Am Montagmittag gegen 12 Uhr fielen in der Dankersstraße 29 in Stade Schüsse. Wenig später raste ein Mercedes GLE durch die Innenstadt. Der mutmaßliche Schütze, ein 45 Jahre alter in Deutschland geborener Mann mit türkischen Wurzeln, saß auf dem Beifahrersitz. Die Polizei konnte das Auto stoppen. Im Netz kursierten bald Bilder eines Wagens mit zerschossenen Reifen. Die Polizei meldete kurz darauf fünf Tote; ein sechstes Opfer verstarb wenig später im Krankenhaus. Vier Frauen und zwei Männer.
Auch zwei Tage später sitzt der Schock nach der Gewalttat in der kleinen Hansestadt an der Unterelbe tief. Am Dienstagabend gedachten viele Menschen in der St.-Wilhadi-Kirche in einem Gottesdienst der Opfer. Unterdessen leuchten die Ermittler die Hintergründe des Geschehens aus.
Der Vater nahm laut Polizeibehörden am Montag an einem Hilfeplangespräch in einer privaten Jugendhilfeeinrichtung, einem Wohnheim für Mütter und ihre Kinder, teil. Darin sei es um das Sorgerecht für die drei Monate alte Tochter des mutmaßlichen Täters gegangen. Die Mutter des Kindes, 34 Jahre alt, hielt sich ebenfalls im Gebäude auf.
Patentante des Kindes schrieb „Chronologie eines Alptraums“
Das Fluchtfahrzeug wurde von einer 65 Jahre alten Frau gesteuert, die nach Angaben der Polizei eine „enge Verbindung“ zur Familie des Täters aufweist. Die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ (HAZ) berichtet, dass es sich bei ihr mutmaßlich um die Patentante des drei Monate alten Kindes handelt, die wenige Tage zuvor das Vorgehen der Behörden gegen den Kindsvater in einem Schreiben an mehrere Medien kritisiert hatte.
In dem 20 Seiten langen Dokument mit dem Titel „Chronologie eines Alptraums“ werfe sie Ärzten und Mitarbeitern der Jugendhilfe vor, den Vater zu Unrecht für gefährlich zu halten. Die Ärzte und Mitarbeiter hätten vom Vater des drei Monate alten Säuglings das Bild eines „aggressiven, unberechenbaren Mannes“ gezeichnet.
Auf eine F.A.Z.-Anfrage dazu äußerten sich die Behörden der Region Hannover zu den Vorwürfen der Patentante nicht. Sie verwiesen auf Schweigepflicht, Datenschutz und Persönlichkeitsrechte.

Wie die HAZ unter Bezugnahme auf das Schreiben der Patentante berichtet, sollen die Eltern das Kind im April in Hannover wegen Zuckungen ins Krankenhaus gebracht haben. Bei den Ärzten sei die Vermutung aufgekommen, dass der Vater das Kind geschüttelt habe. Sie hätten die Behörden darüber in Kenntnis gesetzt.
Die Staatsanwaltschaft Hannover teilt dazu der F.A.Z. mit, dass es Ermittlungen „wegen des Verdachts von Misshandlung von Schutzbefohlenen“ gegen beide Elternteile gebe. Laut den Behörden entzog man den Eltern deshalb zuerst das sogenannte Aufenthaltsbestimmungsrecht des Kindes. Später ordneten sie die Inobhutnahme des Kindes an. Der Säugling sollte so vor Gefahren durch seine Eltern geschützt werden.
Gegen den Vater läuft zudem ein Verfahren, weil er das Klinikpersonal bedroht haben soll, wie die Staatsanwaltschaft Hannover bestätigt. „Die Beleidigungen müssen über das übliche Maß hinausgegangen sein“, sagt der Sprecher der Ermittlungsbehörde.
Ärzte warfen dem mutmaßlichen Täter vor, sein Kind geschüttelt zu haben
Die Polizeibehörden hatten mitgeteilt, dass der Vater vor der Tat nicht als „absolut gewalttätig“ galt, aber polizeibekannt gewesen sei. Für eine gewisse Bedrohungslage spricht, dass am Montag drei Mitarbeiter des Jugendamtes der Region Hannover zu dem Gesprächstermin nach Stade reisten, die vermitteln sollten. Sie sind unter den Todesopfern. Die anderen drei Opfer arbeiteten für die Jugendhilfeeinrichtung in Stade.
Bei einem Hilfeplangespräch ist üblicherweise keine Polizei anwesend. Sie werde nur in besonderen Gefährdungslagen angefordert, teilte das niedersächsische Sozialministerium am Mittwoch mit. „Es gab vereinzelt Fälle in der Vergangenheit, wo auch die Polizei dazugeholt wurde von der Kommune, vom Jugendamt, wenn die Gefahrenlage so eingeschätzt wurde, dass das nötig ist“, sagt eine Sprecherin des Ministeriums.
Gegen den Tatverdächtigen wurde mittlerweile Haftbefehl erlassen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen sechsfachen Mordes gegen ihn, wie sie in einer Mitteilung schrieb. Die zuständige Polizei hat für die Ermittlungen eine Mordkommission gebildet. Die Kindsmutter sowie die Fahrerin des Fluchtfahrzeugs wurden nach der Tat zunächst ebenfalls in Gewahrsam genommen. Die Staatsanwaltschaft hat allerdings keine Anträge auf Untersuchungshaft gestellt, beide wurden mittlerweile wieder auf freien Fuß gesetzt.
