Vaters zu arbeiten, ging nie zur Schule. Er hat nie Schreiben und Lesen gelernt.
Für Christine Schneider ist die Situation der Kleinbauern exemplarisch. „In der Theorie klingt die Entwaldungsverordnung schön, in der Praxis funktioniert sie einfach noch nicht.“ Momentan prüft die Europäische Kommission, wie Betriebe und Händler entlastet werden können. Noch im April muss sie Ergebnisse vorlegen. „Es gibt viele offene Fragen, uns fehlen an vielen Stellen Lösungen.“
Äthiopische Regierung bemüht sich um Unterstützung
Den äthiopischen Landwirten rät Schneider, sich an ihre Händler zu wenden und um Hilfe zu bitten. Das können Kaffeekooperativen sein, die Ernten der Kaffeekleinbauern sammeln, vermischen und exportieren. In Äthiopien sind nur schätzungsweise zehn bis zwanzig Prozent der Kaffeekleinbauern in solchen Kooperativen. In anderen Fällen helfen NGOs und Entwicklungsinitiativen.

Auch die äthiopische Regierung versucht, die Nachweise zu erbringen, ist sich aber bewusst: Das wird noch länger dauern. Laut dem äthiopischen Staatsminister für Landwirtschaft und Natürliche Ressourcen Eyasu Elias wurden bis Dezember 2025 erst 22 der 63 Kaffeeregionen erfasst.
Das mag auch an innenpolitischen Konflikten und der ländlich geprägten Infrastruktur liegen. Wer die Hauptstadt Addis Abeba verlässt, lässt schnell die breiten, mehrspurigen Boulevards mit ihren Wolkenkratzern und Parks hinter sich. Auf dem Weg nach Nono Benja weicht der Asphalt bald einer befestigten Schotterstraße. Die Schlaglöcher in der roten Erde drosseln das Tempo, für 150 Kilometer braucht man fünf Stunden. In wenigen Jahren könnte es hier anders aussehen. Äthiopien verändert sich rasant, im Land wird gebaut. Viele Lastwagen chinesischer Baufirmen stehen am Straßenrand.
China und Saudi-Arabien sind attraktive Abnehmerländer
Nono Benja liegt inmitten des Abessinischen Hochlands. An den höchsten Punkten reicht der Blick kilometerweit über grüne Hügel und Wälder. In manchen wächst Kaffee, in seiner ursprünglichen Form. Hier hat ihn niemand gezielt angebaut, er wächst unter dem Schatten hoher Bäume wild. In den meisten Anbaugebieten stellt die Entwaldungsverordnung Kleinbauern vor einen Widerspruch: Für ihren Kaffeeanbau entwalden sie keine Gebiete, sie forsten auf.
Aber weil sie das nicht nachweisen können, fällt die EU bald als Absatzmarkt weg. Das Risiko, auf dem Kaffee sitzen zu bleiben, ist für die meisten zu hoch. Statt auf Lösungen aus Europa zu warten, suchen sie nach neuen Partnern. Idealerweise solche, die keine Bedingungen stellen: China oder Saudi-Arabien, wo die Nachfrage nach Kaffee stetig wächst.
Ist es also möglich, dass sich die EU mit ihrem Gesetz wirtschaftlich isoliert? Ein wunder Punkt für Christine Schneider, ein Szenario, das die EU-Abgeordnete umtreibt. Die Verordnung könnte dazu führen, dass die illegale Entwaldung gar nicht eingedämmt wird, weil Produkte einfach auf anderen Absatzmärkten vertrieben werden, Abholzung inklusive.
Auch deutsche Mittelständler sollen keine Nachweise erbringen
Stattdessen würden Industrie und Betriebe innerhalb der EU Schaden nehmen und die Preise für Kaffee, Kakao und Co. weiter steigen, fürchtet Schneider. „Wir dürfen uns in Europa nicht so abhängig machen, dass Länder uns die Zusammenarbeit absagen.“ Die Entwaldungsverordnung müsse praktikabel sein, betont sie häufig in der Presse. Umsetzbar soll sie vor allem auch für deutsche Betriebe sein. Schneider möchte, dass diese keine Nachweise erbringen müssen, weil Deutschland entwaldungsfrei wirtschafte. Das soll gerade Mittelständler entlasten.

Solange die Entwaldungsverordnung das nicht garantiert, findet Schneider, müsse sie verschoben werden. Im Dezember fand die EVP zusammen mit konservativen und rechten Parteien im EU-Parlament die Mehrheit für einen weiteren Aufschub – und wird von anderen Fraktionen kritisiert. Sie befürchten, die Verordnung werde verwässert und verliere ihr ursprüngliches Ziel, nämlich illegale Entwaldung einzudämmen, aus dem Blick.
In Nono Benja könnten Mulugeta Kenea und seine Frau Mulu Tashome eine Nebenwirkung der Entwaldungsverordnung zu spüren bekommen, die in der EU wohl niemand vorhergesehen hat. Denn sie könnte zu dem führen, was sie vermeiden will: Entwaldung. Auf seinem Hof breitet Mulugeta Kenea die geernteten Kaffeekirschen in der Sonne aus. Wie ein Meer liegen die hellroten Kaffeekirschen ausgebreitet auf einem mehrere Meter langen Tisch.
Kenea machen die Folgen der Verordnung Angst
Kenea fährt mit seinen Händen durch Abertausende von Kirschen, häuft sie auf und verteilt sie neu, damit jede von ihnen ordentlich trocknen kann. So üppig wie dieses Jahr war die Ernte noch nie. Normalerweise schaffte er es, sein Land nur mit seiner Familie zu bewirtschaften. Doch in diesem Jahr musste Kenea in der Erntezeit bis zu acht Helfer am Tag einstellen. Sind die Kirschen einmal getrocknet, bringt Kenea sie zum nächsten Markt.

Die Frage, ob er seinen Kaffee dort in ein paar Monaten noch rentabel verkaufen kann, macht ihm Angst. Die Entwaldungsverordnung hätte nicht nur Folgen für sein Einkommen, sondern könnte potentiell die gesamte Umgebung treffen. War Kenea anfangs noch eine Ausnahme, gibt es heute etwa 2500 Kaffeekleinbauern in Nono Benja. Sie alle haben zu Beginn Bäume für den Kaffee gepflanzt. „Kaffee an sich ist doch schon ein Wald“, sagt er. „Ich kann ja mein Feld zeigen, wo ich noch die Monokulturpflanzen anbaue.“
Auf dem Nachbarfeld, direkt gegenüber vom Kaffeewald, wächst immer noch Mais und Hirse. Dünne, gelb-grüne Maispflanzen, alle unterschiedlich hoch. Von dem satten, dunklen Grün des Kaffeewaldes fehlt jede Spur. „Es ist genau das Gegenteil“, sagt er. In dem Moment, von dem an Kenea und die anderen Kleinbauern ihren Kaffee nicht mehr rentabel verkaufen können, werden sie zur Subsistenzwirtschaft zurückkehren. Dafür werden sie ihre Bäume fällen, um wieder mehr Platz für Mais und Hirse freizuräumen.
Die Kaffeezeremonie dauert hier zwei Stunden oder länger
Dabei ist Kaffee nicht nur wirtschaftlich in Äthiopien wichtig. „Niemand trinkt Kaffee allein“, sagt Keneas Frau Mulu Tashome, 35, ein Tuch um den Kopf gewickelt, trotz der warmen Temperaturen in Strickjacke. „Wenn wir Kaffee zubereiten, müssen wir unsere Nachbarn einladen, und dann reden wir über gesellschaftliche Probleme.“ Äthiopien ist eines der wenigen afrikanischen Länder, das Kaffee nicht nur selbst produziert, sondern auch eine ausgeprägte Kaffeekultur hat. Die traditionelle Kaffeezeremonie kann mehr als zwei Stunden dauern. Dafür bleibt mehr als die Hälfte der produzierten Kaffeebohnen für den Eigenverzehr im Land. „Kaffee hat für uns einen sozialen Wert“, sagt Tashome.
Früher mussten sie Bohnen teuer einkaufen, heute füllt Tashome mehrere Handvoll von den getrockneten Kaffeekirschen in einen ausgehöhlten Baumstumpf und beginnt, sie mit einem robusten Ast zu zerbröseln. Mit jedem Stoß lösen sich die roten Schalen von den Bohnen. In einem Sieb filtert sie die Überreste raus, bis nur noch die weißen Kaffeebohnen übrig bleiben.
Auf einer kleinen Lichtung mitten im Kaffeewald haben sich ihre Familie und Nachbarn auf Bänken, Holzpflöcken und Hockern zusammengefunden. Tashome gibt die hellen Kaffeebohnen in eine Pfanne, die auf einer Feuerschale liegt. Darunter glüht noch die Holzkohle. Mit konzentrierter Miene wendet Tashome die Kaffeebohnen so lange, bis sie fast schwarz sind. Dreimal werden sie nun aufgegossen.
In kleinen henkellosen Tassen serviert sie ihren Nachbarn den schwarzen Kaffee und reicht ihnen dazu kleine Stückchen Brot, Süßkartoffeln und Wurzeln. Noch zählt die EU-Entwaldungsverordnung hier nicht zu den gesellschaftlichen Herausforderungen, die sie miteinander diskutieren. Doch wenn das Gesetz tatsächlich wie geplant zum Ende des Jahres in Kraft tritt, könnte sich das bald ändern.
