
Dass Jung und Alt ohne Probleme in einem Haus zusammenwohnen können, beweist die Wohngemeinschaft im Berliner Stadtteil Grünau. Hier wohnen sieben Bewohner in einem großen Haus mit Garten: Singles und Pärchen, die Altersspanne liegt zwischen 30 und 70 Jahren. Die Miete beträgt rund acht Euro je Quadratmeter.
Im großen Ganzen läuft es recht harmonisch ab. „Lediglich wegen der gemeinschaftlichen Tiefkühltruhe zoffen wir uns manchmal“, sagt Ilona Seyfarth, die Gründerin der Wohngemeinschaft (WG). Jede Wohneinheit ist zwischen 40 und 60 Quadratmeter groß und ausgestattet mit Bad und Küche. Es gibt auch einen Putzdienst. Unter dem Dach ist der große Gemeinschaftsraum, wo die Bewohner jede Woche zu einem Videoabend zusammensitzen.
Senioren stehen vor der Schwierigkeit, was mit dem Haus oder der Wohnung passieren soll, wenn die Kinder ausgezogen sind und der Partner verstorben oder auch ausgezogen ist. Internetportale bringen Senioren, die eine zu große Wohnung haben, mit anderen Menschen zusammen, um sich Wohnraum zu teilen. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa stehen Senioren dem Leben in einer Wohngemeinschaft ziemlich aufgeschlossen gegenüber: Zwei von drei Senioren sollen sich demnach vorstellen können, mit fremden Menschen zusammenzuwohnen. Diese Art der WG richtet sich allerdings eher an rüstige Senioren. Für pflegebedürftige Senioren gibt es einen eigenen Markt mit betreuten Wohnungen.
Die Wohngemeinschaft bietet Vorteile: Einsamkeit gehört der Vergangenheit an, Kosten sinken, die Lebensqualität steigt. Doch auch Schwierigkeiten entstehen wie in jeder WG: Der eine hat ein anderes Gefühl für Ordnung und Sauberkeit als der andere. Manche sind geräuschempfindlicher, andere geruchsempfindlicher.
Aus einer alten Gaststätte wird eine große Wohngemeinschaft
Hartwig Michelsen hat eine ehemalige Gaststätte in Rehm-Flehde-Bargen im Kreis Dithmarschen zu einer Senioren-WG umgebaut. „Schmidt’s Gasthof bei Wiebke und Harry“ hieß der Gasthof einmal und hat eine 100-jährige Geschichte. „Wir setzen ja hier ein bisschen auf die alten 68er, die haben ja schon WG-Erfahrung“, scherzt er. Im Erdgeschoss befinden sich hier rund 400 Quadratmeter Fläche, in denen Michelsen sechs altersgerechte Wohnräume eingerichtet hat. Jede Einheit verfügt über ein eigenes Bad, es gibt eine Gemeinschaftsküche. Als Mietpreis gibt er acht bis neun Euro je Quadratmeter an.
Vor drei Jahren zogen die ersten WG-Mitglieder ein, es gab eine lange Warteliste. Für die WG hat er sogar eine eigene Internetseite angelegt. „90 Prozent der Anfragen kommen von Frauen“, sagt Michelsen. „Im Moment haben wir fünf Frauen und einen Mann im Alter zwischen 60 und 70 Jahren.“ Er fügt an, dass die Gemeinschaft sehr gut vorankommt. Wichtig sei das Mitspracherecht der Mitbewohner, wenn ein Zimmer neu vermietet wird.
Eine Form ist die reine Senioren-WG für ältere Menschen: Kosten für Haushaltshilfen und Pflegekräfte können hier geteilt werden. Dann gibt es die Mehrgenerationen-Gemeinschaft, in der Senioren mit jüngeren Leuten zusammenwohnen, wobei nicht ausgeschlossen ist, dass die Jüngeren den Älteren bei gewissen Tätigkeiten helfend zur Seite stehen. Eine Variante hierbei ist das Modell „Wohnen gegen Hilfe“: Eine oder mehrere der jüngeren Bewohner wohnen kostenlos oder müssen weniger zahlen, wenn sie älteren Bewohnern im Alltag zur Hand gehen.
Dass eine Senioren-WG auch recht amüsant sein kann, hat Juliane Scholz in dem Buch „Die fidele Alten-WG in Laboe“ aufgeschrieben. Darin beschreibt sie, wie drei Paare im besten Alter, die anfangs „gar keinen Bock“ auf eine Wohngemeinschaft haben, sich in einer viktorianischen Villa im Ostseebad Laboe zusammenraufen. Die altersschwache Villa wurde unter der Regie der Bewohner in vier große Wohneinheiten umgebaut, samt einem toskanisch gestalteten Innenhof und einem Kaminraum. Einer der Bewohner war Architekt, der einen ausgefeilten Plan entwarf, wie man die abgetakelte Villa wieder auf Vordermann bringen konnte.
Bei den Anzeigen in Portalen ist mittlerweile eine gute Bandbreite an Charakteren vertreten. Da sucht eine 58 Jahre alte Frau, die eine 180 Quadratmeter große Wohnung auf einem alten Gutshof hat, eine etwa gleichaltrige Mitbewohnerin, für die sie zwei helle, großzügige Zimmer anbietet. Küche, Bad und Esszimmer werden geteilt. Sauberkeit und Ordnung schätzt sie sehr, genauso wie einen freundlichen und achtsamen Umgang. Auch alternative Wohnformen für Senioren sind im Angebot: In der Nähe Erlangens leben sechs Menschen zwischen 56 und 80 Jahren auf einem Bauernhof und vermieten zwei Wohnwagen und einen Bauwagen an weitere Mitbewohner.
Nicht jeder Senior möchte aber aus seiner angestammten Behausung ausziehen, auch wenn sie zu groß geworden ist. Angelika Berthel, 78 Jahre alt, aus Elliehausen in Niedersachsen lebt allein in dem Haus mit Garten, in dem früher ihr Mann und ihre beiden Töchter wohnten. „Ich hänge an diesem Haus und möchte nicht ausziehen, solange ich den Garten noch allein bearbeiten kann“, sagt sie. Ihr Umfeld, in dem sie seit Jahrzehnten wohnt, möchte sie auf keinen Fall missen. Für später hat sie sich aber eine seniorengerechte Wohnung direkt in Göttingen reserviert.
