
Verfolgt man die Debatte, die sich in Serbien nach dem Tod des serbischen Kriegsverbrechers Ratko Mladić entwickelt hat, drängt sich die Frage auf, was sich in dem Balkanstaat in den vergangenen drei Jahrzehnten eigentlich verändert hat. In den frühen Neunzigerjahren unterstützte eine Mehrheit der Serben die großserbische Eroberungspolitik des Autokraten Slobodan Milošević, der drei Kriege vom Zaun brach und 2006 in der Haft des UN-Tribunals für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag an einem Herzinfarkt starb. Nur eine Minderheit stand – angeekelt und beschämt, aber aufrecht – von Anfang an dagegen.
Zwanzig Jahre nach Milošević ist nun auch der grausamste Exekutor von dessen Politik gestorben. Der frühere serbische General Ratko Mladić erhielt 2017 vom Haager Tribunal eine lebenslange Haftstrafe. Er wurde des Genozids in Srebrenica, der Belagerung Sarajevos, der Geiselnahme von Blauhelmtruppen und vieler anderer Verbrechen während des Bosnienkrieges für schuldig befunden. Manche Aussagen der serbischen Führung erwecken indes den Eindruck, nicht Milošević, Mladić und ihre Schergen, sondern die Richter des Haager Tribunals seien die Verbrecher.
„Wir haben jetzt gesehen, dass Den Haag Mladićs Tod hinter Gittern wollte. Sie wollten nicht erlauben, dass der General in Serbien stirbt, dass er dort stirbt, wo er es wollte“, sagte Serbiens Präsident Aleksandar Vučić. Das sei „ein antizivilisatorisches Verhalten, ein präzedenzloses Verhalten ohne jede Rechtfertigung“. Die Einsicht, dass ein auf lebenslang lautendes Urteil just das bedeuten kann – eine lebenslange Haft, die den Tod des Verurteilten im Gefängnis einschließt, schien dem Präsidenten nicht in den Sinn zu kommen. Immerhin sprach er nicht davon, dass Mladić ein Staatsbegräbnis erhalten werde. Vučić sagte stattdessen: „Ich weiß nicht, wie die Bräuche bei den Muslimen sind, aber ich kenne sie bei den Orthodoxen. Es gibt den Ausdruck ‚über Tote nur Gutesʻ“, so der Präsident.
Ist das UN-Tribunal eine „Terrororganisation“?
In der zu Bosnien-Hercegovina gehörenden bosnischen Serbenrepublik nahm Milorad Dodik, deren mächtigster Politiker, an einer kirchlichen Gedenkfeier teil und entzündete Kerzen für Mladić. Oppositionsführerin Jelena Trivić sagte, Bosniens Serben hätten Mladić ihre Freiheit zu verdanken: „Er hat das Schicksal des serbischen Volkes immer über alles gestellt.“ Nach seinem Tod stehe Mladić nun Schulter an Schulter „mit anderen bedeutenden Persönlichkeiten der großen serbischen Geschichte“, so Trivić.
Regierungsnahe Medien in Serbien behaupteten (ähnlich wie 2006 nach Miloševićs Tod), Mladić sei vom UN-Tribunal „ermordet“ worden. Das Tribunal sei „eine Terrororganisation“. Der einstige serbische Innenminister und Geheimdienstchef Aleksandar Vulin sagte, Serbien schulde Mladić außer einem Staatsbegräbnis auch einen staatlichen Trauertag. Der formale Chef der de facto von Vučić geführten Regierungspartei SNS kritisierte, dass Mladić von einer früheren Regierung überhaupt an das Tribunal überstellt wurde. Unterstützung für solche Rhetorik kam von der russischen Botschaft: „Anlässlich des Todes von General Ratko Mladić drücken wir seiner Familie und seinen Nächsten unser aufrichtiges Beileid aus“, teilte Moskaus Repräsentanz in Belgrad mit.
Doch es gab und gibt auch Gegenstimmen. Etwa vom früheren serbischen Oppositionsführer Vuk Drašković, der einst selbst ein serbischer Nationalist war, sich aber schon vor Jahrzehnten davon abgewandt hat, und das nicht nur aus taktischen Gründen wie manch anderer. Die Glorifizierung Mladićs sei „eine beschämende und unverzeihliche Verherrlichung der schrecklichen Verbrechen, für die er verurteilt wurde. Serbien steht vor einem geistigen Abgrund“, sagte Drašković laut dem Belgrader Portal „Danas“ (Heute). Eine Beisetzung Mladićs mit staatlichen Ehren „wäre eine Beisetzung der moralischen, rechtlichen und allgemein-menschlichen Grundlagen des heutigen Serbien“.
Will die serbische Gesellschaft überhaupt nach Europa?
Die Organisation „Frauen in Schwarz“ kritisierte, dass der Völkermord in Serbien nicht nur geleugnet werde, sondern dass seine Täter als Helden gefeiert würden. Dies zeige, „dass dieser Staat und diese Gesellschaft nicht den Weg der europäischen Integration einschlagen wollen“. Es gelte, eine Gesellschaft und staatliche Institutionen aufzubauen, „die aufhören werden, Kriegsverbrechen und Kriegsverbrecher zu feiern, und die stattdessen Verantwortung dafür übernehmen und sich davon distanzieren, indem sie sie verurteilen“. Dies sei das Mindeste, was für die Opfer getan werden könne. Die Gerichtsurteile gegen Mladić sollten Schulstoff in Serbien werden, so die Organisation sinngemäß.
Sonja Biserko, die langjährige Vorsitzende des serbischen Helsinki-Komitees für Menschenrechte, bezeichnete die Reaktionen auf Mladićs Tod „in Teilen der politischen, intellektuellen und breiteren gesellschaftlichen Eliten Serbiens“ als „zutiefst beunruhigend“. Sie zeigten: „Serbien hat sich niemals wirklich mit der Niederlage jener Politik befasst, die zu den Kriegen der 1990er-Jahre geführt hat, und ebenso wenig mit deren Folgen.“ Statt diese Politik zu rügen, „hält ein bedeutender Teil der serbischen Gesellschaft an einer Erzählung fest, in der die Kriege als historisches Unrecht an den Serben dargestellt werden, während jene, die sie geführt haben, als Männer präsentiert werden, die für die Freiheit des serbischen Volkes gekämpft hätten“. Diese Ideologie sei weiterhin tief im politischen und gesellschaftlichen Bewusstsein Serbiens verankert, auch bei Teilen der jüngeren Generation, „die sich selbst als Trägerin des demokratischen Wandels versteht“.
